Nachrichten über das Heute

Eine beißende Satire über die Quotenvernarrtheit eines Fernsehsenders, die Morallosigkeit von Medienbranche und Wirtschaft sowie die Machtlosigkeit der Politik: Network (USA, 1976).

I don’t have to tell you things are bad. Everybody knows things are bad. It‘s a depression. Everybody’s out of work or scared of losing their job. The dollar buys a nickel’s worth; banks are going bust; shopkeepers keep a gun under the counter; punks are running wild in the street, and there’s nobody anywhere who seems to know what to do, and there’s no end to it.

Wegen der Wirtschaftskrise? Weil Staatsmilliarden in marode Banken gesteckt werden, die dann trotzdem pleite gehen, statt sie nachhaltig denkend in Bildung und Forschung zu investieren?

Weil Finanzminister, die großartig ein Nulldefizit versprechen, gleichzeitig den Staatshaushalt nachhaltig demolieren und sich selbst sowie ihre Freunde gut aussteigen lassen, uns nachher munter das Blaue vom Himmel heruntererzählen können? Weil Bildungseinrichtungen besetzt werden und Zigtausende auf die Straßen gehen, während die Politik keinen Ausweg sieht bzw. keinen sehen will?

Howard BealeHeuchelei

Nein nein, so schlimm ist’s hier noch nicht bestellt. Wir befinden uns in den USA der 70er Jahre. Die Staaten erleben gerade ihre schlimmste wirtschaftliche Krise seit der großen Depression von 1929 und – welch Zufall – die Schweinegrippe (H1N1) droht, die Bevölkerung zu dezimieren. Landesweite Impfungen werden angekurbelt, mit dem Effekt, dass durch die Impfung mehr Tote zu betrauern sind als durch den Virus selbst. (Ich kann nur sagen: Lernen wir Geschichte!) Soweit die Realität, nun zur Fiktion, der obiges Zitat entstammt.
Howard Beale hat soeben seine ebenso kurze wie wundersame Karriere als angry prophet denouncing the hypocricies of our times begonnen. Nachdem er als Nachrichtensprecher des Fernsehsenders UBS eigentlich gefeuert werden sollte, da seine Quote im Sinkflug begriffen war, hatte er kurzerhand Selbstmord, den er vor der Kamera begehen werde, angekündigt und so das Interesse an seiner Sendung sprunghaft ansteigen lassen. Während sein alter Freund und Ressortvorstand ihn vor den Umständen und sich selbst zu schützen versucht, erkennt die bisher fürs Unterhaltungsprogramm zuständige Diane Christensen die Chance, mit ­Beales volksnahen Deklamationen beim unzufriedenen Publikum Kapital zu schlagen und setzt mit viel Eifer und Durchschlagskraft ihre Vorstellung von der neuen Howard Beale Show durch.

We know the air is unfit to breathe and our food is unfit to eat. And we sit watching our TVs while some local newscaster tells us that today we had fifteen homicides and sixty-three violent crimes, as if that’s the way it’s supposed to be!
_We all know things are bad – worse than bad – they’re crazy. _

Da hilft wohl nur eines. Grenzen zu, MigrantInnen raus. Law and Order! Dann geht’s uns sicher gleich besser …
Ja, in Howard Beale schlägt zumindest zu Beginn ein etwas nationalistisches Herz. In einer späteren Rede wird er gegen eine saudi-arabische Übernahme seines Fernsehsenders wettern, wenn auch dieser ohnehin längst an einen Konzern verkauft ist und seine Eigenständigkeit verloren hat. Doch der Erfolg gibt ihm Recht. Am nächsten Tag versinkt das weiße Haus in Protest-Telegrammen. Populismus wirkt Wunder, die Quote steigt, der Sender freut sich.

Ehrgeiz

Das einzige Problem ist die fehlende Kontrolle. Denn der rasende Nachrichtensprecher ist kein klar definiertes Produkt seiner Programmleitung, sondern ein rhetorisch begabter Wüterich, der launisch auf jeden äußeren Impuls eingeht. Und im Management herrscht Chaos. Da ist Frank Hackett, der vom neuen Besitzer CCA (Communications Corporation of America) eingesetzte Boss, der alles zulässt, was den Umsatz verbessert, und jeden kündigt, der ihm nicht in den Kram passt, da ist die alte Riege der verantwortungsbewussten Fernsehmacher rund um Max Schumacher, Chef der Nachrichtenabteilung, die gerade dabei ist den Löffel abzugeben, und schließlich ist da eben Diane Christensen, die heimliche Hauptperson des Films, die die meiste Zeit die Handlung voran- und die alten Herren vor sich her treibt. Sie ist das Symbol für eine von den Gesetzen der Ökonomie beherrschte Gesellschaft. Sie versteht unter Fernsehen nur Entertainment, benutzt kommunistische Untergrundbewegungen, um ihren Erfolg zu steigern, und macht aus dem seriösen Nachrichtensprecher eine publikumswirksame Schießbudenfigur. Inhalte sind ihr dabei vollkommen egal, die Folgen genauso. „She grew up with Bugs Bunny“, wie Schumacher sagt.

Populismus

It’s like everything everywhere is going crazy, so we don’t go out any more. We sit in the house, and slowly the world we’re living in is getting smaller, and all we say is, “Please, at least leave us alone in our living rooms. Let me have my toaster and my TV and my steel-belted radials, and I won’t say anything. Just leave us alone.”
Well, I’m not going to leave you alone.
I want you to get mad!
I don’t want you to protest. I don’t want you to riot. I don’t want you to write to your Congressman, because I wouldn’t know what to tell you to write. I don’t know what to do about the depression and the inflation and the Russians and the crime in the street.

So funktioniert Populismus. Dem Volk keine Lösungen für seine Probleme geben, sondern die Unzufriedenheit kanalisieren und für die eigenen Zwecke nutzen. Howard Beale weiß wohl nicht, was er tut. Er hat wirklich keine Lösungen und spricht wohl wirklich wie das Volk und für das Volk und aus vollstem Herzen. Aber Christensen bekommt, was sie will, ihr Zweck ist die Quote, ihr Ziel die Nummer Eins im Fernsehgeschäft zu werden. Genauso verhält es sich mit Hackett, und ebenso mit einem Berlusconi, Dichand oder Strache. Wenn das Volk zufrieden wäre, wem würde es dann noch folgen?

All I know is that first, you’ve got to get mad.
You’ve gotta say, “I’m a human being, goddammit! My life has value!”
So, I want you to get up now. I want all of you to get up out of your chairs. I want you to get up right now and go to the window, open it, and stick your head out and yell,
“I’m as mad as hell, and I’m not going to take this anymore!!”

Spätestens wenn Beale seine Entertainmentshow hat – vor vollem Publikum, das wie eine Schafherde blökt: „I’m mad as hell …“, wird klar, wie leer der Satz eigentlich ist. Zorn allein löst keine Probleme; er macht nur unüberlegt. Zornige Menschen sind willige Vollstrecker bösartiger Ideen anderer Köpfe.
Der Film bringt keine Lösung für das Dilemma. Er zeichnet prophetisch mit scharfer Zunge das Bild einer willenlosen Konsumgesellschaft ohne selbstbewusste Individuen. Dunkel ereilt einen das Gefühl, er zeichnet das Heute: All human beings are becoming humanoids. All over the world, not just in America. We’re just getting there faster since we’re the most advanced country.

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