Spiegelbruch und Börsenkrach

Vom Nutzen und Nachteil des Aberglaubens für das Leben

Als LehrerIn kann man sich derzeit glücklich schätzen. Die Stellung des Prügelknabens der Gesellschaft dürfte man momentan eher das Finanzwesen innehaben – und ein kleiner Winzling freut sich bekanntlich dann, wenn er noch kleinere erblickt (Ha ha!). Genug der Schadenfreude: Für die bemitleidenswerten Börsenheinis unter uns dürfte besonders der 13. August interessant werden. Es handelt sich dabei um einen der Freitage, die aufgrund kalendarischer Numerik zumindest einmal im Jahr zu einem Unglückstag mutieren. In Krisen wie diesen schreit das förmlich nach einem der berüchtigten „schwarzen Freitage“, wie etwa dem an der Berliner Börse am 13. Mai 1927 – der Rest ist bekanntlich Geschichte …

Schwarze Tage

Wer fleißig Geschichte gebüffelt hat, wird jetzt aber wohl anmerken, dass es kein schwarzer Freitag, sondern ein ebensolcher Donnerstag im Jahre 1929 war, der der Menschheit die bisher folgenreichste Wirtschaftskrise beschert hat. Außerdem gab es in der Vergangenheit auch etliche Börsenkrachs an angeschwärzten Mon- und Dienstagen, welche sich somit ebenfalls als Unglückstage bewerben würden. Und darüber hinaus ist unter den schwarzen Freitagen der Monatsdreizehnte alles andere als übermäßig oft vertreten. Auch Unfallstatistiken bekräftigen etwa, dass die Häufigkeit von Verkehrsunfällen an Freitagen völlig unabhängig davon ist, welche Zahl gerade am Kalenderabreißblatt zu finden ist. Freitag, der Dreizehnte – alles bloß ein Mythos? Ja und nein.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Wer der Auffassung ist, dass abergläubische Denk- und Verhaltensweisen ohne jede Konsequenz bleiben, irrt. Nicht auszudenken, wenn ausgerechnet am Freitag, dem 13. August in der New York Stock Exchange an der Wall Street der Kosmetikspiegel eines abergläubischen Börsenmaklers zu Bruch gehen würde – womöglich noch dazu aufgrund eines Zusammenstoßes mit einer schwarzen Katze! Bekannterweise steht der Aktienmarkt oft mehr mit psychologischen denn mit realwirtschaftlichen Faktoren in Verbindung, und dummerweise sind die Ergebnisse menschlicher Handlungen laut Psychologie nicht nur von Absichten, sondern auch von Erwartungen beeinflusst. Wer etwa denkt, rückwärts schlecht einparken zu können, vermeidet womöglich ebendieses – weshalb die Chancen steigen, im ungeübten Ernstfall tatsächlich einen Parkschaden anzurichten (was wiederum die ursprüngliche Ansicht zu bestätigen scheint). Solche so genannten „self-fulfilling prophecies“ fördern nicht nur diverse Vorurteile, sondern auch den Aberglauben, denn wer abergläubisch ist, verhält sich dementsprechend und führt obendrein bestimmte (freudige oder leidige) Ereignisse eher auf einen Talisman oder eine schwarze Katze zurück als auf eigenes (Un-)Vermögen.

Abergläubische Inquisition

Zerbrochene Spiegel werden wohl selbst von abergläubischen Menschen im Normalfall (obiges Extrembeispiel ausgenommen) als nicht allzu gefährlich eingestuft – abgesehen von der Verletzungsgefahr durch Glasscherben. Schwarze Katzen gelten demgegenüber offensichtlich als ungleich bedrohlicher. Dabei werden die Viecher selbst Opfer ihrer abergläubischen Bedeutung: Schenkt man der italienischen Tierschutzorganisation AIDAA Glauben, so werden in Italien jährlich etwa 60000 schwarze Katzen aufgrund ihres angeblichen Bedrohungspotentials getötet (die meisten davon an Halloween). Nicht zu Unrecht erinnert das stark an die Hexenverfolgung früherer Zeiten, da schwarze Katzen im finsteren Mittelalter unter anderem als Hexengehilfen gebrandmarkt wurden (Gargamel und Azrael lassen grüßen). Welch Ironie, dass sich demgegenüber etwa mit dem Fliegenpilz ein wahrhaftig unheilbringendes Objekt großer Beliebtheit als Glücksbringer erfreut …

