Rezension: Wolfgang Tschirk - Vom Spiegel des Universums. Eine Geistesgeschichte der Mathematik.

kurze Beschreibung„Naturwissenschaftliche Theorien kommen und gehen.[…] Ganz anders ergeht es da der Mathematik.“ Wolfgang Tschirks logisches Nachfolgewerk des Buches „Vom Universum – eine Geistesgeschichte der Physik“ lädt zu einer Zeitreise durch die Geschichte einer Wissenschaft, die heutzutage wohl zu Unrecht einen eher niedrigen Stellenwert in der Gesellschaft genießt. Von Zahlen, Figuren, Gleichungen, Differential und Integral, Mengen usw. – vielen würden beim bloßen Anblick der Kapitelüberschriften schon die Haare zu Berge stehen. Wer aber staubtrockenen und knallharten Formalismus erwartet, wird bitter enttäuscht, denn Tschirk nimmt seine LeserInnen bei der Hand und erklimmt mit ihnen sozusagen die Eiger Nordwand der Didaktik: Der Formalismus, in dem gerade die Unbestechlichkeit der Mathematik liegt, wird weitgehend in leicht verständliche Sprache verwandelt. Auch wenn die Schwierigkeiten dieses Vorhabens auf der Hand liegen, gelingt dies jedoch gerade deswegen, da die bedeutenden mathematischen Erkenntnisse, von denen im Buch die Rede ist, durch ihr geschichtliches Werden umrandet und mit einigen Anekdoten (etwa dem Zusammenhang von Bärten und Mengen) geschmückt werden. Zudem wird die Erzählung immer wieder durch philosophische Interpretationen und Denkanstöße aufgelockert: Wie steht es etwa um den Bezug der Mathematik zur Wirklichkeit (wo doch z.B. in der Natur nirgendwo ein exakter rechter Winkel zu finden ist)? Sind Zahlen Menschenwerk oder gottgegeben? Lässt sich die Macht mathematischer Definitionen auch auf andere Wissenschaftsgebiete ausdehnen? Brauchen wir die Geometrie, um überhaupt etwas erkennen zu können? Hier bietet der Autor einerseits Antworten und Lösungsvorschläge an, lässt aber andererseits den LeserInnen genügend Spielraum für gedankliche Weiterführungen. Abgesehen davon schreckt Tschirk auch nicht vor gesellschaftskritischen Betrachtungen zurück. So erläutert er unter anderem, wie „der Glaube auf den Geist“ einwirkt bzw. kritisiert er, dass allein der praktische Nutzen für Wirtschaft und Technik dafür sorgt, dass die Mathematik heute noch als Bildungsziel gilt – denn es „hat sich zu allem Überfluß der Glaube breitgemacht, sie wäre schwierig; wo es doch in Wahrheit keinen zweiten Bereich gibt, in dem so klare Verhältnisse herrschen und so sparsame Fakten so viel erzählen.“

So wie für das Erklimmen einer Kletterwand Training und eine entsprechende Ausrüstung notwendig sind, ist wohl auch ein Mindestmaß an mathematischer Bildung nötig, damit diese klaren Verhältnisse verstanden werden können. Mit Sicherheit ist auch nicht jeder dazu bereit, mit dieser Ausrüstung eine Kletterwand zu bezwingen. Aber ich kann getrost sagen: Wer dieses Buch liest, gerät sicher nicht in Absturzgefahr, sondern erhält einen herrlichen Ausblick auf die faszinierende Landschaft der Mathematik. Und der geübte Kletterer erst recht.

Vom Spiegel des Universums. Eine Geistesgeschichte der Mathematik von Wolfgang Tschirk, 146 Seiten, Edition va bene 2007.

Kommentare

jetzt hab ich “tschick”

jetzt hab ich "tschick" gelesen.

ein freudscher Verleser?

ein freudscher Verleser?

caru und der Pfarrer

Lieber caru,
als ich geboren wurde, hat der Pfarrer auch "Tschick" gelesen, und es bedurfte einiger Anstrengung sowie eines Bescheides der Bezirkshauptmannschaft, bis ich meinen richtigen Namen hatte. War also alles schon mal da. Der Unterschied liegt nur darin, dass man damals auf Leseschwäche noch nicht stolz war.
Herzliche Grüße
Wolfgang

keine sorge, ich bin gar

keine sorge, ich bin gar nicht stolz drauf. nur treffe ich eben in meinem alltag eher selten auf das wort "tschirk".

dabei rauche ich so gut wie fast gar nicht, und wenn, dann keine tschick.

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