Philosophen auf der Straße – waren Sokrates und Diogenes Punks?

fpunkDie Punk-Ausstellung der Kunsthalle Wien (mit dem schönen Untertitel „No one is innocent“) soll Ausgangspunkt sein für die Frage wie und v.a. warum im Altertum manche Philosophen ebenso bewusst und gerne auf der Straße lebten wie in unseren Zeiten die Punks …

Wer auf der Straße als Lebensort angekommen ist, hat meistens nicht mehr viel zu lachen. Und in der Regel auch nichts mehr zu sagen – tut er oder sie es dennoch, reagieren wir abwehrend. Vermuten wir doch zumeist im Anderen den alkoholisierten Sandler, den halbkriminellen Tunichtgut, den allenfalls zu Bemitleidenden, der uns sein Leid klagen will. Doch wer will sich denn in seiner kostbaren Zeit mit diesen Ausgeschlossenen (vgl. hierzu das gleichnamige Buch von Heinz Bude erschienen im Hanser Verlag: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, 2008) befassen?

„Das sind doch allesamt nur groß gewordene und – ja, zugegeben – auch noch kleine Kinder vom Bahnhof Zoo, aber oft eben auch organisierte Bettlerbanden oder willensschwache Elemente, die meistens selbst Schuld haben an ihrer Lage.“ Denken wir mehr oder minder häufig. Dass unter diesen Menschen echte Originale sind, die sich bewusst für ihre (derzeitige) Lebenssituation entschlossen haben könnten, schließen wir aus. Denn Bob Dylans Songzeile „Don`t criticize what you can`t understand“ gilt schon lange nicht mehr. Und die Annahme, dass ein Großteil der in extremer Armut lebenden Bevölkerung, das gerne tue, ist ja auch zu Recht abwegig. Allerdings mag es Ausnahmen geben, die bewusst mit dem Konformen brechen und Ratten (Symbol der Punks) und Hunden gleich (Wurzel des Wortes Kynismus, welches eine antike Lebensform bezeichnet – vgl. hierzu Michel Onfray: Der Philosoph als Hund. Vom Ursprung des subversiven Denkens bei den Kynikern, Campus 1991) leben wollen.

Unbestimmtheit als Ausdruck eingesehener Ratlosigkeit

Die Ausstellung der Kunsthalle Wien versuchte zu zeigen, dass hinter dem Gebaren der Punks eine Idee steckt; sich diese jungen Menschen einer Vielzahl von Ausdrucksmitteln bedienen (von Körper über Kleidung, Musik, Kunstwerk, Film bis hin zur eben ostentativen Wohn- und Lebensform), um ihren Gegenstandpunkt zur existenten Gesellschaftsform einzunehmen. Sie geben aber dennoch zu, kein tragendes, dogmatisches „anstelle dessen“, das sich einer rationalen Prüfung unterziehen ließe, zu besitzen. Und werden deshalb nur allzu gerne vom irritierten Durchschnitt angegriffen (der gemäß der Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“ agiert und sich fragen könnte, warum er sich für verteidigungsbedürftig hält). Die Möglichkeit, dass Unbestimmtheit eine Form von eingesehener und gefühlter Ratlosigkeit ist scheint in dieser Ausstellung oftmals auf – und macht die Punks sympathisch. Dass ihr Handeln daher auf Dauer mitunter indolent wirken muss, ist der Nachteil und Unterschied zu philosophischen Lebensformen des Ausstiegs. Ein Wiener, der in eine weiße Toga gewandet ebenfalls eine demonstrative Abkehr vom geregelten Stadtleben praktizierte gab sich den schönen (programmatischen) Namen Waluliso (Wald-Luft-Licht-Sonne) und führt uns zurück in die antike Welt.

Freie Männer regeln ihre Belange im Freien – auch die großen Fragen?

Dort war es selbstverständlich, ein Mann auf der Straße zu sein, spielte sich doch das gesamte öffentliche Leben auf dem Marktplatz ab – also war der Bürger als Bürger immer auch schon draußen, wo er zudem als Berater, Geschäftsmann und Privatperson agierte. Die freien Versammlungen der direkten athenischen Demokratie sind legendär geworden und machen es uns leichter, uns Typen wie Sokrates, der von früh bis spät wandelnd debattierte, und Diogenes, der (von Wilhelm Busch sogar für eine kurzweilige Max und Moritz-Bildergeschichte aufgegriffen) im Fasse lebte, vorzustellen. Und was uns diese Philosophen lehren wollen, ist nichts anderes als die Organisation des Lebens selbst, das Bedenken unseres Seins und die Vielfalt unserer Möglichkeiten, diese unwiederbringliche Zeitspanne zu gestalten. Nur allzu gern griff sich Sokrates (als Leseeinstieg diene Platos Apologie des Sokrates) junge und ältere Männer heraus, die zu wissen schienen, worauf es im Leben ankommt, was die Tugenden und Beschaffenheiten der Welt sind. Durch seine geschickte, systematische Nachfrage entlarvte er sie spöttisch als eingebildete Un- (allenfalls Halb-)Wissende und behauptete von sich nicht ohne Stolz, dass er zumindest wisse, dass er nichts (Sichergeglaubtes sicher) weiß. Durch derlei Vorführungen machte sich Sokrates auch Feinde unter den Konventionellen, die seinen Tod forderten, da Jugend und Götzendienst in Gefahr schienen. Die Macht der Rich­tenden nicht fürchtend verteidigte sich Sokrates und seine als sinnvoll erachteten gesellschaftskritischen Reden freimütig und ließ sich verurteilen, wusste er sich doch mit seinem Gewissen (dem ihn eigenen Daimonium) im Reinen.

Der rasende Sokrates – Provokationen des Diogenes

Ein Schüler des Sokrates war Antisthenes, der wohl den bekanntesten Kauz der griechischen Geisteswelt unterrichtete: Diogenes aus Sinope. Jener Diogenes radikalisierte das sokratische Programm und stemmte sich durch unvergessene Aktionen (vgl. Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Meiner, Hamburg, 1990) gegen die zunehmende Akademisierung der Philosophie. Philosophie ist nicht ein primär theoretisches Treiben und definierendes Bestimmen wie es in den Räumen der platonischen Akademie zunehmend gepflegt wurde: voller Grimm brachte der Outsider Diogenes einen gerupften Hahn in die Vorlesung zur Anthropologie und rief „Das ist Platos Mensch“ (laut dessen Definition ein federloses zweifüßiges Tier – nach Diogenes` Aktion linkisch um den Zusatz „mit platten Nägeln“ erweitert). Von Logismen und Sophismen hielt er wenig und demonstrierte durch pointierte Handlungen für jedermann verständliche Äußerungen der Unabhängigkeit von Gemeinschaft sowie der geltenden (auch religiösen) Macht. In diesem Zusammenhang hat man auch das berühmt gewordene Wegschicken Alexanders zu sehen. „Geh mir aus der Sonne!“ sagt der Punk von einst zum mächtigen Weltenherrscher, da er seine immanenten Bedürfnisse ausleben, die künstlich geschaffenen aber kontrollieren kann und somit auch keinen (es ist zu fragen: wirklich omni-?) potenten Wunscherfüller braucht. Ob nun diese berechtigte Zufriedenheit des aktiv bellenden und beißenden „Hundes“ mit der Lebensform der Punks vergleichbar, die Schnittmenge (öffentliches Leben, Kleidung, Tier­affinität, schockante Happenings, Gesellschaftskritik) groß genug ist, um in Diogenes den Großvater der Ratten zu sehen, mag jeder für sich selbst beantworten.

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