Spinnennetz – zu Ende gesponnen

Meist gibt es Anlaß zur Freude, wenn sich ein literarisches Fragment lange nach dem Tod des Autors doch noch als vollständiges Werk wiederherstellen läßt. Niemand freut sich aber, daß die verschollenen letzten 20 Kapitel von Joseph Roths Erstlingsroman „Das Spinnennetz“ nach nunmehr 86 Jahren Wartezeit den Weg aus dem Nachlaß in die Druckpresse finden.
Immer schon peinlich genug war die Hauptfigur: Theodor Lohse, entwurzelter Weltkriegsleutnant, Mitläufer, Nachsager, Antisemit aus allerniedrigsten persönlichen Gründen, Spitzel im Kampf gegen den Kommunismus (mit profundem Mangel an politischer Bildung), bei Gelegenheit Folterer und Totschläger.

Gesichter wie er müssen um 1920 scharenweise herumgelaufen sein – man kennt heute die Biographien eines Himmler oder Eichmann. Nur daß die besser geschrieben sind: ohne freudianische Traumsequenzen und wörtliche Anklänge an Rilkes „Cornet“. Lohse, der schon im ersten Teil als Parallel- und Ersatz-Hitler aufgebaut wurde (kriegstauglicher und mäßig intellektueller als der echte), steigt in seiner Laufbahn als unappetitlicher Macht-Erschleicher schließlich so hoch, daß er den Führer so ungestraft vom Sessel stoßen könnte wie einst seinen Spitzel-Chef. Natürlich ahnen wir seit Seite 10, daß er scheitern wird, und seit Kapitel 30 wissen wir, an wem: seinem jüdischen Freund Benjamin Lenz, voller Anstand, Schlauheit und Erinnerungen an weise Rabbiner aus Lodz, würdig, von Klaus Maria Brandauer gespielt zu werden. Wartet auf uns Leser ein welthistorischer Showdown im Führerhauptquartier? Oder ein ebensolcher Versöhnungsakt in einer deutschen Trutzburg, während es amerikanische Bomben hagelt? Man darf gespannt sein.
Für immer – die Schlußkapitel gibt es nämlich nicht. Roth hat im November 1923 daran zu schreiben aufgehört: Der Wiener Arbeiterzeitung, die den Fortsetzungsroman abdruckte, wurde nach dem Hitlerputsch der Stoff zu heiß. Zum Glück – denn wie Roth ihn auch weitergesponnen hätte, den wirklichen Gang der Geschichte bis 1945 und danach hätte er doch nie erraten, und das Spinnennetz läge jetzt neben sonstiger von den Tatsachen widerlegter Zwischenkriegszeit-Science Fiction im Altpapier. Was bleibt, ist eine durchaus aufschlußreiche Charakterskizze (siehe oben) und der Schlußsatz: „Viele Lokomotiven pfiffen irgendwo auf Geleisen“ – die Züge, die daranhängen, sind längst abgefahren. Hoffen wir jedenfalls.

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