Parallelen

Haruki Murakami – 1Q84

Ein silbergraues Ungetüm besetzt schon seit Wochen den Platz auf dem Nachttisch. Mehr als tausend Seiten stark hat es schon beinahe biblische Ausmaße. Doch das soll erst der Anfang sein: Der Band enthält die ersten zwei Bücher, das dritte wird voraussichtlich im Oktober erscheinen. Dumont hat das Mammutwerk des Japaners anständig verpackt: Giftgrün prangt der Name des Autors von allen Seiten des Einbandes.
Der Inhalt der Neonbibel steht der Aufmachung dann auch um nichts nach. Für alle, die mathematische Klarheit schätzen oder sich mit Struktur klassischer musikalischer Arrangements identifizieren können, wird dieses Buch eine Freude sein. Für alle anderen auch, denn der glatte Stil und die hervorragend gezeichneten Spannungsbögen lassen Leser_innen sofort in die Geschichte eintauchen.

Als sie auf dem Weg zu einem tödlichen Auftrag die Feuerleiter einer Autobahn hinabsteigt, betritt Aomame, ohne es zu ahnen, eine andere Welt. Als sie zum Himmel blickt, steht neben dem ihr bekannten großen weißen Mond plötzlich ein kleinerer Mond, der grünlich schimmert. Aomame glaubt nicht daran, dass ihr die Wahrnehmung einen Streich spielt, und als allmählich immer mehr Ereignisse eintreten, deren Verlauf sie anders in Erinnerung hatte, beginnt sie Verdacht zu schöpfen: Eine Parallelwelt wurde geschaffen, die der alten beinahe bis ins letzte Detail gleicht. Aomame begreift, dass sie sich nicht mehr im Jahr 1984 befindet, sondern das Jahr 1Q84 betreten hat.
Zur gleichen Zeit bekommt Tengo den Auftrag ein Manuskript zu bearbeiten, um es für einen Literaturwettbewerb einzureichen. Obwohl dem Text das sprachliche Niveau fehlt, ist die Geschichte von solcher Eindringlichkeit und Intensität, dass Tengo mit Begeisterung ans Werk geht. Die Geschichte handelt von einem kleinen Mädchen, das den Auftrag bekommt, eine alte Ziege zu hüten. Als das Tier in ihrer Obhut stirbt, wird das Mädchen bestraft, indem man es gemeinsam mit der toten Ziege tagelang in eine dunkle Scheune einsperrt. Eines Nachts steigen kleine Wesen, Little People, aus dem Maul der Ziege. Sie sprechen mit dem Mädchen und zeigen ihr, wie man die Fäden der Luft zu einer Puppe spinnt. Sie soll das Tor in eine andere Welt öffnen.
Wie man es von Murakami gewohnt ist, sind auch in diesem Buch der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Er schafft es, die Leser in eine surreale Welt eintauchen zu lassen, die trotz aller phantastischer Elemente nah an der Wirklichkeit gebaut ist. Das liegt nicht zuletzt auch an der Vielschichtigkeit der Figuren. Allesamt Außenseiter, die versuchen, ihr Leben zu meistern, folgen sie einmal großen Idealen, ein andermal dem puren Opportunismus. Doch trotz ihres einzelgängerischen Verhaltens bemerken sie, dass ihnen im Spiel der Mächte eine nicht unbedeutende Aufgabe zukommt.
Schlussendlich ist das Buch mehr als eine kleine Geschichte. Es ist ein modernes Epos, das sowohl den Fanatismus als auch die Gleichgültigkeit unserer Zeit erkennt und diese Phänomene zu den alles überwiegenden Themen seiner Handlung macht. Nicht von ungefähr lehnt sich der Titel 1Q84 an George Orwells großen Zukunftsroman an. Auch im Jahr 1Q84 wird die Menschheit von einer geheimen Macht beeinflusst, die ihr Gesicht aber nicht zeigt. Die Taktiken sind subtil und spiegeln die Praktiken wider, mit denen Staaten und Herrschende versuchen, das Verhalten von Bevölkerungen zu steuern und in Bahnen zu lenken, die kontrollierbar sind. In einer Welt, in der zwar die individuellen Freiheiten und Möglichkeiten immer größer werden, gleichzeitig aber die subtile Einflussnahme und Überwachung wächst, trifft 1Q84 den Puls der Zeit sehr genau. Gepaart mit der surrealen Erscheinung einer Parallelwelt gibt das Buch seinen Denkanstoß vor allem darin, auch einmal das scheinbar Unmögliche zu betrachten und wieder einmal zu hinterfragen, wie die Wahrheit geschaffen ist und inwiefern wir uns nicht auch selbst dem Schein hingeben, der uns durchaus mit Kalkül vorgesetzt wird.

Buch:

Haruki Murakami: 1Q84, Dumont 2010.

 

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