Philosophen lügen nicht ...

PhilosophWenn eine Berufsgruppe (neben der der Theologen) gemeinhin als Garant der Redlichkeit gilt, so ist es die der Philosophen. Wie sollen Menschen, die meist eine lange Zeit ihres Lebens die verschiedenen Moralkonzeptionen der vergangenen 25 Jahrhunderte studieren, es fertig bringen ihre Mitbürger dreist plump einfallsreich listig absichtlich vorteilsnehmend zu belügen? Wie sollten sie es schaffen (die Internalisierung zumindest einer Moralkonzeption vorausgesetzt – wenn nicht gar die Synthese vieler) sich selbst untreu zu werden?

Die Lüge ist nicht erlaubt. Punkt. Zu groß ist der Schaden, den sie im Gemeinwesen (auf Dauer) anrichten könnte, als dass man sich je auf eine Lügenerlaubnis geeinigt hätte.

In der Antike finden sich verschiedenste Argumente, warum man sich selbst, den Freund, die Gemeinschaft, den Gott nicht belügen soll. In der Neuzeit greift Michel de Montaigne als großer Kenner der Antike diese Beweisführungen wieder auf und weist darauf hin, dass der Zweck der Sprache in der möglichst konsistenten (Selbst-)Mitteilung liegt und ein Lügner (bei Überführung) nicht nur sich, sondern auch unser Verständigungssystem Sprache disqualifiziert und so immensen Schaden anrichtet. Spätestens seit Kants berühmt gewordenem kategorischen Imperativ („Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns allgemeines Gesetz sein könnte“) ist klar, dass alle niederen Motivationen, aus denen heraus ich zu lügen bereit bin, aufgrund ihrer nicht wünschbaren Verallgemeinerung als Lügenrechtfertigung nicht taugen.

Listig nach Ausnahmen suchend könnte man sich zum Konsequentialisten mausern und ein (zumindest an manchen deutschen Universitäten allzu oft gehörtes) Gegenbeispiel bringen: Wenn ich in den 1940er Jahren einen Juden verstecke und dann die Gestapo vor der Tür steht und fragt: „Halten Sie hier den Juden namens Abraham Israel Goldstein versteckt?“, dürfte ich dann lügen, Immanuel? Common sense und Mitgefühl sagen ja – auch der Utilitarismus, der das größte Glück der größten Zahl (nämlich zwei Lebende statt zwei Tote) will. Was sagt Kant?
Ja (das Leben des integren anderen retten statt illegitimen Gesetzen folgen)
Jein (dem anderen ebenso wie mir und meiner Familie sinnloses, Gestaltung verunmöglichendes Leid ersparen – nur jein, weil: Wo beginnt hierfür nämlich schon meine/die Lügenbereitschaft aller)
Nein (Angst als Triebfeder einer anscheinend nicht durch und durch bedachten Tat – wieder die Paniklüge)?

Nun kommt über dieses Beispiel die große (im Alltag überstrapazierte) „Notlüge“ ins Spiel. Der Entlarvte verweist in der Regel darauf „er wollte ja nur …“ und macht sich trotz des zum Tatzeitpunkt existenten Gefühls einer legitimen Lüge klein und weist so sein prinzipielles Unrechtsbewusstsein aus. Falsch Zeugnis ablegen widerstrebt dem aufrechten Geist also sehr, auch wenn er es für eine gute Sache (begonnen im eigenen Bewerbungsgespräch – endend bei der vereitelten, wie auch immer gearteten Existenzvernichtung anderer) tut. Man manövriert sich also mittels der Lüge nicht aus der Not heraus, sondern nur in eine noch größere hinein. Daher wohl dem, der zur Gewissensreinigung Seelsorger hat, die vergeben oder das ­(­Weiter‑)Rationalisieren stoppen helfen.

Zurück zum Anfang: Philosophen lügen nicht? Vielleicht fällt es ihnen schwerer, wenn sie der potentiellen Situation gelassen und hinreichend reflektiert begegnen und sich um ihr dauerhaftes Seelenheil bemühen. Ausnahmen gibt es aber immer – hier sind nicht nur an Plagiaten (und dennoch an Erfolgen) reiche Magister, Doktoren und Professoren gemeint. Sondern auch antike Lehrer, z.B. in der stoischen Schule. Dort verfasste ein gewisser Epiktet einen Text „Über den Kynismus“, der inhaltliche Darstellungen der Parallelströmung enthielt, die schlicht unwahr sind. Kyniker wurden zu sich-verausgaben-müssenden Helden stilisiert, denen nur gesellschaftlicher Undank winkt. Epiktet kann so den historischen Kynismus (vgl. Philosophen auf der Straße in Bagger Ausg. #7) vor Rufschädigung durch die zu seiner Zeit aktiven „Scheinkyniker“ (die erpresserische Pöbelnde waren) schützen und seinen Schülern das Abwandern zu jener ihm verhassten Gruppierung erschweren. Zugleich scheinen seine moralischen Ansprüche plötzlich milder zu sein als die der „wahren Kyniker“. Eine Notlüge (in doppelter Hinsicht) oder ein arglistiger Versuch seine Schüler zu behalten und nicht an die laxere Konkurrenz zu verlieren?

Wer nun milde lächelt und sagt, das sei doch legitime pädagogische Taktik, der führt damit schon den Beweis, wie selbstverständlich und legitim Lüge selbst unter Reflektierenden schon geworden ist …

Redlicher dagegen scheint ein Schriftsteller, der seinen Weg zum philosophisch gesättigten Schreiben etwas vernebelt, um seine Leserschaft nicht durch die Tatsache, dass er ein Doktor der Philosophie ist, abzuschrecken bzw. (wie Plato zu Recht) der Indoktrination angeklagt wird. Jener große Psychologe schrieb in seiner Autobiografie, er habe die Philosophie nur deshalb gewählt, weil sie die Wissenschaft war (noch immer ist?), die am leichtesten den von der Familie geforderten akademischen Abschluss bereitstellte – sie gebe drei freie Jahre zum Reisen und Übersetzen und fordere nur ein hartes Abschlussjahr zum Pauken. War dies eine Lüge, um der Philosophie mehr Studierende zu verschaffen – sich seiner tlw. amoralischen Handlungen zu entschulden – seine Bücher weiters als Psychogramme und nicht als mit Philosophie geschwängerte Wachmacher zu verkaufen und so weder dem zugrunde gelegten Programm noch den Verkaufszahlen Schaden zuzufügen? Schwierig ist es diesem sich versteckenden jüdischen Schriftsteller-Philosophen wertend gerecht zu werden – daher die leichtere „Wer war’s?“-Frage. Als Gewinn winken den ersten drei richtig Antwortenden (bitte mit Stichwort „Philosophen lügen nicht“ an die Redaktion: redaktion[at]derbagger.org) ein philosophisches Gespräch zur lügenfreien Lebenskunst mit dem Verfasser …

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