Spiel mir das Lied vom Tod

Ein Spiel mit dem Tod ist dieser Film allemal. Mit dem Western hat er dennoch wenig zu tun. Viel eher mit dem Manierismus, einer Stilepoche zwischen Hochrenaissance und Frühbarock, jenem Übergang vom Streben nach Vollkommenheit und Harmonie zu barocker Üppigkeit. Manieristische Vorlieben finden im Regisseur Peter Greenaway ihre Entsprechung: Überraschungen, Widersprüchlichkeiten, Skurrilitäten und Groteskes. Allem voran aber die Allegorien, als ein „etwas anderes Sagen“. Der Film „Drowning by Numbers“ („Verschwörung der Frauen“, 1988, GB) ist voll von diesen. Bedeutungsgeladene Darstellungen, intellektuelle Spielereien und Anspielungen – ein Rätsel nach dem anderen, das entschlüsselt werden will. Oder aber man lehnt sich einfach zurück und frönt dem Schauspiel:

Der Sternenhimmel. Darunter ein seilhüpfendes Mädchen mit auftoupiertem, langem Haar und barockem Kleid – die lebendig gewordene Figur von Velázquez’ Malerei der Infantin Margaretha Theresa nämlich. Das Mädchen blickt in den Himmel, zählt laut die Sterne: „Eins – Antares, zwei – Capella, drei – Canopus …“. Bei „Hundert – Elektra“ hört es auf. „Wieso zählst du nur hundert?“ fragt eine vorbeikommende Frau. „Hundert sind genug. Wenn man bis Hundert gezählt hat, sind alle anderen Hundert gleich.“
Die Frau, Cissie Collpits, geht weiter durch die Nacht, am Weg nach Hause, vorbei an einem Baum, der in weißer Farbe die Nummer Eins trägt. Nummer Zwei ist an einer Badewanne angebracht, in der sich gerade ihr Mann, der Gärtner Jake, mit einer anderen Frau vergnügt. In der nächsten Szene wird Cissie ihn darin ertränken.

Cissie hat eine Tochter und eine Enkelin. Beide heißen ebenfalls Cissie und entledigen sich ihrer Männer – Tod durch Ertrinken. Gut, dass es da Madgett gibt, den befreundeten Leichenbeschauer. Er hofft auf sexuelle Gefälligkeiten seitens der Frauen und so sterben die drei Ehegatten offiziell eines natürlichen Todes.
Dazwischen wird gespielt. „Henkercricket“ oder „Schafe und Gezeiten“ – Gesellschaftsspiele, die Madgett sich ausgedacht hat. Smut, Madgetts Sohn, spielt lieber „Das große Todesspiel“, indem er gewaltvoll Gestorbenes aufliest, fein säuberlich mit gelber oder roter Farbe markiert, nummeriert, um es anschließend mit einer Feuerwerksrakete zu feiern. Rot für die Samstage und Gelb für die Dienstage. Es steht 29 zu 31, der Dienstag führt.
„Spiele sind Verhaltensrituale, durch die wir das Chaos ordnen und begreifen“, so Peter Greenaway. „Drowning by Numbers“ ist ein einziges Spiel, jeder noch so kleine Gegenstand im Bild wirkt bewusst platziert und bedeutungsvoll inszeniert. Ein System der Ordnung, das dennoch chaotisch wirkt. Greenaway erzeugt makabere und skurrile Bilderwelten, gekennzeichnet durch ausgeklügelte Raumkonstruktionen, Perspektiven und Farbspiele. Nicht zuletzt erinnern die Filmszenen an eine Theaterbühne. Greenaway zeigt uns die Welt als Bühne, auf der Leben und Tod gespielt werden.
Smut hält sich das beste Spiel für den Schluss auf: Es ist das einzige Spiel, in dem der Mitspieler Gewinner und Verlierer gleichzeitig ist.

Die Spiele von Madgett und Smut im Film „Drowning by Numbers“ (im Originalwortlaut). Vor einer Nachahmung sei gewarnt, denn, so Madgett: „Spiele können sehr gefährlich sein.“

