Richard Powers: „Der Klang der Zeit“

Wenn ein Vogel und ein Fisch sich ineinander verlieben.

2003 erschien Richard Powers Roman „The Time of our Singing“, der 2004 vom Fischer Verlag mit dem Titel „der Klang der Zeit“ auf Deutsch verlegt wurde. Wenn man die Zeittafel, die am Ende des Buches vom Übersetzer hinzugefügt wurde, außer Acht lässt, ist dieses Buch 750 Seiten lang – und keine einzige Seite dieses Buches ist langweilig. In beeindruckendem Schreibfluss schreibt Powers die Geschichte einer Familie nieder, und erzählt so nebenbei die Geschichte der USA mit ihren Wandlungen, ausgehend vom Dezember 1961. Ein jüdischer Immigrant verliebt sich in eine farbige Frau, mit der er drei Kinder (zwei Söhne und eine Tochter) hat. Und das in den USA der fünfziger Jahre. Allein schon die Konstellation dieser Ehe bringt die junge Familie oftmals in Schwierigkeiten.
Abgesehen von der Vorgeschichte dieser Eheleute, die als Minderheit in der Minderheit an allen Seiten nur auf Ablehnung stoßen, steht das Talent der beiden Söhne im Mittelpunkt dieser Familie, genauer gesagt geht es um Noahs Gesangstalent. Seine außerordentliche Stimme ermöglicht es ihm als Farbigen in einer Art Internat für Musik unterzukommen. Sein Vater (ein jüdischer Immigrant, der den Nachnamen Strom trägt) und seine Frau Delia veranstalten Musikabende, wo die gesamte Familie singt und musiziert, wodurch das Talent der Kinder Form annimmt.
Es folgen Jahre der Ausbildung und Auftritte wo Noah alles überstrahlt. Aber auch Schicksalsschläge, als z.B. die Mutter Delia beim Hausbrand zu Zeiten der Rassenunruhen in den USA ums Leben kommt. Ironie des Schicksals, zumal doch Noahs Vater Europa verließ, wo die Ausrottung seiner Familie aufgrund deren Konfession drohte. In den USA widerfährt ihm dasselbe Schicksal und er verliert seine Frau, worunter das jüngste Kind Ruth am meisten leidet. Als jüdischer Schwarzer zieht es Noah wieder nach Europa, um nach einer gescheiterten Jugendliebe in den USA Karriere zu machen. Jedoch tritt auch hier Ernüchterung ein: In Frankreich wird er verprügelt, weil man ihn aufgrund seiner Hautfarbe – die weder schwarz noch weiß ist – für einen Araber hält.
Auch wenn der Eindruck entsteht, dass Powers’ Buch nur über die schwierige Lage der Minderheiten handelt, muss gesagt werden, dass dieses Buch bei weitem mehr darstellt. Es ist nicht nur ein kurzer Überblick über die Musikgeschichte der USA, nicht nur ein Überblick über die politische Geschichte der USA bis heute, sondern beinhaltet auch äußerst interessante Überlegungen über die Zeit und über die Möglichkeit eines Gedankens bzw. einer Idee, deren Inhalt es in der Realität nicht gibt. Es ist erstaunlich, wie wenige Seiten dieses Buch hat, um trotzdem so viel an den Leser zu bringen. Manche benötigen 2 bis 3 Bücher dafür, was Powers auf knapp 700 Seiten schafft, die man regelrecht verschlingt.
„In der Welt, in der wir leben, war unsere Zukunft vorgezeichnet; wir konnten nichts daran tun. Aber die Vergangenheit war täglich neu.“ (648)

Außerordentliche Gedanken und ein großes Stück Allgemeinbildung bietet dieser Roman, der immer wieder die Frage „Wenn ein Fisch und ein Vogel sich in einander verlieben, wo sollen sie denn ihr Nest bauen?“ stellt. Und diese Frage, die symbolisch für die Situation der beiden Eheleute ist, wird von Powers nicht als Dekoration für irgendwelche beschriebenen Szenen verwendet, sondern sie wird am Ende des Buches sogar beantwortet.

Richard Powers, Der Klang der Zeit. Fischer Verlag 2004, Frankfurt am Main

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