Sechs Richtige für Deppen

LottoscheinWie heißt’s im Lotto? Alles ist möglich – fix ist nur, dass der Zufall regiert. Deshalb wird es Zeit, ihm das Zepter aus der Hand zu reißen.

Sie haben zumindest ein Mal ihr Glück im Lotto versucht? Falls Ihnen das Glück auch hold war, gratuliere ich Ihnen von Herzen, Sie haben es sicher verdient. Ansonsten sollten Sie den Kopf nicht hängen lassen. Sie haben nämlich nicht nur zum großen Glück einiger anderer, sondern auch zum kleinen Glück vieler anderer beigetragen – mit der Entrichtung der so genannten „Deppensteuer“ konnten Sie einen nicht unbedeutenden Beitrag zum Wohle der Gesellschaft leisten (nachdem sich zunächst der Finanzminister über etwa ein Viertel des Wetteinsatzes freuen durfte).

Selbst hartgesottene Egoist_innen dürfen sich demnach freuen, da diese ja wiederum selbst in den Genuss der Deppensteuer kommen. Nicht vergessen: Wir bekommen unter anderem hochwertigen Schulunterricht, pfeilschnelle Eurofighter, eine Weltklasseuni sowie obendrein eine bequeme soziale Hängematte. Doch damit nicht genug: Drei Prozent des Wetteinsatzes werden per Gesetz der Sportförderung gewidmet und prägen somit indirekt den österreichischen Nationalstolz.

Wohin nur mit dem Kreuzchen?

Da es bei besagtem Spielchen nur Gewinner_innen zu geben scheint, braucht man sich anscheinend keine Sorgen darüber machen, wie man den Lottoschein mit Kreuzchen bemalen sollte. Andererseits liegt der Reiz des Spieles auch nicht unbedingt darin, die falschen Zahlen anzukreuzen, weshalb wir das mit der Nächstenliebe einmal getrost beiseite lassen wollen. Eine kleine Anleitung zum Auffinden der richtigen Zahlen findet man beispielsweise auf der Homepage der österreichischen Lotterien (www.win2day.at), wo Ziehungshäufigkeiten der 45 Zahlen aufgelistet werden.
Damit können Gerechtigkeitsfanatiker_innen solchen Zahlen eher eine Chance geben, die bisher vernachlässigt wurden (ganz besonders die „33“, die seit der ersten Ziehung nur 258 mal gezogen wurde) bzw. seit Längerem auf sich warten lassen; andererseits könnte man aber aus der Häufigkeitsverteilung auch schließen, dass einige Zahlen in der Ziehungstrommel besser nach unten rutschen und dadurch häufiger gezogen werden (klar voran liegt die „39“ mit 332 Ziehungen).
Aber keine Sorge, denn darüber hinaus bietet der freie Markt Entscheidungshilfen, welche spezielle Zahlenmystiken und astrologische Konstellationen berücksichtigen. Wussten Sie etwa, dass die „45“ bisher ca. dreimal so häufig bei Sonnenstand im „Stier“ als im Sternbild „Fische“ gezogen wurde? Geizen Sie also bloß nicht – den Preis für einschlägige Berechnungssoftware haben Sie locker mit ein paar lächerlichen „Vierern“ herinnen.

Vorsicht, Gewinnfalle!

Falls Sie vor lauter Vorfreude auf den Geldsegen bereits Lottoschein und Kugelschreiber gezückt haben sollten: Obacht! Es könnte nämlich eine böse Überraschung auf Sie warten.
Stellen Sie sich vor, Sie ermitteln mit Hilfe von Astrologie und Ziehungsstatistik den perfekten Lottotipp und verfolgen im Fernsehen, wie im Handumdrehen ein Dagobert Duck aus Ihnen wird. Das kostet Sie natürlich nicht einmal ein Achselzucken, haben Sie doch bereits eine Megaparty organisiert und Uwe Scheuch eine fette Parteispende für eine 10er-Packung Staatsbürgerschaften versprochen.
Doch jetzt kommt die Hiobsbotschaft: Unglücklicherweise haben 20000 Mitstreiter_innen ebenso die Gewinnzahlen 6, 11, 16, 21, 26 und 31 angekreuzt, weshalb Ihnen Adam Riese bei einem mit vier Millionen Euro dotierten Lottosechser eine lächerliche Gewinnsumme von 200 Euro beschert! Auch wenn Sie das vielleicht für unmöglich halten – die erwähnte Ziffernfolge bildet am Lottoschein die Diagonale von rechts oben nach links unten und wurde laut einer Untersuchung mehr als 24000 mal bei einer Runde angekreuzt. Na, wie heißt’s im Lotto?

