Roland Neuwirth

Roland Neuwirth
Roland Neuwirth, Jahrgang 1950, ist studierter Gitarrist und seit 1974 Kopf der Extremschrammeln. In den 36 Jahren seiner aktiven Laufbahn hat er viele Schiffe vorbeiziehen sehen: Moden und Marotten, Stars und Sternchen – kurz den Aufstieg und Fall des gesamten Zirkus, der gemeinhin als Austropop bezeichnet wird. Er selbst positionierte sich diesbezüglich von Anfang an abseits, und er sollte mit dieser Haltung, die er mit Hirsch, Maron, Deinboek, dem frühen Heller und einigen wenigen anderen teilt, auf lange Sicht gesehen Recht behalten.
Wir treffen uns am 9. April 2010 im Café Hummel zu einem kurzen Gespräch, das dann doch fast zwei Stunden dauern sollte.

Ein neues Album wäre fällig, meint er gleich zu Beginn: Material gäbe es genug, aber die Lust auf den toten Musikmarkt will nicht so recht aufkommen. Wozu Geld in Aufnahmen stecken, die dann kein Mensch kauft? Zurzeit spielt er in der Josefstadt in einem Stück über Hans Moser. Der musikalische Beitrag Neuwirths wurde gekürzt, und seine Begeisterung hält sich dementsprechend in Grenzen. So sitzen wir und lassen die bisherige Karriere des Roland Josef Leopold Neuwirth, wie er mit vollem Namen heißt, Revue passieren.
Der Übergang vom Hobbymusiker zum Profi ist grundsätzlich ein Wagnis. In diesem Punkt hatte Neuwirth insofern Glück, als der Direktor eines Badener Gymnasiums, für das er in den 70ern als Musiklehrer gearbeitet hat, ihn gewissermaßen für ein Jahr karenziert hat: Hätte es mit der Musik doch nicht geklappt, hätte er seinen Brotberuf ohne weiteres wieder aufnehmen können.
Zunächst war der Aufstieg des Roland Neuwirth mühsam: „Es war immer zu laut, wenn wir gespielt haben. Wir waren schon optisch zu laut.“ Die ersten drei Platten (10 Wienerlieder und 1 Fußpilz-Blues (1978), Alles is hin (1980) und Extrem (1983)) waren finanziell nicht wirklich erfolgreich: „Die Plattenfirmen, bei denen ich war, die hatten nicht das Geld, den Rundfunk zu bestechen.“ „Für die vierte haben die (die Plattenfirma) Millionen ausgegeben, und rausgekommen ist ein Scheiß. Das war meine austro-poppige Platte – obwohl: Die Texte waren alle gut. Ich seh die Platte mehr so als Zeitdokument.“ Dabei handelt es sich um die Platte mit dem furchtbar verheißungsvollen Titel: Guat Drauf (1988).
Mitte der 80er gibt Neuwirth schließlich das Konzert, das ihm endgültig versichert „irgendwas doch richtig zu machen“. Bei einem Fest in einem Museum spielt er ein Lied mit der Textzeile „in Wean is ka Mensch mehr daham“ in Anspielung auf die „Drogenzombies“, die sich zu jener Zeit in vermehrter Zahl durch die Stadt schleppen. Ein solches Exemplar stellt sich spontan auf die Bühne und unterstreicht das Lied mit einem weggetretenen „Ausdruckstanz“. Ebenso schweigsam hypnotisiert sind an jenem Abend die ebenfalls anwesenden „Spießbürger“, und in der stillschweigenden Übereinkunft dieser beiden Gruppen weiß er plötzlich, daß seine Musik funktioniert – auch in Ausnahmefällen und also bei denen, auf die er mit seinen Worten losgeht. Generell spielte latente Aggression bei vielen seiner Lieder eine wichtige Rolle, und sie war es auch, die ihn weit über das klassische Wienerlied, das über weite Strecken nur der Gemütlichkeit huldigt, hinauswachsen ließ.
Im Leben jedes Musikers gibt es Momente, in denen sie der Willkür oder – fast noch schlimmer – dem gönnerhaften Gehabe der Rundfunkverantwortlichen ausgeliefert sind. Im Fall von Roland Neuwirth sticht diesbezüglich eine frühe Anekdote besonders heraus: Ende der 70er war seine Plattenfirma mit ihm bei Udo Huber vorstellig geworden. Man hatte einen Termin vereinbart, aber der gnädige Herr saß mit dem Rücken zu den Bittstellern gewandt, mit den Füßen ans Fensterbrett gestellt. Jemand von seinem Label: „Entschuldigung, der Herr Neuwirth hätte eine neue Platte gemacht.“ Keine Reaktion. Nichts. Neuwirth beginnt schallend zu lachen, Huber verläßt die Situation fluchtartig. Neuwirth stürmt hinterdrein und macht ihm ein „Kompliment“ auf dessen adrettes Auftreten. „Damit war ich für immer unten durch.“ Udo Huber, der sich selbst „Mister Hitparade“ nennt, ist heute Präsident des Wiener Sportklubs und kann für private Feste als DJ gebucht werden.
„Ich hab deswegen durchgehalten, weil ich nix anderes kann, weil ich wirklich keine andere Chance hatte, und ich hab nicht 8 Stunden täglich geübt, sondern 12 Stunden – mit dementsprechend blutigen Fingern.“ Hart war nicht nur der Einstieg ins Musikgeschäft insgesamt, sondern auch die damalige Szene: „Es ist alles so wahnsinnig konkurrenzierend gewesen, man war sich jeden Klatscher neidig.“ Die heile Welt, die die unseligen Austria 3 immer wieder mal heraufbeschwör(t)en, hat es in der Form nie gegeben. Heute sieht er das alles sehr viel gelassener. Nach und nach ist er selbst zur Institution geworden: von einer Randfigur zu einem der anerkanntesten Musiker des Landes.
Das führt er unter anderem auf die Liedtexte zurück: „Ich habe die Texte immer so geschrieben, daß man sie nicht verunglimpfen kann.“ Der Text reduziert sich dabei nicht auf den wortwörtlichen Inhalt, sondern lebt vor allem von der Sprache selbst: dem Dialekt. „Für mich ist der Dialekt eine seltene Vogelart, die vom Aussterben bedroht ist“, und genau das gilt es ihm unter anderem zu verhindern. Deshalb läßt er sich auch nicht erwärmen von meinem Schwärmen für Garish (siehe Rezension) und Konsorten: Das Ablegen des Dialekts (den die meisten MusikerInnen aber im Alltag verwenden) stellt für ihn einen gewissen Verrat dar. Das hat er so nicht gesagt, aber ich glaube, so viel darf man ihm unterstellen.
Trotz dieser Liebe zur Sprache bzw. dem Dialekt betont er stets den Vorrang, den die Musik bzw. die Arrangements für ihn haben: „Ich bin kein Liedermacher. Meine Arrangements sind wichtig, und ich war nie wirklich politisch in dem Sinne.“ Die junge MusikerInnengeneration kennt er kaum. Allgemein hält er nicht viel von der collagenhaften Herangehensweise vieler ZeitgenossInnen: „Ich vermisse den musikalischen Gehalt. Es ist mehr ein Basteln heute als ein Komponieren.“

Foto: © Lukas Beck

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