Nachtrag: Unappetitlich – essentiell: Die Maria Lassnig-Schau im Mumok Wien

Schönere, gefälligere Schauen findet man in Wien derzeit viele: Mucha im Belvedere, Picasso im Kunsthaus, Rembrandt in der Albertina – und dennoch war es gut, mit Maria Lassnigs Bildern aus dem „neunten Jahrzehnt“ konfrontiert zu werden. Die alte Künstlerin zeigte sich im doppelten Wortsinn hüllenlos – zum einen physisch (und erzeugt dadurch Angst vor Altern, Verfall und Tod) zum anderen psychisch (und zeigt so eine sympathische geistige Wach- und Regheit, die auf niemanden mehr Rücksicht nehmen muss und gerne Stachel im Fleisch ist). Warum lohnt es, sich mit diesen Bildern (im Katalog erhältlich) auseinander zu setzen?

Weil diverse Selbstbezüge (und Verwirklichungsmöglichkeiten) schonungslos aufscheinen: Ich als „animal (triste)“, als (passive)„Gläubige oder (aktive) Gutgläubige“ (2002), als Sterbliche® im „Sanduhr“(2001)-Bild, der „Lebensqualität“sfrage (2001) verpflichtet: im tätigen lebendigen Sein (schwimmen, Wein trinken, gebissen werden) halten wir uns über Wasser – weit entfernt vom (utopisch-versunkenen) Atlantis des Meeres(Seins-?)grundes. Bevor uns die Galgen des „Krankenhauses“ (2005) ereilen, sollten wir genossen haben: doch die Ambivalenz des Genusses manifestiert sich im (deixartigen) „Don Juan von Österreich“, der bernhardschen Nestbeschmutzung: die Figur kehrt in (der sexuellen) „Sportsnatur“ (die arme Frau), in „Kinderschänder“(das arme Kind) und in „Weltzertrümmerer“(die arme Welt – die armselige Allmachtsphantasie) wieder. Doch nicht nur Pessimistisch-Schwieriges zeigt uns die Kärntnerin, sondern auch unser Bedürfnis nach Unberührtheit und Zärtlichkeit greift sie auf: zauberhafte Schleier in den „Braut und Bräutigambildern“. Hier schafft die einengende „Sprachgitter“ zurück lassen wollende Malerin Hoffnung. Ein guter Versuch, menschliche Seinsart (Sein ist Wahrnehmung) und Lebensfülle auszudrücken! Alles Gute fürs zehnte Jahrzehnt, Maria Lassnig!

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