Seytun Parvarde und Integration

Seytun Parvarde und Integration
Iraner essen nicht nur Kebab. Die persischen Restaurants im Ausland tun nur so. Warum? Weil die unterschiedlichen Speisen des Landes zu lange vor sich hin köcheln müssten und das wäre zu umständlich. Darum. Im Übrigen sagt der Iraner nicht „kebab“ sondern „kabaab“. Detail am Rande: was Türken „Schaschlik“ nennen, eine Kebabvariante, wird im Iran „Schischlik“ genannt. Erbsenzählerei? Wohl kaum. Wenn ein Österreicher oder ein Deutscher der oft beim Türken „Schaschlik“ bestellt, in den Iran reisen sollte (kann ja schon mal vorkommen) und „Schaschlik“ bestellt, hat er wörtlich „Urin am Spieß“ bestellt.
Zurück zu „Seytun Parvarde“. Seytun bedeutet Olive. Was Parvarde bedeutet ist (mir) unklar. Es handelt sich um eine Art Beilage, die in einer kleinen Schüssel neben dem Essen im Nordiran (besonders am Kaspischen Meer) zu sich genommen wird.
Und so wird es gemacht:
Man kauft Oliven. Eher große als kleine. Grüne (kernlose) Oliven. Dann besorgt man sich bei den netten Lebensmittelgeschäften der netten Iraner rund um den Naschmarkt, oder netten Türken oder netten Indern Granatapfelsaft. Kleine „ausländische“ Lebensmittelhändler sind nämlich nicht böse. Sie sind nett. (Aus irgendeinem Grund möchte man das betonen.) Dann bräuchte man noch Walnüsse und Knoblauch.
Falls man zu Hause ein Moulinex Zerkleinerer hat, nimmt man eine Handvoll Walnüsse und zerkleinert sie so sehr dass wir von einer Walnussmasse sprechen können und zwar eine homogene. Danach eine Schüssel nehmen, unbedingt eine weiße oder eine durchsichtige, darin die homogene Walnussmasse „legen“ und sie mit dem Granatapfelsaft ertränken, nicht sparsam sein sondern richtig viel Granatapfelsaft auf die homogene Walnussmasse und sofort umrühren! Und siehe da, es hat sich ausgezahlt eine weiße Schüssel zu haben, denn wir haben eine lila Masse zustande gebracht. Braune Walnussmasse + roter Granatapfelsaft= lila Masse. Dann nehmen wir uns eine Knoblauchzehe oder zwei, wenn man sich das zutraut und zerkleinert den Knoblauch unglaublich klein. Oder aber man nimmt eine Reibe. Je nachdem, womit man besser zu Recht kommt. Den zerkleinerten Knoblauch und die knackigen grünen Oliven mischen wir unter die homogene Walnuss/Granatapfelsaftmasse und rühren wieder um.
Und jetzt wo alles miteinander vermengt ist, haben wir Oliven in lila Masse, irgendwie sind die grünen Oliven jetzt auch lila und es duftet nach Knoblauch….ABER!!!, es fehlt noch was. Ein Gemüse, das nur im Iran und in Indien wächst, zumindest wurde uns das immer wieder von den Iranern und Indern gesagt. Wir brauchen dieses Gemüse. Wir sind aber nicht in der „Heimat“ dieser Beilage die sich „Seytun Parvarde“ nennt. Also erliegen wir dem Assimilationszwang und nehmen Petersilie. Petersilie kommt auch noch klein gehackt in unsere Schüssel und wir rühren um, und denken uns was wohl gemeint ist wenn man sagt dass Migranten scheinbar in ihrer Parallelgesellschaft leben, wenn man als ungewollte Migrantin es nicht einmal schafft das passende Gemüse im Exil aufzutreiben, dann rühren wir weiter und denken uns das mit der Parallelgesellschaft meint mit Sicherheit etwas anderes, sicher meint es die Kinder der Migranten in den Wiener Schulen die sich erlauben in ihrer Muttersprache zu telefonieren, kein Leberkäse essen und irgendwie an allem was schief läuft in den Schulen schuld sind, weil sie dumm sind, langsam sind, faul sind und alles sind was man nicht sein darf, sagt man zumindest. Hat nichts mit Seytun Parvarde zu tun. Also rühren wir noch mal um und dann essen wir diese Beilage trotzdem nicht. Wir stellen die Schüssel in den Kühlschrank und lassen das ganze 3-4 Stunden ziehen. Dann nach 3-4 Stunden wenn der Knoblauch sich mit der Olive angefreundet hat und beide mit dem Granatapfelsaft und der Walnussmasse zurechtgekommen sind, kommt der Kulturschock für alle (nord) Iraner, denn die Beilage wird zum Hauptgericht. Wir nehmen knackiges Baguette und machen aus der Seytun Parvarde eine Art Aufstrich. Der Geschmack: nussig, süß und gleichzeitig scharf. Sollte zumindest so sein.
Weil uns aber der Vorwurf der Integrationsunwilligkeit von Moslems und überhaupt allen Minderheiten in Österreich im Nacken sitzt, nehmen wir nach dem Verzehr ein Pfefferminzkaugummi um wegen der Knoblauchfahne nicht noch mehr ins Abseits gestellt zu werden, denn wer sich selbst isoliert ist selbst schuld. Aus Angst könnte man sagen. Wir kauen den Kaugummi und sehen dann Parteiwerbung, wo man durch die Blume gesagt bekommt, dass man der Ballast der hier beheimateten Gesellschaft ist, und schwören uns bei der erstbesten Gelegenheit auszuwandern um dann irgendwo wieder unser selbstgemachte Seytun Parvarde zu essen mit dem Wissen dass das Gewürz das dem ganzen (angeblich) den nötigen Pfiff gegeben hätte, wieder nicht zu finden ist und mit dem heimlichen Verdacht dass man es nie finden wird, nirgendwo.

Kommentare

Gewürz

Wie heisst es denn, das Gewürz? Klingt sehr intressant das ganze, werd ich auch mal versuchen. Aber einfach PEtersielie als Ersatz für irgendwas ... da würd ich schon gern wissen, wie es eigentlich schmecken soll.

scheint sich geradewegs um

scheint sich geradewegs um ein nationalgeheimnis zu handeln. in anderen darstellungen des rezeptes steht im allgemeinen "iranian aromatic herbs" oder dergleichen. nie, was es eigentlich ist. was habt ihr da für ein zauberkraut im iran? und in was verwandelt man sich, wenn man es ißt?

das original gewürz heisst

das original gewürz heisst "tshutshagh" .
viel spaß bei der aussprache.
wächst angeblich nur im nordiran und teilen indiens.
es gibt genau ein restaurant das es anbietet, also seytun parvarde, siehe:
www.pars-restaurant.de/speisekarte.php?ugID=2 - 33k

sag ich ja.

sag ich ja. nationalgeheimnis. mein persischwörterbuch kennt das auch nicht. *knurr*

und veit, du kannst auch

und veit, du kannst auch basilikum nehmen. es soll einfach nur die dominanz des walnussgeschmacks verhindern. es soll nicht nur nach nuß schmecken.
und wichtig ist vielleicht auch: sauren granatapfelsaft kaufen. es gibt auch süßen. der süße granatapfelsaft ist nicht geeignet, der ist besser für eintöpfe etc.

naja, ist ja auch nur eine

naja, ist ja auch nur eine spezialität aus dem norden. wenn du einen südiraner fragst, wird er auch nicht kennen.
so richtig satt macht es auch nicht. wegen dem knoblauch will man (ich) dann immer mehr davon essen. knoblauch macht ja sowieso eher hungrig als satt.

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