Per Anhalter durch die Prärie

chapadaIrgendwann bleibt schon wer stehen. Die scheinbare Unberechenbarkeit des Zufalls. Eine Entschleierung.

Unbarmherzig brennt die Sonne vom Himmel, kein Baum, der schützenden Schatten spendet. Der Asphalt flimmert unter der späten Nachmittagshitze, doch ein nahender Regenschauer hat schon seinen feuchtheißen Atem über die Chapada gelegt und lässt die Hoffnung auf baldige Abkühlung wachsen. Ich hebe den Kopf. Am Horizont zeichnen sich schon einige dunkle Wolken ab.

An der Landstraße angekommen, suche ich Schutz im Schatten eines kleinen Wellblechdaches. Nur das Rufen eines Kindes nach seinem Vater unterbricht die Stille für einen Moment. Es tut gut, die gerade getätigten Einkäufe vom Wochenmarkt abzulegen, die Schultern zu entlasten, in welche die Riemen des schweren Rucksacks tief einschneiden. Ein Luftzug bringt kurze Erleichterung, trocknet den Schweiß auf meiner Stirn. Noch ist nirgendwo ein Auto zu sehen. Ich greife in den Hosensack, fühle dort nach Papier und Tabak, um eine Zigarette zu drehen. An der Tankstelle frag ich nach einem Zündholz. Während ich rauche, höre ich in der Ferne, wie sich ein Wagen nähert. Einige Augenblicke danach taucht er hinter einer Kurve auf. Ich stelle mich näher zum Straßenrand, bereit die Hand zu heben und dem Fahrer zu deuten, er möge stehen bleiben. Kurz nur hält die Hoffnung an. Mir kommt fast vor, als würde er absichtlich aufs Gaspedal treten, ganz bewusst beschleunigen, um möglichst schnell aus der Situation zu entkommen, in welcher er sich damit konfrontiert sieht einem Anhalter eine Bitte abschlagen zu müssen.

Kein Platz?

Während ich noch wild gestikulierend und empört schimpfend am Straßenrand stehe, kommt schon der nächste Wagen vorbei. Ein altes Vehikel, das nur langsam und unter größter Anstrengung um die Kurve schleift. Der Wagen liegt tief. Kein Resultat getunter Schnittigkeit, sondern einzig Auswirkung der abenteuerlichen Beladung. Auf der Dachgalerie wurden mit dünnen Schnüren, neben mehreren Säcken Zement und einer Gasflasche, einige lange Holzplanken befestigt, wie man sie für die Konstruktion eines Dachstuhls braucht. Obenauf eine Matratze und ein Bettgestell. Ich deute dem Fahrer anzuhalten und freue mich über seine gute Absicht, als er langsam neben mir zum Stillstand kommt. Ein Blick auf die Rückbank lässt mich jedoch stutzig werden, denn da hat schon eine Großfamilie Platz genommen, die sich dicht an Säcke voller Reis und Bohnen drängt. Auch der Kofferraum ist voller Einkäufe. Wo ich denn hin möchte, fragt mich der Fahrer, ein alter Mann im karierten Hemd und Cowboyhut, während er sich über den doppelt besetzten Beifahrersitz aus dem Seitenfenster lehnt. Zum Capão do Pinho, antworte ich, aber habt ihr denn noch einen Platz frei? Aber sicher, antwortet der Mann mit einem zahnlosen Lächeln, das ist kein Problem. Er steigt aus, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Dann fängt er an, Personen umzuschlichten. Ein Kind wird vom Schoß der Großmutter auf die Schöße der Beifahrer umgeladen. Die Großmutter nimmt stattdessen auf ihrer Tochter Platz. Dicht gedrängt, möglichst viele Arme und Köpfe aus den Fenstern haltend, um mehr Platz im Wageninneren zu schaffen, machen wir uns langsam auf den Weg und versuchen den Schwung der Abfahrten mitzunehmen, um auch die nächsten Hügel zu erklimmen.

Keine Panik!

Da ich nicht im Besitz eines motorisierten Vehikels bin, stellt Autostopp für mich die einzige Möglichkeit dar, den Weg aus Morro do Chapéu, einer Kleinstadt im Hinterland des brasilianischen Bundesstaates Bahia, zu einer Fazenda im Umland zurückzulegen. Dort friste ich nun schon seit einigen Wochen mein Dasein als Sozialanthropologe, um Daten für meine Diplomarbeit zu sammeln. Ab und zu jedoch zieht es mich in die Stadt, um mich mit einigen kulinarischen Leckereien auszustatten und die Kommunikation mit der Heimat aufrechtzuerhalten.
Anfangs hatte ich Zweifel über den Erfolg meines Vorhabens, mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Es war, wie auf das Eintreten eines Zufalls zu hoffen, mit dem Zufall rechnen zu müssen. Bange Stunden am Straßenrand, die Sonne und der Schweiß im Gesicht. Ich hab mir schon die Zeit ausgerechnet, die ich brauchen würde, um den Weg zu Fuß zurückzulegen, unsicher, ob ich es noch vor Einbruch der Dunkelheit schaffen könnte, angsterfüllt, was passieren würde, sollte es sich nicht mehr ausgehen. Doch je planmäßiger der Mensch vorgeht, umso wirkungsvoller trifft ihn der Zufall, und im Moment größter Erschöpfung und sich anbahnender Verzweiflung, als nicht mehr auszumachen war, ob es klüger sei umzukehren oder den Weg bis Morro durchzuhalten, bleibt doch noch jemand stehen, um mich mitzunehmen. Es ergibt sich ein Gespräch und es stellt sich heraus, dass der gute Mensch der Bruder meines Nachbarn ist. Er lädt mich in sein Haus und zum Essen ein, um mich später dann noch mit dem Auto die wenigen Kilometer zurück zur Fazenda zu bringen.

