Somewhere –  auf der Suche nach Wahrheit

Glück kann man nicht kaufen. Dieser Satz mag abgedroschen klingen, aber gerade bei großen Hollywoodstars, deren Lebensweise sich sehr exzessiv gestaltet, kann früher oder später eine spürbare Leere aufkommen, die eine Suche nach sich selbst in Gang setzt.

Johnny Marco (Stephen Dorff) lebt das scheinbar überwältigende Leben eines Hollywoodstars in vollen Zügen. Er logiert dauerhaft im legendären Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard, fährt einen schnittigen Ferrari, lädt sich regelmäßig junge Blondinen in sein Zimmer ein, die für ihn an mobilen Striptease-Stangen tanzen, und verbringt viele Nächte auf etlichen Parties. Alkohol, Drogen und Liebhaberinnen gehören zu seinen täglichen Gebräuchen.

Er gebraucht diese Dinge, um sich ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Doch im Innersten dieses coolen, muskulösen, tätowierten Typen verbirgt sich eine einsame Seele, die sich nach Liebe, Wahrhaftigkeit und Sinnhaftigkeit sehnt. Zu seinem Glück begegnet er einer jungen Frau, die ihn Stück für Stück die Freude am Leben wieder spüren lässt: seiner 11-jährigen Tochter Cleo (Elle Fanning). Da seine Exfrau für einige Zeit verreist, haben die beiden erstmals die Gelegenheit, sich besser kennen zu lernen.
somewhereJohnny begleitet seine Tochter zum Eiskunstlauftraining, gemeinsam reisen sie nach Mailand, wo Johnny in einer skurrilen TV-Show geehrt und umtanzt wird, sie bestellen sich mitten in der Nacht Eis aufs Hotelzimmer, gehen gemeinsam frühstücken und ohne es wirklich zu merken, spürt man, wie die beiden zusammenwachsen. Cleos Energie und Lebensfreude sprüht auf ihren einfältigen, bewegungskargen Vater über und verändert seinen betrüblichen Alltag. Cleo gibt seinem Leben wieder einen Sinn. Anders als bei den vielen hübschen Frauen, die er auf irgendwelchen Parties aufreißt, spürt er in Cleo etwas Ehrliches, Vertrautes, auf das er zählen kann und worauf er nicht mehr verzichten möchte. Zugleich wird ihm nur zu deutlich bewusst, wie oberflächlich, bedeutungslos und verloren sein Leben eigentlich ist. Als er in letzter Verzweiflung seine Exfrau anruft, um sich bei ihr auszuweinen, wird ihm bewusst, was das Publikum schon längst beobachtet hat: Johnny muss sein Leben verändern.

Der Oscarpreisträgerin Sofia Coppola gelingt sieben Jahre nach Lost in Translation ein weiteres wunderbares Werk, bei dem sie ebenfalls nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch dazu schrieb. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf dem liebenswerten Actionfilm-Schauspieler, in dessen Leben keine Form von Action oder Spannung mehr existiert. In seiner eigenen Welt ist Johnny ein Verlorener. Somewhere beschreibt den Tiefpunkt im Leben, in dem sich Johnny Marco befindet. Tiefpunkt vielleicht?
Coppola erzählt von Einsamkeit und Isolation, einer Spiegelung der Celebrity-Kultur, sowie einer warmherzigen Vater-Tochter-Beziehung, in der eindeutig die Tochter den Part der Vernünftigen übernommen hat, die ihren Vater wieder auf den richtigen Weg bringt. Mit auffällig langen, dialoglosen Kameraeinstellungen vermittelt Coppola die unendliche Langeweile, die Johnny in seinem Leben verspürt. Diese langatmigen, fast schon unangenehmen Sequenzen lassen den Zuschauer die Leere spüren, die sich durch Johnnys Leben zieht. Krampfhaft versucht er diese einsame Langeweile mit Alkohol, Drogen und Frauen zu betäuben, doch letztendlich betäubt er nur sich selbst und verliert jegliche Lebensenergie. Durch gekonnte Ironie gelingt es Coppola, ihr Publikum, durch die stetige Apathie ihrer Hauptrolle, die Stephen Dorff wunderbar verkörpert, zum Schmunzeln zu bringen. Auch Ellen Fanning, die zuvor in Der seltsame Fall des Benjamin Button gespielt hatte, gelingt in diesem Film eine hervorragende schauspielerische Leistung.

Ob Sofia Coppola in diesem Film, den sie mit Bruder Roman Coppola als Produzent und Vater Francis Ford Coppola als ausführenden Produzenten inszenierte, etwas aus ihrer eigenen Geschichte erzählt, bleibt, wie das Ende des Films, zur freien Interpretation offen. Eins steht jedoch fest: Als es zur Wandlung in Johnnys Leben kommt, der Übergang von Hotelessen zu Selbstgekochtem (Tausch gegen oder Übergang zu) stattfindet und er sich für seine Fehler entschuldigt, wird klar, warum Somewhere der Gewinner des Goldenen Löwen auf den 67. Filmfestspielen von Venedig geworden ist.

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