Prag, die Roboter-Stadt

Eine dramatische Erzählung, die zwei Geschichten enthält

Mache bei der nächsten Pragreise einen Abstecher von der üblichen Touristenschleuse Wenzelsplatz – Altstädter Ring – Kleiner Platz – Karlsgasse – Karlsbrücke (für die, die Čéchiš lesen können: Václavské nám – Staroměstské nám – Malé nám – Karlova ulice – Karlův most). Die Strecke ist völlig übersät mit Menschen und deine Geldbörse, Kleinodien und die Rolex werden da flügge. Bleib also am Altstätter Ring (dort befindet sich ein Marktplatz) kurz stehen. In der Mitte steht eine übermenschlich große Statue von Bildhauer Ladislav Šaloun, im Volksmund Šalounovo hovno genannt. Es ist Ayatollah Jan Hus, Priester, Reformer, Rektor und Nationalist († 1415) samt Groupies.

Rechts ist das Rathaus. Das süße gotische Rathaus mit einer astrologischen Uhr, wo du stündlich von Aposteln gesegnet wirst, wo dich ein Skeleton und auch ein Geizhals grüßt und wo sich ständig unterm Regen aus Reis, Konfetti, Styroporwürfelchen, Kunstschnee und Heizpellets frisch vermählte Paare materialisieren (ich sah oft Brautpaare rauskommen, aber NIE reingehen, sie werden dort sicher produziert).

GolemRabbi Löw und Golem

Geh dann nach rechts (nicht politisch gemeint) und dann nach links (detto) – und du kommst zum Marienplatz (Mariánské náměstí). Dort steht das echte Rathaus, wo richtige Stadtentscheidungen getroffen werden, wo in den Korridoren Potentaten mit ihren Podržtaškas herumschreiten und wo täglich viele Bestechungsgelder landen.

Stelle dich vor das Rathaus hin und schaue nach rechts. Am rechten Eck des Gebäudes siehst du eine übermenschlich große Statue von Bildhauer Ladislav Šaloun. Es ist Rabbi Löw, Yehudah ben Bezalel Levai, auch Maharal genannt († 1609), samt Löw und Groupie. Angeblich steht sonst in keiner Hauptstadt der Welt eine Statue eines Oberrabbiners. Rabbi Löw war so mächtig, dass seine Statue, mit Brettern verdeckt, sogar die Hitlerzeit überlebte. Rabbi Löw war der Prager Rabbiner. Er war ein Freund des Habsburgers Rudolf II., der auf der Burg der anderen Moldauseite wohnte und von dort das Sacrum Romanum Imperium regierte. Moldau ist ein Fluss, der Prag in zwei gleiche Hälften teilt. Und Rabbi Löw hat auch den ersten Prager Roboter gebaut, den Golem. Golem wurde aus Lehm der Moldauufer hergestellt. Das zweite Bauelement war ein Kabbala-Zauberspruch, auch šém genannt. Šém heißt auf Hebräisch Software. Durch Einstecken einer kleinen Diskette (sic!) mit Šém in seinen Mund wurde Golem hochgefahren, nach dem Verrichten der Arbeiten wurde die Software entfernt. Wie bei den alten Ataris. Beziehungsweise wurde Šém auch auf seine Aktiv-Stirn geschrieben und dann wieder gelöscht.
Der Golem hat nicht nur geschuftet, sondern auch übermenschlich stark das Ghetto gegen antisemitische Attacken geschützt. Er wurde jedoch oft gewalttätig, aber so sind nunmal alle Roboter. Siehe Hollywood-Streifen. Die leiblichen Überreste des Golems liegen auf dem Dachboden der Prager Altneusynagoge (gebaut ca. 1270 von Engeln aus den Steinen des Jerusalem-Tempels; wenn der Messias kommt, müssen die Steine leider wieder zurück, also fahr schnell zum Sichten!). Ich war dort oben – verbotenerweise – schon vor Jahren, in der Dunkelheit sah ich nur einen Riesenhaufen Altlehm. Das könnte Golem gewesen sein, ich traute mich nicht, ihm zu nahe zu treten. Aus den Photos wurde nichts, der Film ist schwarz geworden.