Kein Zufall.

Per Anhalter durchs Land zu fahren ist eine gute Gelegenheit, das Land und die Menschen besser kennenzulernen: Bauern auf dem Weg vom Wochenmarkt, Familien auf Besuch bei Verwandten, ein Mönch auf dem Weg in die Stadt. Woher kommen sie? Wohin fahren sie ? Und warum? Manchmal ergeben sich durch diese kurzen Gespräche Kontakte, die mir später noch nützlich sein können. Während meiner Forschung muss ich ständig darauf hoffen, nein sogar damit rechnen, dass mir der Zufall zu Hilfe eilt, um für jene Fragen, die mir so unbeantwortbar, so unklar erscheinen, Erklärungen zu finden. Ein Gespräch zwischen Tür und Angel, eine Beobachtung, die ich am Rande mitbekomme, die ein neues Thema eröffnet, welches die Richtung für mein weiteres Vorgehen weist. Ich stolpere teils planlos umher, versuche Informationen aufzuklauben. Durch Zufall kann ich dem einen Ereignis beiwohnen, das mir Aufschluss über Unklares gibt, durch Zufall, so scheint mir, werde ich Zeuge einer Diskussion, die jene Fragen beantwortet, die ich mir schon so lange stelle. Vielleicht ist Zufall die in Schleier gehüllte Notwendigkeit? Mir aber ist danach, den Schleier zu lichten.
Zurück auf der Fazenda und gestärkt vom Erfolg, werde ich zum Leugner des Zufalls. Kein Sieger glaubt an den Zufall, aus dem sein Sieg gewachsen ist. Denn was ist denn Zufall schon anderes als eine Reihe unbestimmter Faktoren, die den Ausgang eines Ereignisses in die eine oder andere Richtung lenken, Faktoren, die wir selbst entweder nicht kennen, oder die wir weder beeinflussen können noch wollen.
An Ort und Stelle zu sein, wenn etwas passiert, ist das Um und Auf des Zufalls. Wer geduldig ist und warten kann, wird früher oder später auch belohnt. Solange ich ausharre, aufmerksam, die Augen geöffnet, die Ohren gespitzt, ständig in Erwartung jenes Ereignisses, welches ich noch gar nicht kenne, ganz darauf gefasst, dass es jeden Moment eintreten kann, in jeder undenkbaren Form. Das Unerwartete erwarten. Der Ethnograph wie der Anhalter, für beide ist es notwendig anwesend zu sein, um mitgenommen zu werden, und was es für beide braucht, um dieser Notwendigkeit nachzukommen, ist Zeit. Ja genau! Langsamkeit wird zur neuen Qualität, wenn es darum geht, dem Zufall entgegenzukommen. Langsamkeit wird zum Modewort, wenn es um die Entschleierung des Zufalls geht.

Keine Angst.

Im Laufe der Wochen habe ich versucht unzählige Autos anzuhalten. Die meisten sind vorbeigefahren, und doch waren diese Stunden des Wartens nicht umsonst, denn ich konnte schließlich einige Faktoren, die mir zunächst willkürlich erschienen sind, als Kausalitäten identifizieren, die den Erfolg meines Vorhabens mitbestimmen. So hab ich Beobachtungen angestellt und aus der Erfahrung gelernt, dass es an Wochentagen und über die Mittagszeit weit schwieriger ist ein Auto anzuhalten als beispielsweise an einem Freitagnachmittag, wenn die Bewohner der umliegenden Höfe mit ihren Einkäufen vom Wochenmarkt zurückfahren. Die Anzahl an freien Sitzplätzen hingegen scheint gar kein Kriterium dafür zu sein, einen Anhalter mitzunehmen, auch wenn dies die passierenden Fahrer gern als Ausrede benutzen und mir im Vorbeifahren ein Handzeichen geben, das mir signalisiert, dass der Wagen voll ist. Autos, die auf der Durchreise sind, halten kaum. Fahrer aus der nahen Umgebung hingegen schon.
Bewohner der umliegenden Fazendas erkennt man am labilen Zustand ihrer Fahrzeuge. Autos, bei denen die Motorhaube gefährlich im Wind flattert und deren Türen nur mehr mit Tricks und Tritten zu öffnen sind, da die Karosserie in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr existiert, sondern Produkt der Schweißkünste ihres Besitzers ist. Fahrer solcher Karossen werden mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit anhalten als die nagelneue, schwarz glänzende Hilux Doppelkabine, die mit einem Affenzahn gen Salvador braust. Auch wenn die Ladefläche leer ist. Dies zu wissen birgt zwei Vorteile. Zum einen spart man sich Momente der Enttäuschung und des Ärgers, zum anderen vermeidet man angsterfüllte Minuten auf der Ladefläche eines Pickups, dessen Fahrer wohl liebend gern eine Karriere als Rennfahrer angestrebt hätte. Denn Fahrer jener zum Bersten gefüllten Karossen, deren Tachonadeln den Nullpunkt zuletzt vor einer geschätzten Dekade verlassen haben, können gar nicht anders, als im Schneckentempo über die Hügel der Chapada zu schleichen.

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