Stressinduzierte Zeitverschiebung

Jetzt aber wirklich, nur mehr wenige Stunden bis zum Ende der letzten, bereits zweimal verlängerten Nachfrist. Diesmal geht es sich aus, dass der Plan fertig ist, bevor im Copyshop die Lichter ausgehen, dass das Buch wieder in der Bibliothek steht, bevor der Nachtwärter seine einsamen Runden dreht, dass der Artikel bei der Lektorin eintrifft, bevor die Zeitung in Druck geht. Jedes Mal das Gleiche, solange es geht wird alles hinausgeschoben – „Ich kann unter Druck am besten arbeiten“ – und schließlich unter größtem Druck die Erkenntnis, dass auch die beste Arbeit nicht ausreichen wird, um über viele Monate Versäumtes in wenigen Tagen aufzuholen.
Ein klassisches Einsatzgebiet für die stressinduzierte Zeitverschiebung. Wird die Belastung kurzfristig zu groß, wird einfach etwas Zeit vorverlegt, welche sonst beispielsweise an einem verregneten Novembersamstag für Nasenbohren und andere kontemplative Tätigkeiten genutzt werden würde. Kleine Brüche im Zeit-Raum-Kontinuum sollen uns dabei nicht weiter stören.
Die Welt würde eine grundlegend andere sein: Ersteinmal würde wohl alles funktionieren, noch dazu termingerecht und pünktlich. Doch schon bald würden faule und findige Köpfe entdecken, dass bei dauerhaft hohem Stresslevel quasi unbeschränkt Zeit zum Vertrödeln vorhanden ist. Hastig würde die Menschheit ihre Nachmittage in Caféhäusern verplempern, von der terminlichen Enge gehetzt säßen wir in Parks und beobachteten mit nervös zuckenden Blicken die Spatzen beim Aufpicken der Brotkrumen, die wir ihnen rastlos zuwerfen. Getrieben würden wir an lauen Sommerabenden nochmal um den Block schlendern, uns schnell ein kleines Eis mitnehmen, um dieses nur zur Hälfte verzehrt wieder wegzuwerfen, wild winkend ein Taxi rufen, das uns auf schnellstem Weg in den Gastgarten bringt, wo wir in letzter Minute zu unseren Freunden stoßen, welche sich bereits in einer hektischen Diskussion verzettelt haben, bevor …
Bevor was eigentlich?
Nein, da bin ich lieber in aller Ruhe zu spät dran.

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