Selbstdarstellung in den schönen Künsten

Ausgehend von der Lektüre des Zweigschen Buches „Dichter ihres Lebens“ soll die Frage nach der (positiven) Bedeutung von Selbstdarstellung durch Schreiben und Malen gestellt werden …

Stefan Zweigs hervorstechendste Eigenschaft ist sein einfühlsamer Zugang zu den von ihm portraitierten Künstlern. Er versteht es wie nur wenige andere Biografen, ein Bild vom Ausgewählten zu zeichnen und uns Lesende in die Zwangsläufigkeit seiner jeweiligen schöpferischen Eigenart einzuführen. Im Band „Drei Dichter ihres Lebens“ stellt er uns Casanova, Stendhal und Tolstoi vor.

Diese Dichter mit so unterschiedlichen Themen eint ihre autobiografische Selbstauseinandersetzung (der auch Zweig in der „Welt von Gestern“ erlag). Stefan Zweig stellt den Zugängen zu den drei Dichtern ein gutes Vorwort voran, in dem er einige Tücken der Selbstauseinandersetzung in der Literatur aufzeigt. So besteht die Gefahr, ein Bild zu generieren, das sich mit den bereits existenten Fremdwahrnehmungen und dem eigenen Wahrgenommenseinwollen deckt. Um den Vorwurf einer allzu glatten, allzu positiven Darstellung zu entkommen, streuen die geschickten Autobiografen gezielt Glaubwürdigkeit erhöhen wollende Schwächen ein, derer sie sich vermeintlich genieren. Zweig rät zur Vorsicht, gemäß der „alles ist eitel“ – Devise dienen jene hingeworfene Knochen allenfalls zur Besänftigung kritisch Suchender, sind aber nicht Ausdruck des Allerinnersten. Dies wird in andren Formen abgehandelt – falls es überhaupt einen Weg nach außen findet.

Kleine Formen – große Themen

Diesen Formen gilt es nachzuspüren. Denn in diesen ist die Gefahr der Inszenierung (der wir in anderer Materialität im Alltag stetig begegnen – wer ist frei von Zwängen der Mode, der Marke, der gezeigten Zugehörigkeiten, der Attitüden, der bewusst gewählten Sprache?) geringer. Muss im bedeutungsschwangeren (auto-)biografischen Werk eine konservierende Festschreibung erfolgen, so bleibt der sich seiner entäußern Wollende in der privat intimen Form geschützter und kann offener schreiben. Ein Blick auf Briefwechsel, Tagebücher, Skizzenbücher eröffnet dem interessiert Suchenden ambivalentere Einblicke in des Künstlers Leben. Hier wird weniger weggelassen, weniger zur Rundung hinzuerdichtet – hier wird die Fülle des Lebens abgearbeitet, abgetragen – ohne allzu dick aufzutragen. Immer vorausgesetzt, dem Schreibenden geht es hier um Rückhaltlosigkeit und nicht um Selbstvergewisserung durch nach außen weitergegebene starre Interpretationsbehelfe (aber selbst diesem Ansinnen kommt man durch die Fülle der ggf. divergierenden kleinen Formen auf die Schliche). Gerade im Tagebuch (ohne Veröffentlichungsintention) ist Unmittelbarkeit, ein redliches „das ist mir das“ zu erwarten. Und in diesen Gedanken und Gefühlen eigene ansatzweise wieder zu finden mag schön sein, mag inspirieren.

Das Große – das Unredliche?

Es mag der Eindruck entstehen, nur im Kleinen glücke die echte Selbstaussage. Doch das kann nicht solcherart generalisiert werden, denn wir vergäßen so den Anspruch, den ein Künstler durch die Selbstoffenbarung hat – sein „seht her, das bin ich“ will immer auch Dialog zum ihn Anschauenden/Erlesenden sein. Und oftmals ist die Einladung ins geschickt präsentierte Innerste eines Anderen zu schauen auch ein spiegelndes Spiel: „Was sagst Du dazu? Wie müsstest Du Dich darstellen? Wie gehst Du mit dieser meinen Offenheit um? Welche Bilder von Dir gibt es – welche traust Du Dich herzuzeigen? Welche aber verbirgst Du warum? (…)“. Oftmals gebricht die eine Darstellung, bleibt ein „da ist etwas von mir auf der Strecke geblieben“ für den Äußernden spürbar – noch öfter aber für den Betrachtenden. Daher ist die Egomanie, die Besessenheit mancher unablässig Selbstzeugnisse Produzierender (man denke an Schieles Selbstportraitreigen, im Belvedere zu sehen – oder Jonas Burgerts Lebendversuche in der Kunsthalle Krems) verständlich – in der Malerei ist das „mehr denn 1000 Worte sagen“ – Können aber auch zeitlich begrenzt: wir erleben immer nur Momentaufnahmen – wohingegen Literatur die Gewordenheit stärker mit einbeziehen kann. Das ist der Nachteil des unmittelbar sprechenden Bildes: Prägekräfte können zwar durch (technische oder Bild-)Zitate angedeutet werden, will man aber die eigene Entwicklung abbilden, braucht man in der Regel den Vergleich – und somit die Fülle. Zweig trug dieser Notwendigkeit Rechnung, indem er dem Künstler (Stendhal) nicht Egoismus (in seiner Andere benachteiligenden Form), sondern den Neologismus „Egotismus“ zuschrieb: die aus dem Wunsch möglichst umfassender korrekter Selbstwahrnehmung und -abbildung erwachsende intensivierte Selbstbeschäftigung. Und die kann im Kleinen wie im Großen versucht werden – und sie stellt auch ganz ohne autobiografische Ambition eine regelrechte (weil das achtsame Leben intensivierende) Selbstverpflichtung dar. Scribeamus igitur!

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.