Nächste Haltestelle "Hades"

U-Bahn Was wäre, wenn die Endstation der U3 Richtung Nordwesten nicht wie in gewohnter Weise „Otta­kring“ anzeigt, sondern direkt nach „Dawson City“ in Kanada führt? Was, wenn die U2 anstatt „Stadion“ die Insel „Syros“ in Griechenland als Endstation hat? Wien als Tor zu anderen Metropolen, als wahre Weltstadt? Die entsprechenden U-Bahnein- bzw. -ausgänge sind längst vorhanden. Einzig die Verbindung fehlt …

Der Künstler Martin Kippenberger spielt in seinem Projekt „Metro-Net“ mit ebendieser Vorstellung eines weltumspannenden U-Bahnnetzes. Als reale Komponenten des künstlerischen Projektes baute er 1993 seinen ersten U-Bahneingang – in Syros. 1995 wurde in Dawson City ein U-Bahneingang installiert, zwei Jahre später auf dem Gelände der Leipziger Messe. Der Bau orientierte sich dabei an den jeweiligen architektonischen Gegebenheiten: Gebaut wurde mit Materialien der Region. Eine möglichst genaue Imitation der baulichen Strukturen vor Ort sollte die U-Bahneingänge genauso beiläufig und selbstverständlich erscheinen lassen wie „echte“ U-Bahneingänge in den Metropolen dieser Welt.
U-BahnAuf den ersten Blick fügen sich die Eingänge nahtlos in ihr Umfeld ein, werden zu einem unaufgeregten Teil des Alltags, der nur allzu leicht übersehen werden kann. Erst auf einen zweiten Blick, spätestens beim versuchten tatsächlichen Begehen-Wollen, stellt sich die Irritation ein: Die U-Bahneingänge führen ins Nirgendwo, stecken als blinde Zugänge im Boden fest – was im Untergrund passieren könnte, öffnet den Raum zur Imagination. Eine direkte Verbindung Dawson City – Wien ist so ebenso vorstellbar wie der Eingang in Griechenland als Tor zum Hades …
Zusätzlich plante Kippenberger stationäre Lüftungsschächte in der Normandie und in Tokio, die vom Tonband abgespielte ­U-Bahn­geräusche hörbar und warme Luftströme spürbar machen sollten. Auch hier war eine möglichst alltagsgetreue Wiedergabe Teil des Konzeptes – je beiläufiger sich die Installationen in die Alltagswelt einfügten, umso näher kam dies Kippenbergers Projektverständnis.
Die Laute einer vorbeifahrenden U-Bahn aus den Ventilationslöchern simulieren Mobilität, verweisen auf die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Transportsystems. Im Falle Kippenbergers einer scheinbaren Funktionsfähigkeit, die besonders dann als vorgetäuschte augenscheinlich wird, wenn Lüftungsschächte in Gegenden auftauchen, die weit entfernt von U-Bahnnetzen sind: am Land, im Wasser, in einem Garten – oder wo auch immer Kippenberger sein Metro-Net erscheinen lässt.
U-Bahn Leider sind viele Pläne und Zeichnungen Kippenbergers nie realisiert worden, da er im Alter von nur 44 Jahren 1997 an den Folgen seines übermäßigen Alkoholkonsums starb. Etliche Kuratoren entwickelten zwar seine Metro-Net-Idee teilweise weiter, vermeintlich im Sinne Kippenbergers – die posthumen Ermächtigungen über Kippenbergers Werk und seine Umsetzung hatten aber mit Kippenbergers Konzept der Alltagsirritationen meist wenig zu tun.
Noch ist Martin Kippenbergers Konzept eines weltumspannenden U-Bahnnetzes Imagination. Doch aus einer Vorstellung kann ganz leicht Wirklichkeit werden oder nach Martin Kippenberger:

„Heute denken
morgen fertig.“

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.