Nervöser Ausschlag

Reaktion auf den Artikel Beziehungsarbeit (Bagger 16/2010).

Geomantie (Geh! Oh! Mann! und Tie wie „Tea for two“) ist die Kunst und Wissenschaft, einen Fleck Erde vom anderen zu unterscheiden, allein aufgrund des persönlichen Eindrucks, den man von ihm hat – mäßig unterstützt durch Felsen, Himbeerhecken, zufällig auftretende Wasserfälle, aber eher nicht (weil zu instabil) durch Steinpilze. Geomantie ist höchst nützlich. Ohne sie würden wir eine Alm in den Hohen Tauern mit dem Kurfürstendamm in Berlin verwechseln und fänden nie mehr nach Hause. Ähnlich wie ein Navi also – nur ohne Navi. Weshalb nicht leicht zu verstehen ist, warum jemand Geld dafür ausgibt.

Das Wort „Geomantie“ ist zusammengesetzt aus der Vorsilbe Ge-, die für mangelnde Vertrauenswürdigkeit steht, wie in Ge-sindel, Ge-fasel, Hirn-Ge-spinst (vergleiche auch den österreichischen Ausruf: „Na geh!“), und dem griechischen mántis, das „Fangheuschrecke“ bedeutet. Manche wollen das Hinterteil des Wortes auch von „Mantel“ (lat. mantellus) ableiten, wegen des wissenschaftlichen Mäntelchens, das sich Radi-Ästheten (bayrische Landschaftsgärtner, die besonders schöne Rettiche züchten) und andere kleine Voldemorts gerne umhängen.
Geomantie offeriert uns feinsinnige Gründe dafür, daß man ein neues Haus oft auf dem Fundament eines alten baut, daß wir uns auf einer blühenden Bergwiese lieber niederlassen (Ausnahme: Heuschnupfen!) als im Wartezimmer beim Zahnarzt, daß es auf der Achterbahn aufregend ist und in der Kirche fad. Geomantie war schon alt, als die Urindogermanen noch auf Bäumen hausten; ihr hohes Alter teilt sie mit den Wissenschaften und Künsten des Kaffeesudlesens, Pferdestehlens und Geldfälschens.

schwammerlUnsichtbarer Zwischenraum

Geomantie füllt den unsichtbaren Zwischenraum zwischen Irrsinn und Zurechnungsfähigkeit. Wenn fünfzehn Zeitgenossen durch den Stadtpark traben, als liefen sie einem unsichtbaren Hund nach, tippt sich mancher vor die Stirn. Wenn sie die Auskunft geben: „Wir sind GeomantInnen und folgen einem Energiestrom“, sagt ein Großteil der Passanten „Ach so“ und hört auf, die Notrufnummer der Klapsmühle zu wählen.
Der unsichtbare Zwischenraum ist es auch, der Kunst von dem unterscheidet, was keine ist. Wenn ich irgendwo einen Steinbrocken hinlege und sage: „Ich bin Künstler, ich will das so“, sagen die Leute: „He, das kann ich auch! Dafür zahlen wir Steuern?“ Wenn ein Bildhauer im Qigong-Outfit sagt: „Ich lege diesen maskulinen Stein hier hin, weil mir meine introspektive Raumwahrnehmung sagt, daß sich genau hier zwei feminine Energieströmungen kreuzen und zu einem neutralen Energiefeld verdichten“, stammeln dieselben Leute ehrfürchtig „Oh“ und „Ah“ und zahlen Eintritt, um mit der Hand auf den Stein tappen zu dürfen. Man fühlt dabei ein merkwürdiges Kribbeln. Ui! Unter dem Stein ist ein hochenergetischer Ameisenhaufen.
Klar, man darf seine Kunst auf diese Art vermarkten. Höchstens fällt auf, daß die besten Künstler solche Maschen nicht brauchen. Als der chinesische Aktionist Ai Weiwei vorigen Sommer um 50000 € einen Felsblock von Sichuan auf den Dachstein schaffen ließ (wo doch schon genug Steine sind), tat er das, weil er es so wollte. Sollte er dabei „Feng Shui“ gesagt haben, hat er höchstens gemeint: „Der Wind ist feucht heute.“

