Subversivo Clandestino

Die geheimen Zentren der argentinischen Militärdiktatur (1976–1983)

Fakten … Fakten sind wie der seidene Faden, an dem man Halt sucht, wenn sonst nichts mehr bleibt als Dunkelheit, Ver­wirrung, Chaos. Was sind die Fakten? Fakt ist, dass X und Y am soundsovielten des Monats von einem Ort (ein Wohnhaus, eine Kreuzung, ein öffentliches Verkehrsmittel) vor den Augen von Z (Umstehende, Angehörige) verhaftet und weggebracht wurden. Man hat sie nie wieder gesehen. Vielleicht markiert eine kleine Metalltafel heute den Ort ihres Verschwindens.

Fakten sind ein kühler seidener Faden: Zahlen und Daten suggerieren Nüchternheit, fast sind sie wie ein Vorhang, hinter dem sich der Schwindel erregende Sog einer Geschichte verbirgt. Sie erzählt von den Menschen, deren Spuren zu Fakten geworden sind: Menschen mit Familie, mit Vorlieben und Nachteilen, mit Interessen, Zielen, Gefühlen, Menschen, die aus gewissen – oder auch ohne jegliches Aufscheinen von – Gründen aus dem Verlauf der Geschichte getilgt werden sollten.

Fakten

Als die argentinische Militärjunta um General Jorge Videla, Admiral Emilio Massera und Brigadier Orlando Agosti im März 1976 einschreitet, um die Präsidentin Isabela Perón ihres Amtes zu entheben und die Verfassung außer Kraft zu setzen, haben sie bereits einen Plan. Und ein Plan – so sind sich sowohl die internationale Gemeinschaft als auch ein Großteil der argentinischen Öffentlichkeit einig – wird in dem Land, das sich bereits eine Dekade in einer Art Ausnahmezustand befindet, dringend benötigt.
Nach 1966 ist die politische Situation mehr und mehr eskaliert. Das Militär stürzt die Demokratie, weil sie zu liberal ist, nach ein paar Jahren gibt es wieder Wahlen. Der neue Präsident (Héctor Campora) ermöglicht dem alten (Juan Perón) die Rückkehr, einige Monate später ist er zu alt, stirbt, seine dritte Frau und Vizepräsidentin erbt das Amt und tut, was ihr von den Hintermännern empfohlen wird. Dazu gehört, den Militärs beim Kampf gegen die extreme Linke (von der guevaristischen Volksarmee FAR und der maoistischen ERP bis zu den linksperonistischen Montoneros) immer mehr Macht einzuräumen. José López Rega, Sozialminister und späterer Generalkommissar der Polizei, gründet die paramilitärische, ultrarechte Gruppierung Triple A (Antikommunistische Allianz Argentiniens), die bereits ab 1974 für die Dezimierung der Kräfte des links orientierten politischen Revolutionismus Sorge trägt. In dieser von Wirren geprägten Ausgangssituation kommt die Junta mit ihrem Plan zur Einleitung des „Prozesses der Nationalen Reorganisation“ (so ihre Selbstbezeichnung) genau richtig. Und da sie die „Werte des christlichen Abendlandes“ bedroht sehen, erklären sie den „Schmutzigen Krieg“ gegen jegliche Form von politischem Aktivismus. In der Welt, die sie sehen, hat subversives Gedankengut keinen Platz, deshalb muss für das neue, gesittete Argentinien das Bewusstsein der Menschen gereinigt werden. In ihren Reden sprechen sie von einem Kampf – nicht gegen Menschen, sondern gegen „Dämonen“.
Die Junta präsentiert sich als Opfer der heimtückisch aus dem Hinterhalt agierenden Guerilla, in einem Akt von „Notwehr“ sieht sie sich gezwungen, zum Gegenschlag auszuholen. Ab dem Zeitpunkt ihrer Machtübernahme berichten die Zeitungen täglich von Schusswechseln zwischen den sogenannten Subversiven und den Militärs, bei denen Erstere erfolgreich zu Fall gebracht werden. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um Verhaftungen großteils unbewaffneter Menschen, die überfallsartig von in Zivil gekleideten Soldaten verschleppt werden. Allein innerhalb der ersten sechs Monate passieren im Durchschnitt 30 solcher Entführungen pro Tag. Gemessen daran, dass selbst als der Linksaktivismus zu seiner Hochblütezeit um die Mitte des Jahrzehnts aus 2000 in verschiedenen Gruppen organisierten Personen bestanden hat, von denen rund 400 bewaffnet waren, macht einen diese Zahl schaudern. Doch selbst als 1983 das Ende der zu diesem Zeitpunkt schon massiv von der internationalen Gemeinschaft gemahnten Militärdiktatur bereits besiegelt ist, legt die zuständige Junta (unter General Reynaldo Bignone) einen Abschlussreport vor, der den Prozess der Nationalen Reorganisation als Erfolg und den Sieg über 25.000 Subversive, davon 15.000 bewaffnet, deklariert. Die Nationalkommission über das Verschwindenlassen von Personen (CONADEP), die als eine der ersten Amtshandlungen des neuen Präsidenten Raúl Alfonsín einberufen wird, kann innerhalb von neun Monaten 8960 Fälle dokumentieren. Heute sprechen Menschenrechtsorganisationen von bis zu 30.000 sogenannten Verschwundenen (Desaparecidos), 80% davon unter 30 Jahre alt.

