Nachrichten aus der Tretmühle

Sie bildungsprivilegierteR, ökonomisch unterforderteR MinderpigmentierteR mit eurafrasischem Völkerwanderungshintergrund! – Doch. Fast alle, die diesen Artikel lesen, sind so etwas.

Humpty Dumpty hat es sich zu einfach vorgestellt: Wir können unsere Wörter nicht, auch nicht gegen Schwerarbeitszulage, alles heißen lassen, was wir damit meinen möchten; außer, es sind selbsterfundene. Jeder normale Wortgebrauch gründet sich auf ein Myzel, besser: eine Wolke zumindest jahrhundertelanger Bedeutungsverschiebungen, und wer ein Wort wann in welchem Sinn zuerst in den Mund genommen hat, ist meist ungefähr so bestimmbar wie der Wochentag des Urknalls.

„Portier“, „Türsteher“, „Kardinal“ (jemand, der mit der Türangel, lat. cardo, zu tun hat) und „Zuhälter“ (jemand, der eine Tür geschlossen hält) mögen ihrer „eigentlichen“ Bedeutung nach praktisch dasselbe sein; dennoch titulieren wir den Hotelportier nicht mit „Eminenz“ und unterscheiden den Türsteher einer Disco vom Manager eines Bordells. Jeder kriegt diese Unterscheidung hin, und so kränkt sich niemand.
Seit den späten 1980ern weist aber ein bestimmter Menschenschlag mit erhobenem Zeigefinger auf Worte hin, die wir bisher für unschuldig gehalten hatten, attestiert ihnen einen negativen Beigeschmack und fordert, sie durch andere zu ersetzen; den Ersatzwörtern passiert dann bald darauf das gleiche. Erst wurde „negro“ zum Schimpfwort, dann „black“, und inzwischen kann man in den USA geklagt werden, wenn man einen „African American“ als „Afro-American“ bezeichnet. Der kanadische Pop-Psychologe Steven Pinker hat für dieses Auswechselspiel den Namen „euphemistic treadmill“ geprägt und hält es für ein allgemeines Sprachphänomen, das (wenn ich ihn richtig verstehe) in der menschlichen Psyche von vornherein angelegt sein könnte. Aber wenn die Tretmühle uralt ist, warum läuft sie erst seit gut zwanzig Jahren?

Von wegen euphemistisch

Uns fällt auf, daß die Tretmühle gerade nicht bei den Dingen ansetzt, für die man traditionell Euphemismen zu benutzen pflegte. Scheiße war immer schon etwas Unfeines, darum graben Paläontologen Saurier-Exkremente aus, und auf den Straßen liegt wie eh und je Hundekot. Eher läuft sie dort umgekehrt: Den Gottseibeiuns nennt heute jedermann den Teufel. Sexuelle Praktiken, von denen früher nur Ärzte in gedämpftem Ton auf Latein sprachen, kann heute jeder Teenager mit lustigen Slangausdrücken benennen (dank Internet). „Schwul“ ist kein Schimpfwort mehr, sondern eine stolze Selbstbezeichnung (und „homosexuell“ klingt lächerlich förmlich, nach Wahlkampfrede oder Polizeiprotokoll).
Was die Tretmühle meist auswirft, sind Bezeichnungen für Personengruppen, die sich durch ihre bisher gängige Bezeichnung angeblich herabgesetzt fühlen – oder (nach wessen Willen auch immer) fühlen sollten? In diesem Zusammenhang lohnt es sich, einige Punkte anzuführen, die untereinander so vernetzt sind, daß ihnen nur schwer eine Reihenfolge zu geben ist.

