Scheiß auf die Guten

Als Erwachsene ist uns die Spielwelt der eigenen Kindheit längst abhanden gekommen. „Wir verbieten uns das Spielen, außer wir zahlen dafür“, meint Antonin Svoboda in einem Interview. Das Casino, als institutionalisierter Spielraum, kann einem dabei schnell zum Verhängnis werden: Spielsucht ist lediglich ein Thema in Antonin Svobodas 2005 erschienenen Film „SPIELE LEBEN“. Vielmehr handelt der Film von einer Person, die das Leben sucht.

„I hob gheart, Gott würfelt nicht, oba sama se ehrlich, schauts ned genau danach aus?“ – Kurt (Georg Friedrich) weiß nicht, was er vom Leben will, oder das Leben eigentlich von ihm. Da ist es beruhigend zu glauben, dass selbst Gott planlos und willkürlich einem System des vollkommenen Zufalls gehorcht.
Jegliche Systeme im eigenen Leben Kurts scheitern, ob die Langzeitbeziehung mit der Krankenschwester Manu (Gerti Drassl), die sich und ihren Liebsten in einem geordneten Lebensweg sieht, ihr Geld auf eine größere Wohnung spart und vom gemeinsamen Kind träumt. Oder Kurts eigener Traum vom großen Geld im Casino, angetrieben durch die Lust am Spiel, immer dabei ein kleines Notizheftchen mit Zahlenkolonnen, die das System knacken, das Roulettespiel am Casinotisch durchschaubar machen sollen.

Spielen bedeutet für Kurt Flucht vor erwarteten Lebensentwürfen, gesellschaftlichen Vorgaben, wie ein ordentliches Leben auszusehen hat: Beruf, Frau, Kind, am Abend vielleicht ab und zu ins Kino, und wenn man mal was richtig Schräges machen will, färbt man sich die Haare schwarz, trotz blauer Augen.
Stattdessen erhebt Kurt den Zufall zu seinem Lebensprinzip und lässt fortan einen Würfel die Entscheidungen über sein Leben treffen. Sechs Seiten, sechs Möglichkeiten, der Würfel bestimmt: Er entscheidet sich gegen Manu und für die drogensüchtige Tanja (Birgit Minichmayr), die sich gemeinsam mit Kurt auf das Würfellebensspiel einlässt. In einem gemieteten Pensionszimmer wird das Spielen zur Dauerbeschäftigung, die kindliche Spielwelt kann wiederaufleben. Das Bett wird zum schwierig zu erklimmenden Bergmassiv und der bodenlange Vorhang scheint wie gemacht für das Versteckspiel.
Das Spiel befreit Kurt von gesellschaftlichen Zwängen, und wird doch auch wieder selbst zu einem Zwang. Klaustrophobisch wirken die Szenen im Zimmer der Pension. Zugleich bedeuten sie einen Gewinn an Freiraum und für Kurt an Liebesfähigkeit, Leidensfähigkeit und Reuegefühlen. Und mit der Zeit tauchen bei Kurt immer stärkere Zweifel auf an den Würfelentscheidungen – erstmals entsteht eine Ahnung dessen, was er von seinem Leben will.
SPIELE LEBEN inszeniert das Leben als Würfelspiel und stellt damit die Frage nach dem WIE des Lebens: Wie soll man Leben, wie entscheiden? Wer ist es, der die Fäden der Marionette in der Hand hält, daran zieht, wie es ihm gefällt? Man selbst? Vollkommene Lebens(ver)planung, die keinen Platz mehr für Lustvolles lässt, oder doch lieber Hingabe an den Zufall? Hingeben wird in unserer Leistungsgesellschaft meist als Kontrollverlust interpretiert und dementsprechend gleichgesetzt mit einem Aufgeben. Die Figur Kurt zeigt, dass Hingabe einhergehen kann mit einem Rückgewinn an Selbstverantwortung und charakterlicher Entwicklung.
Dennoch, Kurt beim Versagen zuzusehen schmerzt. Wenn er seiner doch so um ihn bemühten Freundin Manu ins Gesicht sagt, dass er nicht weiß, was er von ihr will, oder wieder und wieder den gleichen Fehler begeht, angetrieben durch die Spielsucht, dann wird umso deutlicher, dass Kurt keiner von den Guten ist. Auf Stanley Kubrick zurückgreifend, meint Antonin Svoboda: „Man kann solange nicht von einem guten Menschen sprechen, solange er keine schlechten Eigenschaften hat.“
Oder in Kurts Worten:
„Es kümmert nicht, wos für ein guter Mensch sie worn. Ned amoi den lieben Gott – is des ned gruselig? I hob imma glaubt, Gott is bösartig, oba seitdem i waaß, dass er würfelt, is er mir vü sympathischer.“

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