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt

Wenn Sie sich nicht mit minderwertigen Gewinnsummen zufrieden geben oder etwa dem Land Kärnten weiterhin zu einer wohlverdienten (äh, gewählten) Regierung verhelfen möchten, dann sollten Sie sich folgende Optimierungstipps zu Herzen nehmen. Erstens Finger weg vom Geburtstag! Sie sind bestimmt nicht der oder die Einzige mit dieser Idee. Scheuen Sie auch alle Arten bestimmter Muster wie Diagonalen, waag- und senkrechte Reihen usw.
Das mag zwar schön aussehen, aber reich und schön können Sie sich mit Sicherheit abschminken! Ihre Mitmenschen tendieren nämlich ebenso dazu, Formen und Muster in die Welt des Zufalls hineinzuinterpretieren. Das mag zwar recht nützlich sein, um sich in der Welt zurechtzufinden, allerdings übertreiben wir damit maßlos. Der Psychologe James Rotton berichtete etwa von der Idee eines Statistikprofessors, einem Börsenfachmann ein fingiertes Diagramm zu zeigen, welches anhand von Münzwürfen erstellt wurde.
Wen wundern da noch Wirtschaftskrisen, wenn solche Börsenheinis daraufhin erwidern: „Wir müssen sofort kaufen! Dieses Muster ist ein Klassiker!“ Um aber nun Krisen wie diesen mit einem müden Achselzucken begegnen zu können, sucht man sich am besten Ziffern vom Rand des Tippfeldes aus, diese werden nämlich sonderbarerweise gemieden. Und der letzte Tipp ist gänzlich unmenschlich, aber gerade deswegen wirkungsvoll: der Quicktipp!

Seine heilige Majestät, der Zufall

Damit kommen wir zum ureigensten Prinzip der Lottoziehung zurück. Diese ist nämlich gemäß dem „Zufallsprinzip“ konzipiert und unterliegt damit einzig und allein dem Gesetz der Gesetzlosigkeit (wenn man den österreichischen Lotterien Glauben schenkt). Dummerweise sind vor diesem Gesetz alle Kugeln gleich, und damit auch alle 8145060 Möglichkeiten, sechs Zahlen aus 45 auszuwählen, gleich wahrscheinlich. Aber wir erinnern uns doch noch dunkel daran, dass manche Zahlen anscheinend etwas gleicher sind und obendrein die Sterne ein Wörtchen mitzureden haben (Madame Crystal singt Ihnen sicher gerne ein Liedchen davon vor). Also wie jetzt?
Zum einen können wir die Frage stellen, warum Gerda Rogers und Konsorten noch immer geregelten Tätigkeiten nachgehen, anstatt allwöchentlich zwei Sechser einzuheimsen. Andererseits kann ein Vorgang gar nicht zufällig genug sein, als dass Menschen nicht glauben, ihn doch kontrollieren zu können („Diesmal kommt mein Geburtstag, ich spür’s im Urin!“). Die so genannte „Kontrollillusion“ führt beispielsweise dazu, dass Würfelspieler_innen stärker werfen, wenn sie Sechsen benötigen, und dementsprechend sanfter, wenn die Eins kommen soll. Aber wer kontrolliert jetzt das Geschehen bei der Lottoziehung wirklich? Der Zufall? Die Mathematik? Die Sterne? Oder etwa Gott?

Keine Macht für niemand

Probieren wir es mal mit Physik (keine Sorge, der Artikel ist in Kürze zu Ende). Nehmen wir an, dass wir zu Beginn einer Ziehung sowohl Lage und Richtung aller 45 Kugeln kennen. Zusätzlich kennen wir alle Parameter des Luftgebläses, das die Kugeln durchmischt, nämlich im Optimalfall Ort und Geschwindigkeit eines jeden Luftmoleküls sowie alle wirkenden Kräfte. Dann noch spielerisch Differentialgleichungen lösen, und schon haben wir wieder das Sagen! Nur produzieren auch die Einsteins keine Sechser am Fließband. Ganz im Gegenteil, denn – abgesehen davon, dass uns die Berechnungen, gelinde gesagt, Schwierigkeiten bescheren würden – seit Anbeginn von Chaosforschung und Quantentheorie hat es sich der Zufall auch in der Physik bequem gemacht. Diejenigen, deren tägliches Brot Begriffe wie „Unschärferelation“ und „Nichtlinearität“ sind, wissen Bescheid. Falls Sie sich nicht angesprochen fühlen, dann kann Ihnen das aber eigentlich auch egal sein.
Zufall hin oder her, um sich die Arbeit zu ersparen, zahlt es sich eher aus, die marginale Gewinnaussicht in Kauf zu nehmen und, ohne lange zu überlegen, die Steuer der Deppen zu entrichten und einfach auf das große Glück zu hoffen. Oder man gibt das Geld überhaupt gleich sinnvoller aus und kauft sich einen Schlecker.

Quellen und Weiterführendes:

  • Ein Artikel zum Thema Wahrscheinlichkeitsrechnung (mit Bezug auf Lotto) aus der Reihe „Unsinn in den Medien – Vom allzu sorglosen Umgang mit Daten“ des Instituts für angewandte Statistik der Uni Linz findet sich unter www.ifas.jku.at/e3456/e3533/e3536/files3539/wahrscheinlichkeitsrechnung3...
  • Ziehungsstatistiken, Astrologisches und vieles mehr, was zum schnellen Reichtum verhelfen soll, beinhaltet die Internetseite www.6richtige.at
  • Eine interessante und informative Lektüre für solche, die es ein bisschen mathematischer haben möchten, bietet „Das Ziegenproblem. Denken in Wahrscheinlichkeiten“ von Gero von Randow (Rowohlt 1992).

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