Karel Čapek und die Robots

Zurück zum Altstädter Ring: Geh dann über die Karlsbrücke weiter auf die „Kleinseite“ und bald findest du links einen kleinen Platz „Nám. Karla Čapka“. Auf dem Platzl wirst du sofort eine Doppelstatue von Josef Malejovský sehen. Es sind der Schreiber Karel Čapek († 1938) und der Maler Josef Čapek († 1945). Bleiben wir beim Karel, 1890 in Malé Svatoňovice in Ostböhmen geboren. Er hat 1921 den nächsten Prager Roboter (čéchiš robot) geschaffen und deren Legionen in seinem Bühnenstück R.U.R. (Rossum’s Universal Robots) verarbeitet.
Warum robot? Robota bedeutet auf Čéchiš Fronarbeit und Robots sollen für uns faule Säcke alle unangenehmen Arbeiten verrichten. Das Wort hat sich Karels Bruder Josef ausgedacht. Während wir aus Golems Leben nur Bruchstücke kennen, über Čapeks Robots wissen wir alles:

R.U.R.

Der Robot-Erfinder Professor Doktor Doktor Rossum hatte es gut gemeint: Er wollte Armut, Schwerarbeit usw. eliminieren, das Paradies auf Erden errichten, das übliche Utopische halt, aus dem immer Sch*** rauskommt. Robots werden auf einer Insel von anderen Robots fließbandmäßig assembliert. Sie sind zwar menschenähnlich, aber nicht schiach wie der arme Roboter des Doktors Frankenstein. Auch kein Gewirr von Lampen (Chips gab es 1921 nur wenige), Drähten und Blechkästen, wie wir uns einen 1921er-Roboter vorstellen könnten.
Auf diese Insel, wo nur sechs robotproduktionsaufsehende Männer leben, kommt jetzt die bildhübsche Präsidententochter Helena Gloryová. Alle lechzen ihr nach, sie ehelicht natürlich den Oberhirsch, den Generaldirektor Harry Domin. Helena will die Roboter gleichstellen: Sie seien nur zum Arbeiten da und das sei nicht fair. Noch dazu würden die Menschen sie zu Kriegszwecken einsetzen, als ob es nicht genug Männer gäbe, denen es Spaß macht. Sie wünscht daher vom Chefentwickler Doktor Gall, dass er den Robotern eine Seele mit Gefühlen verpasse. Doktor Gall macht es, entwickelt dann auch eine Robotin/Robotessa/Roboteuse Helena, die hübscheste Frau des Universums.
Den Robots draußen in der Welt ist ihr Dasein nicht recht, erst tuscheln sie, dann meckern sie, dann sudern sie, dann aber meutern sie, und da es schon sehr viele von ihnen gibt, ermorden sie die Menschen, einen nach dem anderen oder auch viele gleichzeitig, Wenn sie mit dem Geschlächte auf allen Kontinenten fertig sind, kommen sie auch zur Insel – und nach einer gebührlichen Belagerungszeit metzeln sie alles Menschliche nieder. Nein, nicht alles: Ein Mann namens Alquist bleibt am Leben, der letzte Mohikaner – er ist ein Hackler und das schätzen die Robots.
Helena Gloryová/Dominová hatte vor ihrem Märtyrertod blöderweise die Robot-Bauanleitung vernichtet. Prof. DDr. Rossum ist schon längst tot, und die Robots haben nie gelernt, sich zu multiplizieren. Nun wollen die Robots, dass ihnen Alquist wissenschaftlich hilft, da sie auch alt und gebrechlich werden. Der schafft es jedoch nicht, obwohl sich die Robots zum Sezieren geradezu anbiedern (unappetitlich!). Kurz und gut: Der hübscheste Robot Primus angelt sich Helena, eine Liebe ohne Sex entsteht – und Alquist schickt das Pärchen in die Welt. Aber: Ohne Pimmel und Muschi gibt es ka Musi, sagte schon (viel derber) Nestroy. So endet das Drama.