Wissenschaftlich

Solange es um Kunst geht, darf man natürlich auch wohldefinierte physikalische Begriffe („Energie“, „Feld“, „Strom“, „Resonanz“, „Atmosphäre“) in übertragenem Sinn für Beliebiges verwenden – auch für intuitiv Gefühltes, das sich mit dem Verstand nicht greifen läßt, denn dazu sind Metaphern da. Man kann ruhig erzählen, die Erde sei, außer Planet und geologische Wirklichkeit, auch noch ein großes Lebewesen: mit Händen, Atmung, Blutkreislauf, Schamhaaren und meinetwegen Tentakeln an den Ohren. Originell ist es nicht, Erdgöttinnen sind so alt wie die Menschheit. Aber es gibt ja außer der künstlerischen Freiheit noch therapeutische Zwecke, und die heiligen die Mittel. Wenn man z. B. einen Yuppie ohne Krawatte, Laptop und Handy an ein Flußufer setzt und ihm sagt: „Denk an gar nichts – hör einfach dem Plätschern zu“, tut ihm das wahrscheinlich gut. Er ist reich und kann sich’s leisten. Und in seinem Terminkalender steht das seriöse Wort „Geomantik-Seminar“.
Überhaupt darf jeder an das glauben, was ihm guttut. Man hat uns ja gesagt, daß „eine gewisse Bereitschaft zur Öffnung […] zur Voraussetzung“ für die Geomanterei gehört; mit anderen Worten, sie ist nur für Leute real, die sie mögen. – Wie bitte? „Wissenschaftlich nachgewiesen“? Wer behauptet sowas?

Wissenschaftlich?

Erwin Frohmann, Professor für Landschaftsarchitektur an der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku), ließe sich niemals mit einer Wünschelrute in der Hand erwischen. Klar: Rutengänger und Pendler (die sich auch gern „Geomanten“ nennen) wurden schon tausendmal wissenschaftlich getestet und versagen immer. Er macht auch ausdrücklich nicht Feng Shui (was gerne mit „Geomantie“ übersetzt wird); er benutzt weder Sojasoße noch Stäbchen. Er verwendet eine Maschine namens „Heartman“, die „eine Art EKG“ aufzeichnet. (Eine Art? Und was genau? Erinnert das nicht ein klein wenig an Scientology? Ich hoffe nur, er hat das Gerät mit privatem Geld gekauft und nicht vom Boku-Budget.) Findet er mit dem Ding wenigstens Gold oder so? Zuviel verlangt. Er hat „wissenschaftlich nachgewiesen“, daß Menschen in einem stillen Wäldchen um sechs Herzschläge pro Minute ruhiger sind als neben einem tosenden, kühle Tröpfchen versprühenden Wasserfall. Überraschung! Nächstens wird er noch beweisen, daß man bei Grillenzirpen im Wochenendhaus besser schläft als bei Techno-Gedröhne in der Disco.
Wenn man einen Wünschelrutengänger in den Wasserfall scheucht, registrieren seine Nerven Kälte und Nässe, er regt sich auf und zittert, und dann wedelt die Rute. Jeder Ausschlag radiästhetischer Instrumente kommt letztlich vom Nervensystem – demgemäß wirkt „Heartman“ statt Pendel (und „Energieströme“ statt „Erdstrahlen“) ein bißchen wie des Kaisers neue Kleider. Nun ist ein nackter Kaiser immer noch besser als nichts. Was aber, wenn es gar keinen Kaiser gibt?

schwammerlWissenschaftlich!

