Onkel Brilli

Neben Onkel Michi und früher Onkel Thomas ist mir seit jeher Onkel Brilli der Lieblingsonkel.
Eigentlich ist er ja gar nicht mit mir verwandt. Aber dazu später ausführlicher.
Was wir nicht schon alles gemeinsam erlebt haben, Onkel Brilli und ich.
Wir waren auf Reisen, in Indien, Paris und Griechenland, sind quer durch den Balkan gebraust, bis nach Istanbul und noch weiter in den Süden hinunter.
Über Onkel Brillis Vorfahren weiß ich nicht viel, außer, dass sie sich früher gern in der russischen linken Szene herumtrieben. Soweit ich weiß, standen sie Lenin und Trotzki nahe, später aber konnte man sie im Dunstkreis amerikanischer Prominenter sehen. Ich sage nur Janis Joplin.

Dass Onkel Brillis Vorfahren Jahre danach auch Rechtsradikalen auf der Nase herumtanzten – Stichwort Gottfried Küssel – könnte dazu geführt haben, dass man ihresgleichen heutzutage weitgehend übersehen will.
Ich jedenfalls habe mich ganz bewusst für Onkel Brilli entschieden, obwohl man sich ja sonst seine Familie nicht aussuchen kann.
Wenngleich der umsichtige Onkel oberflächlich betrachtet aalglatt und kühl rüberkommt,
bin ich sehr froh, ihm nahe sein zu können. Nicht nur, weil ich auf seine Hilfe angewiesen bin, sondern auch, weil ich mit ihm ein besonderes Lebensgefühl verbinde.
Ein bisschen Hermann Hesse.
Doch nicht nur an Hesse sondern Lennon erinnert er viele, mit kahl geschorenem Haar kann einem aber auch Gandhi in den Sinn kommen.
Näher betrachtet wird sein Wesen von unglaublich viel Tiefgang und einer äußerst scharfsinnigen Sicht der Dinge bestimmt. Ein prüfender Blick hinter die Ohren verrät, dass Onkel Brilli auch sportlich ist, obwohl er eigentlich niemals trainiert und eher drahtig wirkt.
Wenn ich länger über ihn nachdenke, merke ich erst, wie widersprüchlich sein ganzes Wesen manchem Betrachter erscheinen mag.
Mein Onkel Brilli.
Ruht er nicht gerade mit verschränkten Gliedern im Schlafzimmer, dann arbeitet er für einen Sehbehinderten, ehrenamtlich sogar, hört, hört.
Kein Wunder, dass man da so dünn bleibt, wenn man den ganzen Tag nur schuftet.
Nicht einen einzigen Cent hat er bis dato verdient, aber der Behinderte schaut auf Onkel Brilli und verwöhnt ihn fallweise mit energischen Streicheleinheiten.
Apropos Streicheleinheiten, ich bin glaub ich der Einzige in der Verwandtschaft, der Onkel Brilli hin und wieder etwas Liebe schenken will, was mitunter zu Komplikationen und Beziehungszwistigkeiten führen kann.
Ich weiß noch gut, als ich mich mit meiner langjährigen türkischen Freundin in die Haare bekam, weil sie Onkel Brilli kein Gutenachtbussi geben wollte.
„Nur ein kleines Bussi, bitte.“
„Nein, ich will nicht.“
„Aber Onkel Brilli…“
„Ich mach den Scheiß nicht mehr länger mit!“
[…]
Und so blieb Onkel Brilli allein gelassen, mit verschränkten Gliedern, neben uns, still und starr ruhend wie der See im Weihnachtslied.
Ich glaube zwar nicht, dass er es meiner Freundin übel nahm, auch nicht, dass er in jener Nacht traurig war, Gefühle sind ja nicht so seine Sache. Aber trotzdem hatte er sich am nächsten Morgen wie ein trotziges Kind verhalten. Ganze fünf Minuten musste ich ihn suchen und war richtig verärgert, als ich ihn versteckt unterm Bett entdeckte.
Zur Strafe verbog ich ihm beide Sportbügel.
Dann setzte ich ihn auf und tat so, als wäre er Luft für mich.

Ihr müsst wissen, kurzsichtig, mit knapp vier Dioptrien,
kann ich ohne Brillis Hilfe nicht einmal g’scheit Baggerlesen.

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