Im zweiten Teil von R.U.R., den noch niemand aufgeschrieben hat, kommen Helena und Primus ins Paradies. Gott schenkt ihnen einen Apfel, eine Schlange, einen Baum und ein Paar passender Genitalien und lílá, das Spiel, beginnt von Neuem.

Belehrung

Nie eine Ausrottung der Menschheit durch Roboter/Zombies aller Art zulassen. Schade um uns, der Ausgang ist ungewiss.
Der Prager Golem hatte sich auch mal verliebt, wurde aber abgewiesen und begann dann schwerst zu randalieren. Also: Wenn ich schon ein (geschlechtsreifer?) Roboter bin, sollte ich mich nie verlieben. Da gibt’s nur Zores. Oder ich muss eine Robotessa finden – aber nicht einmal Doktor Frankenstein hat eine erschaffen und Doktor Gall auch nur eine unbrauchbare Puppe. Auf der Hus-Statue steht jedoch: Milujte se – Liebt euch!

Persönliches

Mein Lieblingsroboter ist übrigens der Mexikaner Bender Bending Rodríguez von Futurama. Er ist zwar nicht menschlich, sondern blechern, dafür kann er ordentlich bechern (Bier), randaliert wenig und hat Ernst und Satire, obwohl er oft schlecht gelaunt ist. In seinem Bauchkasten kann er unglaubliche Mengen von Dosen verstauen. Arbeiten kann er auch: Sein Name weist auf seinen gelernten Beruf hin: Stahlstangen für Selbstmordzellen sollte er biegen.

Dramatis personæ

Jan Hus wurde auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verbrannt, da seine scholastischen Ansichten zur Lebenslust der Renaissance-Kardinäle nicht wirklich passten. Der Weise, Philosoph und Prediger Maharal starb nach einem glorreichen Leben (er war auch zeitweise Oberrabbiner von Polen und Landesrabbiner von Mähren) ehrenvoll in Prag. Der Schriftsteller Karel Čapek, der jahrelang vor nazistischer und auch kommunistischer Gefahr gewarnt hatte, starb, von eigenen Landsleuten als Verräter beschimpft, 1938 an einer Lungenentzündung, einige Monate bevor Hitler Böhmen und Mähren kassierte und ihn die Gestapo sowieso umgebracht hätte. Sein Bruder Josef starb 1945 im KZ, einen Monat vor Kriegsende.

Sprachliches

Sind die Čéchen technikbesessen? Während wir im Österreichischen viele Wörter aus dem Kýchenčéchišen haben (Golatsche, pomaly, Bramburi, Powidl, Brádlfettn etc.) und in den Weltsprachen viele deutsche Lehnwörter herumwandern, gibt es in den Weltsprachen nur zwei čéchiše Technik-Kuckuckseier: Robot(er) und Pistole (aus einer Benennung der Hussitenknarre píšťala = Pfeife, 14.–15. Jh., über mittelhochdeutsch pītschulle in andere Sprachen übergegangen). Die Pistolenetymologie ist aber nicht ganz gesichert, die Roboteretymologie schon. Die Küchenmaschine heißt übrigens im Čéchišen robot, die Küchen-Minna kennen jedoch nicht einmal die čéchišen Minnesänger.

_Literatur:_
– Gustav Meyrink, Der Golem, 1914.
– Isaac Bashevis Singer, Golem, 1969.
– Karel Čapek, R.U.R., 1921.

_Filmur:_
– Paul Wegener: Der Golem, 1915.
– Paul Wegener: Der Golem und die Tänzerin, 1917.
– Paul Wegener: Der Golem, wie er in die Welt kam, 1920.
– Matt Groening: Futurama, 1999–2003.
– James Kerwin: R.U.R., 2011.

Kommentare

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co je to za picoviny????

brádlfettn :-) ich lach

brádlfettn :-) ich lach mich šekig.

Der Name passt irgendwie ...

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