Peter Thiessen von der Hamburger Band KANTE

Kante Am 6. Juni 2009 gaben Kante im Rahmen der Wiener Festwochen ein umjubeltes Konzert in einem Innenhof „Am Schöpfwerk“, einem der berühmtberüchtigsten Sozialbauten Wiens. Im Anschluß hab ich mit Peter Thiessen ein wenig über seine Kapelle – die ich spätestens seit „Zombi“ (2004) für eine der besten der Welt halte – über die Musikmacherei sinniert.
Als Einsteig bietet sich natürlich der Rahmen an: die Wiener Festwochen. Diese Frage nach den Hochkultur-Bestrebungen vieler zeitgenössischer Rockformationen mag er nicht so recht. Er sieht da keine grundsätzlichen Barrieren, jedenfalls keine grundlegenden künstlerischen Differenzen.

Das stimmt freilich, aber es stimmt auch, daß staatlich geförderte Kultur normalerweise am Alternativ-Sektor vorbeischießt. Er holt etwas weiter aus: In den vergangenen 15 Jahren habe er „immer irgendwie (von der Musik) leben können – aber das Geld war dauernd knapp“ besonders dann, wenn gerade nicht getourt wurde. Als Musiker sei man gewissermaßen „immer am freien Markt“ – das hat Vor-, aber eben auch gravierende Nachteile, und da sei es eben dann auch mal schön, wenn die Festwochen eine anständige Gage zahlen, um das Schöpfwerk zu bespielen.
Die Frage, ob er sich mehr als Ton-Dichter oder Deutsch-Rocker sieht, will er in der Form nicht beantworten. Interessant ist dabei, daß sich Thiessen auch deshalb vom Deutschrock distanziert, weil er sich primär als Musiker sieht und ihm die Texte weitaus weniger wichtig sind. Zwar betont er „ich singe, wovon ich weiß, wovon ich singe“, aber er hat „texten nie als ein Medium (für sich) betrachtet. Ich glaube nicht so sehr daran, daß Sprache das kann.“ Konkrete politische Aussagen sind ihm tendenziell eher suspekt. Er mag Slogans nicht und hält konkrete Kampfansagen für fadenscheinig: „mir wird das zu leicht zu einem Gimmick und dafür ist mir das zu wichtig.“
Die Regisseurin Friedericke Heller hat die Band vor einigen Jahren angemailt und seither wurden einige gemeinsame Projekte realisiert (unter anderem Handkes „Spuren der Verirrten“ am Akademietheater). Teilweise ist er auch froh, daß ihm in diesem neuen Zusammenhang die angesprochene textliche Last von den Schultern genommen wird, indem er fremdes Material vertont. Es macht ihm Spaß, sich mit diesen Stoffen auseinanderzusetzen, und er faßt seine textlichen Bedenken ein weiteres Mal zusammen: „Ich hab gar kein so großes Sendungsbewußtsein.“ Wer dem Poeten Thiessen auf die Finger schaut, merkt schnell, daß seine Liedertexte um ihn selbst kreisen, um unmittelbare Beobachtung seiner subjektiven Lebenswelt: die eigene Haut, das Gegenüber, Städte, Berge, warme Abende, Tiere. Abstrakte Ebenen werden bei Kante dann musikalisch eingezogen.
Wir unterhalten uns dann noch kurz über die Entwicklung der letzten Jahre, und er verweist dabei auf eine unterschiedliche Herangehensweise im Studio. „Zombi“ (2004) wurde „in Bruchstücken aufgenommen“ und im wesentlichen auch dort geschrieben – über einen Zeitraum von 1,5 Jahren. „Nach der ‚Zweilicht‘ (2001) (Anm.: die mit dem Indie-Hit ‚die Summe der einzelnen Teile‘ ein relativ unerwarteter Erfolg gewesen war) was nachzulegen und bei Blumfeld aufzuhören, war auch ein gewisser Druck gewesen, für mich persönlich“. Nach den aufreibenden Aufnahmen zu „Zombi“, an denen die Band fast zerbrochen wäre, war aber allen Beteiligten klar, daß man diese beschwerliche Erfahrung nicht wiederholen möchte, und also kam Thiessen zu den „Die Tiere sind unruhig“ (2006) Aufnahmesessions mit weitgehend fertigen Songs und konkreten Arrangement-Vorstellungen. Hinzu kam die Arbeitsweise des Produzenten Moses Schneider, der dafür bekannt ist, 1:1 aufzunehmen, und so war der Nachfolger einer Platte, die eine Ewigkeit gebraucht hatte, in wenigen Wochen eingespielt.
Nachdem die Band das vergangene Jahr zu einer ersten Schaffens- und Verschnaufpause genützt hat, wird gegen Ende 2009 das sechste Album der Band erscheinen.

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