Mit ein, zwei gut geplanten Doppelblindversuchen ließe sich leicht feststellen, ob die Wissenschaft „Frohmannsche Geomantie“ überhaupt ein Phänomen zu untersuchen hat. Und das sollte man tun, ehe man das Wort „wissenschaftlich nachgewiesen“ auch nur mit der Feuerzange anrührt. Zum Beispiel so:
1. Frohmann bezeichnet mittels beliebiger Technik eine etwa 1 Quadratmeter große Stelle, die sich nicht zu augenfällig von der umgebenden Landschaft abhebt (z. B. nicht der einzige Baum auf einem Hektar Wiese, oder der einzige Wasserfall weit und breit). Er beschreibt spezifische Reaktionen, die eine ihm genehme Versuchsperson an diesem Punkt zeigt; am besten meßbare physische (z. B. Steigen/Sinken der Puls- oder Atemfrequenz), eventuell auch subjektive, sofern sie klar benennbar sind (Kribbeln, mulmiges Gefühl im Bauch, Müdigkeit etc.). Danach wird ein Quadrat von 10×10 m abgesteckt, das den „besonderen“ Punkt enthält. Jemand, der den Punkt nicht kennt, schreitet mit einer ebenfalls uninformierten Versuchsperson das Areal ab und bezeichnet anhand der beschriebenen Reaktion seinerseits einen Punkt. Weitere Personenpaare wiederholen das (alles ohne Informationsaustausch). Die Wahrscheinlichkeit, daß 4 Menschen zufällig den „richtigen“ von 100 Quadratmetern finden, ist 0,00000001 – man käme also sehr schnell zu einer hochsignifikanten Übereinstimmung. Oder auch nicht.
2. Frohmann protokolliert möglichst exakt die Reaktionen eines Geomanten, der auf einem bestimmten – diesmal beliebig markanten – Punkt der Erde sitzt. Davon wird das abgezogen, was nach Auskunft kompetenter Mediziner aus banalen Ursachen (Temperatur, Geräuschpegel, Luftdruck, Hunger, Durst, eingeschlafene Füße nach fünfstündigem Sitzen etc.) ohnehin zu erwarten ist. Sollte etwas übrigbleiben, nennen wir es die „geomantische“ Reaktion. (Ich wäre neugierig, wie die aussieht!) Ahnungslose Versuchskaninchen werden anschließend einzeln auf denselben Punkt gesetzt, und ein neutraler Beobachter zeichnet jede Empfindung auf, die sie äußern. Die „geomantische“ sollte doch fast bei jedem dabei sein. Oder?

Grenzspezifische Dingswahrnehmung

Signifikante Ergebnisse solcher Versuche könnte man ruhig auch in einer Fachzeitschrift für Medizin veröffentlichen, statt in der „Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen“. Da würde es gar nichts machen, daß Frohmann nicht Mediziner ist, sondern Psychologe. Ach nein, ist er ja nicht, sondern Geologe. Auch nicht? Biologe? Physiker? Nö. Sozio- oder Ethnologe, wo er doch „sozialwissenschaftliche Zugänge“ (welche, wie?) verwendet? Nein. Landvermesser, Agronom, Ökologe? Hol’s die Gaia! Irgendwas muß er doch – ah ja, Landschaftsarchitekt. Wie wär’s, er befolgte zur Abwechslung mal das protokeltische Sprichwort vom Schuster und seinem Leisten und betriebe, äh, Landschaftsarchitektur? – Tut er ohnehin, Geomantie ist nur sein Hobby? Freut mich zu hören. Könnte ich dann bitte mit einem Profi sprechen?
Macht ja nichts. Wen kümmern schon Fachgrenzen. In der Mittelschule war uns klar, daß man von der Englischlehrerin nicht zu viel Gewandtheit im Integralrechnen erwarten sollte und umgekehrt, aber an der Boku ist es sicher anders. Professor ist Professor, jedenfalls vom Forstwesen aus gesehen. Ebenso im Café und Frisiersalon, wo man zwischen Mélange und Dauerwelle die neueste Belletristik aus der Eso-Ecke bespricht. Übrigens, nichts gegen Belletristik. Nur muß auch draufstehen, daß es welche ist. Windeier zu verkaufen ist doch ein ganz klein wenig unredlich.

*Empfehlungen
Gutes Buch: Martin Lambeck, Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, C. H. Beck 2003.
Website: http://bamberg.gwup.org/projekte/geokomiker/index.html

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