KaterErklärungsnotstand

Einer der bedeutendsten Teilbereiche der Psychologie befasst sich mit dem Zustandekommen von Verhalten. Der Theorie der „operanten Konditionierung“ zufolge resultieren viele unserer gängigen Verhaltensweisen daraus, dass wir dafür (mehrmals) in irgendeiner Weise belohnt worden sind (z.B. gute Noten für braves Lernen). Dabei ist entscheidend, welche Verhaltensweisen mit der Belohnung verknüpft werden (Schummeln kann z.B. auch zum gewünschten Erfolg führen).
Um nun für eine Fortführung des Erfolges zu sorgen, müssen wir klarerweise erklären können, durch welche Verhaltensweisen dieser überhaupt eingetreten ist (was umgekehrt auch für zu vermeidendes Verhalten bei Misserfolgen gilt). Leider gibt es aber viele Situationen, in denen die Gründe für Erfolg oder Misserfolg nicht unmittelbar ersichtlich sind, was dazu führen kann, dass oft bizarre, mitunter abergläubische Erklärungsweisen zustande kommen. Davon zeugen psychologische Experimente, in denen Versuchspersonen bei Videospielen völlig unabhängig von ihrem Verhalten (ergo zufällig) Punkte erhielten, was unter anderem auf komplizierte Bewegungsabfolgen oder langsames Drücken der Tastatur zurückgeführt wurde. Und wenn sich nun eine schwarze Katze zufälligerweise genau dort aufhält, wo jemandem ein Unglück widerfährt, ist die Schuldige umso schneller ausgemacht …

Irren ist unmenschlich

Noch irreführender ist es, wenn wir von einer falschen Erklärung überzeugt sind. Dabei bezieht man sich häufig auf Ereignisse, die das Vorhandensein eines Zusammenhanges mit Erfolg oder Misserfolg scheinbar bestätigen (auch „Scheinkorrelation“ genannt). In Folge 20 der zweiten „Malcolm mittendrin“-Staffel zum Beispiel führt Hal seine Glückssträhne beim Bowling auf eine Abfolge von Verhaltensweisen (Hosenstall schließen, am Bein kratzen etc.) zurück, die er zufällig vor seinen „Strikes“ durchführte – um diese Verhaltensweisen bei jedem weiteren Versuch in ritueller Weise zu wiederholen. Eine einseitige Aufmerksamkeit für Sachverhalte, die sich (zufällig) gemeinsam ereignen, begünstigt somit abergläubische Rituale, die sich in weiterer Folge als ausgesprochen hartnäckig erweisen: Selbst wenn Gegenbeweise erfolgen, werden diese oft entweder bewusst ausgeblendet (Ausnahmen bestätigen ja nicht umsonst die Regel) oder sogar als Beleg für den Aberglauben umgedeutet. Stanley Schachter beschreibt in seinem Buch „When Prophecy Fails“, wie Sektenmitglieder ihren Anführern nach einer fehlgeschlagenen Vorhersage des Weltunterganges noch stärker glaubten, anstatt sie anzuzweifeln (womöglich war ja eine schwarze Katze dran schuld?). Man irrt sich halt nur äußerst ungern …

Wer aber glaubt, wird selig

Man möge an dieser Stelle des Artikels den Eindruck haben, dass Aberglaube prinzipiell zu verteufeln ist. Damit würde man allerdings einige durchaus positive Wirkungen außer Acht lassen, allen voran den Placebo-Effekt (nach dem etwa für eine Besserung des Gesundheitszustandes alleine der Glaube daran ausreicht, ein heilsames Medikament verabreicht bekommen zu haben – unabhängig davon, ob das tatsächlich der Fall war). Auch Sportler_innen können ein Liedchen davon singen, da diverse vorwettkampfliche Rituale für optimale Voraussetzungen im Mentalbereich sorgen. Nicht wenige abergläubische Menschen geben zudem an, gar nicht an die Wirkung des Aberglaubens zu glauben – sie wollen allerdings auf Nummer sicher gehen, falls er doch wirken sollte (so wie Malcolms Vater, der das Ende seiner Bowling-Glückssträhne befürchtet, sofern er seine merkwürdigen Rituale aussetzen würde). Kein Risiko eingehen zu wollen, mag auch für viele Gottesfürchtige (der Name spricht Bände!) ein Argument für religiösen Glauben sein: Sollte es Himmel und Hölle tatsächlich geben, würden die positiven Auswirkungen eines Glaubens an Gott (sowie die negativen Auswirkungen von Atheismus) weit größer sein als der zu erwartende Verlust einiger weltlicher Gelüste in dem Fall, dass der Wahrhaftige nicht existiert (dieses Argument ist auch als „Pascalsche Wette“ bekannt). Risiko hin oder her – prinzipiell ist ohnehin nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie sich hoffnungsfroh einen (Aber-)Glauben zurecht zimmern. Ein Talisman tut meist niemandem weh, und warum soll man sich nichts wünschen dürfen, wenn man eine Sternschnuppe am Himmel erblickt? Nur möge man dabei auch tunlichst Rücksicht auf andere Geschöpfe nehmen – die Weltwirtschaft und einige schwarze Katzen werden Ihnen dafür mit Sicherheit dankbar sein.

Weiterführendes:
Stuart A. Vyse: Die Psychologie des Aberglaubens – Schwarze Kater und Maskottchen (Birkhäuser, 1999)

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