Bei dem Spiel das Schloss der Träume werden beim Morgengrauen 42 Spielkarten in einem Raum, in dem es nicht zieht, zu einem Schloss aufgetürmt. Der Spieler kann die Träume der nächsten Nacht bestimmen, wenn er aufwacht, bevor das Schloss zusammenbricht. Die Spieler, die etwas Romantisches träumen wollen, bauen ihre Schlösser mit der Herz 7.
Bei dem Spiel Höhenflüge der Phantasie oder Sprünge mit umgekehrtem Striptease springt der Mitspieler von einem so hohen Punkt, wie es sein Mut zulässt. Nach jedem erfolgreichen Sprung darf sich der Mitspieler ein Kleidungsstück anziehen.
Schafe und Gezeiten: Schafe reagieren besonders sensibel auf den Augenblick, in dem die Gezeiten wechseln. In diesem Spiel ziehen neun angebundene Schafe an ihren Pflöcken. Dadurch wackeln die Stühle und die Teetassen beginnen zu klappern. Wetten werden darauf abgeschlossen, welche Reihe von je drei Schafen am Sensibelsten reagiert: vertikal, horizontal oder diagonal gesehen. Da es innerhalb von 24 Stunden normalerweise drei Gezeitenwechsel gibt, geht man vom Durchschnitt der Resultate aus. Zuverlässige Uhren, Kalender und Zeittabellen werden dazu benutzt, um genau vorhersagen zu können, wie sich die Schafe verhalten werden. Im Spiel Schafe und Gezeiten sollte ein Schiedsrichter ernannt werden, um für einen fairen Ablauf zu sorgen und richtige Reaktionen von äußeren Einflüssen zu unterscheiden. Aufgrund ihrer besonderen Beziehung zu Schafen sind Schäfer von diesem Spiel ausgeschlossen.
Sehr viele Dinge sterben laufend auf sehr brutale Weise. Die besten Tage für einen gewaltsamen Tod sind die Dienstage. Das sind die Tage der gelben Farbe. Samstage sind die zweitbesten, oder die schlechtesten. Samstage sind die Tage der roten Farbe. Das große Todesspiel ist daher ein Wettstreit zwischen den Rote-Farbe-Tagen und den Gelbe-Farbe-Tagen. Ganz gleich welche Farbe, ein gewaltsamer Tod wird immer mit einem Feuerwerk gefeiert.
Wenn ein Mitspieler im Spiel Fang oder Stirb eine Kugel fallen lässt, wird ihm eine Reihe von Handicaps auferlegt. Als erstes darf er nur mit einer Hand fangen. Danach darf er nur auf einem Knie gestützt fangen. Dann auf zwei Knien und dann mit geschlossenen Augen. Wenn ein Spieler schließlich eine Kugel mit beiden geschlossenen Augen fallen lässt, dann ist er tot und muss sich auf das Leichentuch legen.
Das Spiel Biene und Baum ist eine Variante der Reise nach Jerusalem und wird am besten mit Trauermusik und an der frischen Luft ge­spielt. Sinn des Spiels ist es, einen leeren Stuhl zu erwischen, wenn die Musik aufhört. Wenn der Stuhl, auf dem man sitzt, vorher von Bienen besetzt war, ist es gestattet ein gekonntes Foul zu begehen.
Beim Spiel Henkercricket geht es darum, dass jeder Mitspieler die ihm gewährten neun Leben behält, indem er Punkte mit dem Schläger oder dem Jäger erzielt und darauf achtet, dass er den Ball nicht gegen das Bein bekommt. Es gibt keine Beschränkung der Teilnehmerzahl, solange jeder Mitspieler von beiden Schiedsrichtern anerkannt wird. Die wichtigsten Spielfiguren sind: der Kaiser, die rote Königin, die Witwe, die dicke Dame, der Narr, der Richter, der Henker, die Hure, der Geschäftsmann, die Jungfrau. Der Ehebrecher kann sich mit der Hure paaren, wenn beide zusammen eine gerade Anzahl von über 12 Leben haben. Die Schwiegermutter darf nur 5 Punkte auf einmal erzielen. Danach muss sie Punkte an den Totengräber abgeben, der die Anzahl der Treffer jedes Mitspielers, den er schlägt seiner eigenen Anzahl hinzuzählen darf. Die Jungfrau darf immer nur Zuseherin sein, es sei denn sie spielt zusammen mit den Zwillingen. Der Geschäftsmann kann gerettet werden, wenn er sich einer roten Königin unterwirft. Aber wenn er das tut, muss er eine Geldstrafe zahlen.
Das Spiel Henkercricket kann man erst dann vollkommen genießen, wenn man es schon mehrere Stunden gespielt hat. Bis dahin hat ein jeder Spieler eine ungefähre Ahnung von den vielen Regeln und er hat sich auch entschlossen, welche Rolle er durchgehend spielen möchte. Schließlich ist der endgültige Verlierer gefunden und muss sich dem Henker ergeben, der immer gnadenlos ist.
Das Spiel Tauziehen der Krieger wird mit so vielen Leuten gespielt, wie an dem Tau Platz haben. Gewicht und Stärke müssen auf beiden Seiten gleich verteilt sein, um für einen interessanten Wettkampf zu sorgen. Auf ein vereinbartes Zeichen hin versucht jede Mannschaft die andere über eine festgelegte Markierung oder Strecke zu ziehen, auf die man sich vorher geeinigt hat. 7 auf jeder Seite sind einen ideale Zahl von Teilnehmern für dieses Spiel.
Das letzte Spiel im Film ist namenlos:
Bei diesem Spiel geht es darum das Wagnis einzugehen, mit einer Schlinge um den Hals aus einer Höhe zu fallen, die ausreicht, um durch den Fall erhängt zu werden. Bei diesem Spiel geht es darum, diejenigen zu bestrafen, die durch ihre selbstsüchtige Handlung großes Unglück verursacht haben. Dies ist das beste Spiel von allen, weil der Gewinner gleichzeitig der Verlierer ist und der Rechtsweg ist dabei ausgeschlossen.

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