1) Schimpfwort vs. Tretmühlprodukt

Tatsächlich pejorative Ausdrücke sind entweder so generisch, daß sie auf jegliche Person passen („Schweinehund“), oder es fällt leicht, die neutrale Entsprechung dazu anzugeben: zu „Blutsauger“ etwa „Finanzminister“, oder „katholischer Priester“ gegenüber „Kinderschänder“ (was in jüngster Zeit tatsächlich vielen Soutanenträgern ungerechtfertigt zugerufen wurde). Außerdem sind sie meist situationsgebunden und ändern sich rasch, während die neutrale Benennung lange gleich bleibt. Gewisse Feinde Österreichs im 1. Weltkrieg hießen „Katzlmacher“, ungeliebte Gastarbeiter in den 1960ern oder etwas später die minder geschätzten Einheimischen im Urlaubsland „Spaghettifresser“, und was heute aus Touristenbussen über Wiens schönste Plätze strömt, sind Scharen von „Ithakern“ – damals wie jetzt ist die neutrale Bezeichnung „Italiener“ (und wir haben keinerlei Probleme mit ihnen, und wir essen selbst gern Spaghetti).
Umgekehrt ist es dort, wo die Tretmühle arbeitet. Man wußte jahrhundertelang, daß „nigger“ ein abschätziger Begriff war, und sagte als netter Mensch „negro“. Als dann auch das Farbwort „black“ als böse denunziert war, gingen dem Englischen die harmlosen Synonyme aus, und das schwerfällige „Afro-American“ mußte erst erfunden werden.

2) Schwer manövrierbar

„Zigeuner“ sagt man nicht, man sagt „Sinti und Roma“. Fein, solange man im Plural von ihnen spricht. Aber: „Mein Freund Panelon ist ein Sinto und Rom, seine Frau Mara ist eine Sintiza und Romni, und ihre beiden Töchter sind“ – ei verdammt, wie geht denn nun die weibliche Mehrzahl? Spricht jemand von Ihnen Romanes? Und was mache ich, wenn ich splitten will (ein Pendant zu „ZigeunerInnen“)? Und sind die wirklich alle Sinti und Roma? Ja, sind sie. Die Sinti sind eine Teilethnie der Roma, also ist jeder Sinto auch ein Rom; und die meisten Roma im deutschsprachigen Raum gehören tatsächlich zu den Sinti. Aber nicht alle, und woanders ist es anders; und die Sinti in Frankreich nennen sich Menouches, und anderswo noch anders. Und die Situation kann sich ändern, da diese Leute traditionsgemäß wandern. Der vermeintlich neutrale Ausdruck ist also orts- und zeitgebunden; und so international er klingt, ist er nur begrenzt übertragbar.
Zu „African American“ sollte man eigentlich leichter Entsprechungen finden können. Aber gehen Sie einmal ins kenianische Restaurant oder in den nigerianischen Lebensmittelladen und nennen Sie die Leute dort „Afrikanische Österreicher“. (Tun Sie es wirklich – ich habe keine Ahnung, was dann passiert. Der Ausdruck ist so fremdartig, daß ihn wahrscheinlich niemand versteht.) Ihre Bekannte, deren Haut die Farbe von Schweizer Bitterschokolade hat, stammt eventuell aus Haiti oder Brasilien, und keiner ihrer Vorfahren in den letzten acht Generationen hat Afrika auch nur von weitem gesehen. Paßt auf sie die Bezeichnung „Afrikanische XY“ oder irgendein Kompositum mit „-afrikanerin“?

3) Synonymität?

