O Freunde, nicht diese Töne

  • .. oder: Was ist Tinnitus*

© Beba FinkDie Betroffenen klagen über die Wahrnehmung eines Geräusches, das sie entweder dauerhaft oder phasenweise heimsucht. Die nach erstem Auftreten am besten umgehend aufgesuchten Fachärzte versuchen mittels zweiwöchiger Cortisonschocktherapie gegen das nur subjektiv gehörte Geräusch anzugehen. In der späteren Ausschlussdiagnostik gilt es abzuklären, ob nicht hirnorganische Gründe für das Klingen oder Brummen verantwortlich sind. In den meisten Fällen bringt die Magnetresonanz Entwarnung und lässt den Betroffenen dennoch in Ratlosigkeit zurück: „Was soll ich jetzt tun, um die Geräusche wieder los zu bekommen?“ Das Fazit eines Symposions im oberfränkischen Bad Alexandersbad lautete: Nichts. Denn entweder handelt es sich um einen nichtchronischen Tinnitus, der binnen Halbjahresfrist wieder von selbst verschwindet, oder es wird ein chronischer und mit diesem gilt es, stoisch zu leben. Meistens tritt nach einigen Wochen hypersensibler Aufregung und vergleichender Selbstbeobachtung sowieso eine Gewöhnung ein und der neue selbst produzierte Begleitlärm wird als weniger laut und lästig eingestuft. Wem diese Anpassung misslingt, weil sein Brummen in einer besonders lauten Form auftritt, können Hörgeräte angepasst werden. Diese verstärken/machen ihrerseits echte Geräusche im subjektiv empfundenen Tinnitusgeräuschfrequenzbereich und lenken somit Ohr und Hirn ab, desensibilisieren also. Bevor aber diese Variante angewendet wird, kommt ziemlich sicher der von offensichtlicher schulmedizinischer Mittellosigkeit zeugende Rat: „Reduzieren Sie den Stress in Ihrem Leben!“ Freilich ist ein Mehr an Ruhe zunächst auch ein Mehr an bewusster (den Tönen das Klingen erst ermöglichenden) Selbstwahrnehmung – aber wahrscheinlich ist die Handhabung des Tinnitus als Warnsignal durchaus sinnvoll. Die Suche nach (Di-)Stressoren sollte aber ihrerseits nicht neuen Stress generieren, ferner macht es wohl auch wenig Sinn alle möglicherweise helfenden Techniken „abzuarbeiten“ und im „Hilft/Hilft nicht“-Modus zu klassifizieren. Ein Für-sich-Sorgetragen ist jedem anzuempfehlen, mancher benötigt hierfür gegebenenfalls (weitere) unignorierbarere somatische „Winke mit dem Zaunpfahl“.

Tinnitus und Schwerhörigkeit

Ein Zusammenhang mit der Schwerhörigkeit besteht beim Tinnitus übrigens – beim Sausen und Brausen im Ohr kann es sich auch um einen Vorboten eines Hörsturzes handeln. Ereilt einen dieses Schicksal, so ist ein Hörverlust unausweichliche und irreversible Folge – das Hörgerät übernimmt in diesem Fall seine klassische Verstärkungsaufgabe von Umweltgeräuschen. Diese Option mag sogar weniger schlimm sein als ein dauerhafter Tinnitus. Denn die Hörgerätetechnik ist auf einem sehr guten Stand, die Zeiten von Hörrohren, tierischer Trommelfelltransplantationen und hässlich eingestufter Hinterohrgeräte sind vorbei. Mit kleinen Im-Ohr-Geräten werden selbst große Hörverluste mittels digitaler Technik gut ausgeglichen und nur die ca. wöchentlich zu wechselnden Batterien, halbjährlichen Servicebesuche beim Akustiker unterscheiden diesen (in jungen Jahren noch relativ seltenen) Sinnesverstärker von der allgegenwärtigen Brille. Und ein Privileg kommt dem (ab und an zu Einschränkungen gezwungenen – zB schaden Wasser und Schweiß der Technik) Hörgeräteträger zu: er kann sich in Zeiten der bewussten Hörgerätelosigkeit mehr Ruhe schaffen als seine Mitmenschen dies vermögen. Und diese Lärmvermeidung ist ihrerseits wieder sehr gesund: Allein in Wien klagen über die Hälfte der Bewohner über eine Beeinträchtigung durch Umweltgeräusche, die in diversen Studien als Stressoren und Auslöser von Schlafstörungen sowie einem erhöhten Herzinfarktrisiko – aber auch Tinnitus – eingestuft werden. Daher frei nach Schiller erneut der Wunsch: „Oh Freunde nicht diese Töne!“ – sondern ein Leben voller möglichst schöner Klänge zu dem auch der wunderbare Klang der Stille gehören sollte!
© Beba Fink

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