Rezension: Dark Star

Von philosophierenden Bomben und aufgeblasenen Außerirdischen

_Eine Bombe, die Descartes zitiert und ihre eigene Existenz anzweifelt, ein wasserballähnlicher Außerirdischer mit sadistischen Zügen, ein toter, eingefrorener Commander und eine lethargische Vier-Mann-Crew treiben im Raumschiff „Dark Star“ durch die unendlichen Weiten des Weltalls. John Carpenter ist mit seinem 1974 realisierten Spielfilmdebüt „Dark Star“ ein durchgeknallter Science-Fiction-Film gelungen. Eine Hommage an Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ und Beispiel für einen Film, dessen Kultstatus mehr als berechtigt ist._

Was machen eigentlich Astronauten, wenn ihnen das Klopapier ausgeht? Doolittle, Pinback, Talby und Boiler befinden sich in ebendieser Situation. Die Frachtladungen von der Erde aus wurden wegen Kürzungen in der Raumfahrt eingestellt. Die Kommunikation mit der Erdbasis funktioniert nur über eine Zeitverschiebung von 10 Jahren. Immerhin wird der Alterungsprozess der Mannschaft durch den Aufenthalt im All verzögert: In den 20 Jahren Weltraummission sind die vier gerade mal drei Jahre gealtert.
Eigentlich waren sie ja zu fünft, aber durch einen Kurzschluss im Instrumentenbrett, der nach wie vor noch nicht behoben ist, wurde der Commander des Schiffs getötet. So müssen die vier ohne ihn instabile Planeten lokalisieren und per Bombe sprengen, um das jeweilige Sonnensystem für eine etwaige Besiedelung vorzubereiten.
Längst sind die Bombardements Routine geworden, Langeweile beherrscht den Alltag und die gegenseitige Kommunikation. Die Vornamen der Crewmitglieder sind schon vergessen. Selbst Pinbacks Versuche, die Mannschaft mit Plastikhuhnimitationen und Brillen mit herausfallenden Augen zum Lachen zu bringen, scheitern. So kümmert er sich lieber um den „Exoten“, der gefüttert werden muss. Der Außerirdische macht ihm ziemlich zu schaffen, denn auch wenn der aufgeblasene Wasserball mit den Vogelfüßen, das „nichtsnutzige Hupfgemüse“, wie er ihn nennt, harmlos aussieht, so hat er seinen größten Spaß daran ihn zu traktieren und sekkieren. Der letzte Streich – eine unfreiwillige Fahrt, eingeklemmt im Lastenaufzug – kostete Pinback fast das Leben.
Boiler dagegen vertreibt sich die Zeit mit seiner Vorliebe für scharfe Messer. Talby hat sich gänzlich von der Crew abgesondert, sitzt in einer Art Schneekugel am Rand des Raumschiffs und beobachtet lieber die Sterne. Er träumt davon, endlich die angeblich in allen Regenbogenfarben glühenden Phönix-Asteroiden zu sehen. Doolittle, seit Commander Powells Tod der Leutnant des Schiffs, sehnt sich nach dem Strand von Malibu, dem Wellenreiten, und überhaupt, sein Surfbrett vermisst er am allermeisten. Commander Powell weilt auch noch auf dem Schiff, tiefgefroren und bereit bei Notsituationen über seine Gehirnströme Ratschläge abzugeben.
Auch die Bomben an Bord sind kommunikationsfähig, da mit Gehirn und Stimme ausgestattet. Dass sprechende Bomben sehr nützlich, ja lebensrettend sein können, zeigt sich, als durch eine Fehlfunktion an Bord Bombe Nr.20 im Schacht stecken bleibt und partout nicht den Scharfmachbefehl rückgängig machen will. Da hilft nur die Lehre der Phänomenologie, zumindest wenn es nach Commander Powells Gehirnstromratschlag geht. Und so verwickelt Doolittle Bombe Nr.20 in ein philosophisches Gespräch über Wirklichkeit und Existenzialismus. Die Bombe zieht ihren ganz eigenen Schluss daraus:
„Am Anfang war Finsternis. Und die Finsternis war ohne Gestalt und leer. Und außer der Finsternis gab es noch mich. Und ich schwebte über der Finsternis und ich sah, dass ich allein war. – Es werde Licht.“ Bummmmm

John Carpenters Film „Dark Star“ ist eine sarkastische Story über ein heruntergekommenes Raumschiff mit einer ebenso heruntergekommenen Crew. Nicht nur der Kommunikationslaser des Schiffs ist funktionsunfähig, auch die Crewmitglieder haben längst aufgegeben miteinander zu kommunizieren. Jeder lebt für sich. Menschen, die im Grunde genauso instabil geworden sind wie die zu zerstörenden Planeten. Die innere Enge steht der weiten Leere des Weltalls gegenüber. Der Raum im Raum. Die Schutzhülle wird zur Bedrohung.

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