So wie man in den Spiegel schaut, so schaut’s zurück

Ich schrubbe mir die Zähne und sehe dich, mit blauem Schaum vorm Mund. Witzig sieht das aus, finde ich, doch du lachst nicht und ich verkneif es mir aus Solidarität. „Es gibt auch nichts zu lachen hier“, erwiderst du und bietest mir die Stirn: „Siehst du? Ein roter Fleck, hier, hier und hier. Und dort, ganz knapp am linken Nasenflügel (dein Links, nicht das meine), da wölbt sich was, das übel ausgehn wird.“ Ich sollte jetzt was Nettes sagen, find ich, doch siehst du mich so strafend an, dass ich es lass, Schaum spuck und und geh. „Warte, ich muss dir noch was zeigen!“, rufst du mir nach. „Was Gutes?“, frag ich hoffnungsvoll, doch du: „Naja, Orangenhaut gäb’s noch zu sehn, ein wenig Hüftspeck, der da neu wär, und …“ – „Ach lass mal“, unterbrech ich dich und lass dich stehn. Doch los werd ich dich leider nicht.
Am Weg zur Arbeit treffe ich dich in Schaufenstern und Windschutzscheiben. Du zupfst an meinen Haaren rum, legst Strähnchen an den rechten Platz, zauberst Volumen, wo keins ist (zwecklos, dir das zu sagen, das mit dem Wind).
Den Rest des Tages ignorier ich dich. Nur einmal, beim Anblick deiner Augenringe, die im Toilettenlicht erstrahlen, da murmel ich: „Du machst mich müd’, mein Herz, so geht das nicht.“ Heut Abend, nehme ich mir vor, stell ich dich mal zur Rede: Ich will dich wieder lächeln sehn, Grimassen schneiden, will, dass du Türme baust aus meinen shamponierten Haaren. Am Morgen will ich ein Kompliment von dir und abends, anstatt des ständigen Gemeckers, will ich dich nackt und still. Dich ganz lang ansehn, mich ansehn und was ich seh (Augen, Mund, Nase, Ohren, Haare, Hals, Schultern, Arme, Brüste, Bauch, Beine, Füße, Arsch) einfach für gut und schön befinden.

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