Gerade das berühmteste Beispiel für die Euphemismen-Tretmühle zeigt, daß schon das Produkt der ersten Schritte nicht mehr synonym mit dem Ausgangswort ist. „Black“, rein von der Hautfarbe her betrachtet, sind etwa auch die australischen Aborigines, die meisten Bewohner der Andamanen oder die Mani im Süden Thailands; die hatte man aber nicht gemeint, die Bedeutungserweiterung war ein zufälliges Nebenprodukt. (Übrigens, siehe Punkt 2, konnten diesen Schritt nicht alle Sprachen mitvollziehen; im Spanischen blieb „negro“ gleich „negro“.) „Afroamerican“ war demgegenüber eine radikale Einschränkung – und gleichzeitig eine Erweiterung nach anderer Seite. Denn ebenso wie „Afrikaner“, womit wir es im Deutschen eine Zeitlang probiert haben, inkludiert es Araber, Berber und eine Reihe anderer (hellhäutiger) Völker, bis hin zu den Nachkommen europäischer Siedler in Südafrika, die sich „Afrikaaner“ nennen – und manche von ihnen mögen nach Amerika gezogen sein, wären aber vermutlich nicht so gern African Americans.
Hier ließe sich die Mühle anhalten, indem man einfach aufgibt, nach einer allgemeinen Bezeichnung zu suchen. Im Umgang mit Individuen geht das ja auch sehr schön: Herr Ikechukwu Oguibe ist ein Yoruba aus Südwest-Nigeria. Aber manchmal möchte man doch zusammenfassen. Ein Lette, ein Ukrainer und ein Moldawier sind drei Osteuropäer. Was sind ein Wolof, ein Mboshi und ein Xhosa? Drei – „Schwarzafrikaner“, pflegte man eine Zeitlang zu sagen, aber wenn Sie Herrn Oguibe fragen, dann goutiert er das Wort nicht. Es klinge ein bißchen rassistisch.

Eine Windmühle?

Gewiß läuft die Mühle auch auf natürliche Weise, allerdings extrem langsam. Über Jahrhunderte hinweg haben wir uns angewöhnt, „Frau“ statt „Weib“ zu sagen, und parallel dazu ist eine höhere Wertschätzung von Frauen selbstverständlich geworden. Ob ein ursächlicher Zusammenhang besteht, ist fraglich. Diesen gar umkehren zu wollen, also den Gesinnungswandel zu bewirken, indem man das Wort ändert, ist eine Donquichotterie. Wer Gastarbeiterkinder verabscheut, schimpft sicher keinen Deut leiser über Jugendliche mit Migrationshintergrund. Wer Prostitution für verwerflich hält, wird das auch noch tun, wenn statt „Hure“ im Wörterbuch nur noch „Sexarbeiterin“ (oder unnötig englisch: „Sexworkerin“) steht. Wenn wir kein Problem damit haben, können wir auch „Hure“ sagen.
Allerdings ist es viel leichter, Wörter zu ändern als gesellschaftspolitische Probleme – kein Kulturkampf, keine Überzeugungsarbeit, nur eine Clique von Publizisten muß sich auf ein paar neue Vokabeln einigen, und der Gutmensch kann sich sagen: „Ämter, Gerichte und Arbeitgeber in den USA diskriminieren Schwarze, aber ich nicht – ich sage brav African American zu ihnen. Frauen werden in Österreich um 40% schlechter bezahlt als Männer, aber ich handle dagegen – ich splitte.“
Mitlaufen in der Tretmühle ist eine Art zu sagen: „Der Status quo ist mies, aber ich bin damit einverstanden“, und das, ohne es zu merken. Die Mühle ist also wohl eine Erfindung der reptiloiden Außerirdischen, die bekanntlich US-Präsidenten ihre Weisungen erteilen. Oder ein Witz von Humpty Dumpty.

Weiterführendes:
Agatha Christie: Ten Little Niggers.
Edgar Wallace: Unter Buschniggern.
Mark Twain: The Adventures of Huckleberry Finn.
Harriet Beecher-Stowe: Uncle Tom’s Cabin.
Erzherzog Josef Carl Ludwig: Zigeunergrammatik (Budapest 1902).
Steven Pinker: The Blank Slate (Penguin 2002).
Günter Wallraff: Schwarz auf weiß (Dokumentarfilm, 2009)

Kommentare

Köstlič!

hehe, Caru (Karu :D), sehr schön!
huhu - bis auf die Grammatik hab ich deine Hinweisbücher gelesen. Pinker liegt da am Tiš. Aber ich hab keinen Artikel geschrieben.

Noch ein Beispiel:

Man darf nicht sagen: "Du schiacher Neonazi."
Es heißt heute: "Kosmetisch stark geforderter liberaler Vertreter der bürgerlichen Mitte."

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