Silbergraue Fantasielosigkeit

YodaDarf man Science Fiction und Fantasy in einen Topf werfen? Und darf man über Dinge lästern, die man nur aus der Ferne kennt?

Sie tragen klangvolle Namen und beeindruckende Schwerter, ernste Mienen und oft und gerne langes Haar. Die Welt soll gerettet werden, eine Reise in ferne Sterne steht an, ein Krieg bricht aus. Des Helden Antlitz blitzt in der Sonne, mit Wonne sticht er zu und sagt, was man in solchen Situationen halt sagt, etwas Pathetisches, Denkwürdiges, das haften bleibt. Was genau an Fantasy fantasievoll sein soll, ist mir schlicht schleierhaft, die müden Verfremdungsversuche wirken dermaßen bemüht, dass man peinlich berührt den Fernseher abschaltet beziehungsweise das Buch zuklappt.

Das Hinzufügen von Vokalen soll wohl Orts- und Personennamen einen dramaturgischen, geheimnisvollen Touch verleihen, ich hingegen denke an Gewürze, und jetzt mal ehrlich: passen würde das ganz gut, wenn Oregano oder auch Aromat, fest im Sattel seines weissen Schimmels Kardamom sitzend, in Richtung Curcuma davonbrausen würde.

Nichts neues unter der Sonne

Ein weiterer heikler Punkt ist das Aussehen der Fantasy-Figuren, die einerseits zwecks Identifikation möglichst menschenähnliche Formen, andererseits zwecks spannende-fremde-Welt-Effekts einen Schuss Exotik aufweisen müssen. Das äussert sich dann in alles-wie-gehabt plus ein drittes Auge, in alles-wie-gehabt nur einfach etwas kleiner, in alles-wie-gehabt aber mit spitzen Ohren. Toll. Und selbstverständlich fühlen und denken und handeln die Fantasiegestalten wie Menschen, wie denn sonst?, und das Armseligste an der ganzen Geschichte sind die Geschichten, Plots von grauenhafter Uninspiriertheit, die durch zwei grüne Männchen und vielleicht noch einen Feuer spuckenden Drachen mitnichten wettgemacht werden können. Kriege, Kämpfe, dazwischen eine Portion Liebe – Heteronormativität bis in den hintersten Winkel des Alls – und wie sieht die Herzdame wohl aus?
Die unerträgliche Öde der Fantasy-Stories hat selbstverständlich einen ebenso banalen wie triftigen Grund: Es ist nichts Undenkbares denkbar. Die geistige Beschränkung, die uns das Menschsein auferlegt, ist durch nichts zu durchbrechen, ewig werden unsere Geschichten anthropozentristisch ausfallen und an Erdmaßstäben verhaftet bleiben, zu viel mehr als der Vorstellung eines dritten Auges ist unser Gehirn nicht fähig, und die Beschreibung des dritten Auges nimmt in Fantasybüchern für gewöhnlich jenen Stellenwert ein, der sonst charakterlicher Ausdifferenzierung zugestanden würde. Man bleibt an platten Figuren kleben, die durch eine bemüht originelle Geschichte stolpern und vor jeder wahren Herausforderung auf ihrer Fantasie ausrutschen und kläglich in klangvollen Namen zu Boden sinken.

Wer also, fragt sich einer da unwillkürlich, soll die ganzen Bücher lesen? Und wer soll Aragon nach Estragon begleiten? Der romantische Heavy Metaller vielleicht, der sowieso einen grotesken Hang zur Stilisierung kitschiger Symbole aufweist? Durch Nebelschwaden galoppierende Einhörner, Feen und der gotisch anmutende anmutige Tod im Hintergrund? Um sich nach der Lektüre innerlich erstarkt wieder dem nüchternern Job als Informatiker zuzuwenden? Die emanzipationsüberforderte junge Frau, die sich nach starken Schultern und richtigen Männern sehnt? Die aus verwunschenen Schlössern gerettet werden will? Die kann sich ja immer noch für ein Mittelalterweekend anmelden, sind schätzungsweise dieselben Träumer, die dort in Kutten herumtorkeln und Met trinken und mit der Ernsthaftigkeit kleiner Kinder selbstvergessen Ritter spielen. Dabei ignoriere ich geflissentlich all jene Werke, die gesellschafts- oder staatskritisch sind und dabei subversiv gängige Normen in Frage stellen. Diese sollen Gegenstand differenzierterer Abhandlungen sein.

Ebenso unerfreulich: das Universum des Science Fiction

Die Welt in ein paar Jahrhunderten, lernt der beflissene Science-Fiction-Film-Gucker, ist eine silbergraue Welt, eine durchtechnisierte, überrationalisierte, eine mit ovalen Gegenständen und unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten. Damit der leider noch im Vorgestern verhaftete Zuschauer dennoch mitkriegt, was abgeht, wird rücksichtsvoll auf die herkömmliche Art und Weise kommuniziert, in Englisch sogar. Schöne neue Welt! Wir flitzen also, umhüllt von Metall und Glas, durch die Gegend, manchmal wird gebeamt, und damit erschöpft sich das Repertoire an Fortbewegungsmittel. Genauso schnell erschöpfen sich alle übrigen Ideen, die sich mit dem Zusammenleben in der Zukunft befassen, entweder werden wir alle technologisiert oder digitalisiert, oder neben der immer noch nicht von der Evolution dahingerafften Spezies Mensch haben sich (meist böse) Roboter etabliert, selbstverständlich auch in funkelndem silbergrau. Bei den Menschen scheinen sich vor allem die Frisuren zu ändern, grosse Brüste an ansonsten schlanken Körpern hingegen haben allen Modewellen getrotzt, beruhigende Kontinuitäten, dann lohnt es sich ja wenigstens, sich da ein bisschen Silikon rein zu machen, wenn man damit dann die nächsten paar tausend Jahre punkten kann.
Metropolis, einer der ersten Science-Fiction-Filme, ist auch kräftig daneben gelegen: Die Zukunft, so wurde 1927 befunden, liegt in der Dampfmaschine, alles wird von riesigen Maschinen durchzogen, Mechanik geht in Fleisch und Blut über, bloss die Digitalisierung, die hat man irgendwie nicht erahnen können, weil die Welt Gott sei Dank keinem göttlichen Plan folgt, weil Entwicklungen kontingent sind und das Wissen um ein Morgen Geheimnis bleibt. Weshalb sollte man sich mit halb gruseligen, halb faszinierenden Zukunftsvisionen befassen, die etwa die Trefferquote eines gelähmten Wetterfroschs aufweisen? Ich seh schon: der Reiz von Science Fiction liegt gerade in diesem Geheimnis, vielleicht auch in narzisstischen Träumen von Grösse, Wichtigkeit, in der Sehnsucht nach Abenteuern. Irgendwie kann ich kleine Spießer, auf der Suche nach der anderen Welt, ja verstehen. Ein paar Stunden dem Alltag entfliehen, wie man so schön sagt, um mit großen Helden große Abenteuer zu erleben. Mich stört dabei einfach die ewig silberne Farbe …

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