Schnittstellen. Eine Erzählung

Kapitel III

welches erzählt, wie sich unser trauriger Held aufrafft, um Einkäufe zu tätigen, nebst anderen Vorkommnissen*

Seit Tagen schon hatte ich nicht mehr das Haus verlassen; ich hatte keine Kraft zum Hinausgehen gehabt, oder ich hatte mir eingebildet, mir fehle die Kraft dazu. Ohne M.s Zuspruch war ich nicht einmal imstande, mich zum Briefkasten zu begeben; Post erhielt ich ohnehin so gut wie nie, und wenn, schienen mich die Zusendungen, obgleich mit meinem Namen versehen, nicht zu betreffen, sondern für irgendeine andere, mir fremde Person bestimmt zu sein. Seit M.s Abreise war ich völlig alleine gewesen, hatte mit keinem Menschen gesprochen, keine Telefonate geführt, keine E-Mails verschickt, lediglich ferngesehen und Radio gehört. Die Menschen im Haus begegneten mir grußlos und mit misstrauischen Blicken. Vermutlich spürten sie, dass ich im Begriff der Auflösung war, ich selbst hatte ja schon zuvor, während wiederholter Betrachtungen meines Spiegelbildes, festgestellt, dass mein Körper sich allmählich aufzulösen schien, mittlerweile war ich vermutlich schon fast zur Hälfte durchsichtig. Sollte M. mich bereits vergessen haben? Was geschah, wenn sich niemand mehr meiner erinnerte?
Ich muss etwas unternehmen, dachte ich, an die frische Luft gehen, ans Tageslicht, einen Einkauf tätigen, mich mit Lebensmitteln versorgen. Nicht lange nachdenken, einfach hinausgehen. Nicht lange nachdenken … also verließ ich das Haus. Die Straße hinter dem Haustor war fremd und ohne Anhaltspunkt; in allerlei flüchtige Gedanken verloren schrammte ich an den Häuserwänden vorbei. Kurz darauf fand ich mich im nahe gelegenen Lebensmittelgeschäft wieder, zu meinem Entsetzen unmittelbar neben der alten von mir so genannten Frau B.; zu deren Angewohnheiten gehörte es, tagein und aus in höchst verwahrlostem Zustand die Straße vor meinem Haus auf und abzuwandern und verdutzten Passanten Schimpfwörter der anstößigsten Sorte sowie ihre feiste Handtasche entgegenzuschleudern; mit vor Bosheit schwarzglühendem Blick drohte sie, einen umgehend derart gegen die nächstbeste Hauswand zu stoßen, dass einem der Schädel zerberste. Ging man an ihr vorüber, pflegte sie einem die unflätigsten Ausdrücke nachzukeifen. Auf ebensolche Weise kommentierte sie vorbeikommende Autos, Kinderwägen und Pelzmäntel. Der Großteil dieser Ausfälligkeiten war übrigens aufgrund Frau B.s etwas undeutlicher Aussprache völlig unverständlich, aber es schien mir, dass sie stets alle Errungenschaften der so genannten modernen Zivilgesellschaft angriff, wofür ich, wenngleich ich, selbst gelegentliches Opfer ihrer Tiraden, immer große Furcht vor der alten Dame empfand, eine gewisse Sympathie hegte.
Ich flüchtete in das Labyrinth aus Regalreihen, die ich nach Brauchbarem absuchte, indes ich, was ich nicht gleich bemerkte, die dargebotenen Produkte überhaupt nicht beziehungsweise nur wie durch einen Nebel wahrnahm. Seit Wochen ekelte mir ja vor jeglichem Essen, sodass ich mich fast ausschließlich von Erbsensuppe ernährte sowie Ribiselmarmelade, die ich auf trockenem Toastbrot verzehrte, die einzigen Dinge, die ich noch ohne Ekelgefühl essen konnte. Einer Eingebung folgend, suchte ich die so genannte Obst- und Gemüseabteilung auf, wo mir wiederum Frau B. begegnete, die sich jedoch nicht weiter um mich kümmerte und sich an den auf einer Stange zur Schau gehängten Bananenhänden zu schaffen machte. Unglücklicherweise stieß ich in diesem Augenblick aus reiner Gedankenlosigkeit mit meinem Wägelchen gegen das ihre; trotzdem die darin befindlichen Konservendosen daraufhin mit Getöse durcheinanderstürzten, würdigte mich die Alte nur eines einzelnen, nachdenklichen Blickes und wandte sich wieder den Bananen zu. Etwas atemlos lud ich wahllos irgendwelche Früchte in den Einkaufswagen, bei dem es sich jedoch, wie ich kurz vor der so genannten Getränkeabteilung bemerkte, keineswegs um den meinen handelte, sondern um jenen einer modisch gekleideten Frau, die voller Argwohn – ich hatte ja seit Tagen kein Wort mehr gesprochen und musste überdies aufgrund meiner beginnenden Auflösung sowie mangels Sonnenlicht schaurig anzusehen sein – mein heiseres Gestammel, das in meinen eigenen Ohren wie in Ferne widerhallte und mittels dem ich mich zu entschuldigen suchte, zur Kenntnis nahm. Der von mir unversehens gefasste Plan, die Flucht zu ergreifen, gelang erst, nachdem ich an der Kasse dem Kassier erst zu wenig, dann viel zu viel Geld in die Hand gedrückt und sich der Wirbel um einen von mir eingekauften undichten Joghurtbecher gelegt hatte, dessen Inhalt sich, von mir unbemerkt, aufs Förderband ergossen hatte.
Der Ohnmacht nahe verließ ich das Geschäft und flüchtete in meine Wohnung, wo ich alsbald den Fernseher einschaltete. Ich sah Experten über Zinsentwicklungen spekulieren, Manager um Gewinne zittern, Politiker deren Hände schütteln; dazwischen lachende Hochglanzhausfrauen, die ihre Bilderbuchkinder mit gesunden Fertiggerichten bekochten, sowie die tragische Geschichte einer Frau, die, wie geschildert wurde, von der Gesellschaft vergessen worden war.

* Selbige Vorkommnisse sowie weitere Abenteuer sind, so die Redaktion d. Verf. günstig gestimmt ist, in der nächsten Ausgabe nachzulesen; wir erfahren dort näheres über M.; unser Held fasst einen Entschluss, dessen Folgen so weitreichend wie unvorhersehbar sind; und auch der alten Frau B. wird noch einmal Erwähnung getan.

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