Verschleierungen

Der Akt des Verschwindenlassens folgte einer gewissen Dramaturgie: Die „subversiven Elemente“ wurden ausgeforscht, lokalisiert, überfallen und mit verbundenen Augen in ein Vehikel verfrachtet und damit in eine nächst gelegene, geheime Haftanstalt transportiert. Dort erwartete sie physische und psychische Folter und in nächster Konsequenz der Tod. Nur wenige haben – vor allem in den ersten zwei Jahren bis 1978 – überlebt und nur Einzelne bekamen eine gerichtliche, legale Haftstrafe und die Überstellung in ein reguläres Gefängnis. Das öffentliche Leben schien geteilt in ein Davor und ein Dahinter: Die Entführungen geschahen oft am helllichten Tag, auf belebten Plätzen, auf geschäftigen Straßen, und doch wussten die Umstehenden von nichts. Die Angst vor dem Mitwissen war zu groß, ganz zu schweigen davon, den Mund aufzumachen und das eigene Leben und das der Familie zu gefährden. Auch hierin liegt eine Ausformung des Staatsterrors: in der Erschaffung einer perfekt idyllischen Kulisse, vor der jede Handlung einem dritten, wachsamen Auge offenbart wird. Während eine marktführende New Yorker PR-Agentur im Auftrag der Junta daran arbeitet, dieses makellose Image auch im Rest der Welt zu propagieren, um Argentinien nach der langen Zeit der Instabilität als Wirtschaftsstandort zu rehabilitieren, führen hinter der fadenscheinigen Bühne öffentlichen Lebens die Militärs ihre „Befragungen“ mithilfe eines Handbuchs der School of the Americas durch. Dieses US-amerikanische Trainingszentrum für lateinamerikanische Soldaten war 1946 im Zuge des Panama-Konflikts gegründet worden und diente später als Brutstätte für die anti-kommunistischen Militärdiktaturen nicht nur in Argentinien, sondern auch in Chile, Bolivien, El Salvador, Guatemala und weiteren. Nur die qualifiziertesten Offiziere (meist spätere Generäle) wurden dorthin entsandt, um nach ihrer Rückkehr andere in den erlernten Praktiken zu unterweisen („Intelligence Training“). Kombiniert mit der nationalsozialistischen Nacht-und-Nebel-Ideologie, von einigen hochrangigen, deutschstämmigen Beratern der Junta beigesteuert, ergab dies die komplexe Grundlage für den Verlauf einer beschämenden Geschichte, deren grausamer Sog so viele in den Tod geführt und im kollektiven Bewusstsein eine offene Wunde hinterlassen hat.

Verstecke

Die Galerías Pacífico stehen im Herzen von Buenos Aires, ihre Architektur ist dem Stil der Pariser Passagen nachempfunden. In den 1940ern bekam man hier die neueste Mode aus Paris, Mailand und London. Zur Zeit der Militärdiktatur sind sie bereits einige Jahre geschlossen. Die geheimen Folterkammern im Keller des Gebäudes jedoch wurden erst 1987 zufällig bei einem Filmdreh entdeckt. Mit den 15 Zellen war das Pacífico nur eines der kleineren Folterzentren, weniger berüchtigt als das Olimpo oder das Vesubio und in seinen Kapazitäten nur ein Bruchteil der ESMA (Escuela de Mecánica de la Armada). In dieser Schule der Armada konnten bis zu 400 Menschen gleichzeitig festgehalten werden. Insgesamt haben in den sieben Jahren der Diktatur nur 150 Insassen die ESMA überlebt. Hier war auch die Wirkstätte des Folterknechtes Alfredo Astiz, der unter dem Namen „blonder Engel“ oder „Engel des Todes“ zu trauriger Berühmtheit kam: Er schlich sich unter Vorgabe, vermisste Angehörige zu haben, in die Organisation der Madres (de Plaza de Mayo) ein, die sich seit April 1977 zu wöchentlichen Demonstrationen trafen, um ihre Kinder zurückzufordern. Demnach war Astiz in erster Instanz verantwortlich für das Verschwinden von Azucena Villaflor, der Gründerin der Organisation, sowie zwei weiteren Müttern und zwei französischen Nonnen, die später am Gelände der ESMA vor Flaggen der Montoneros fotografiert wurden, um falsche Fährten zu legen, die Presse zu füttern und Anlass zu neuen Entführungen zu haben. Weitere Übergriffe auf die Madres konnte sich das Regime jedoch nicht leisten – sie demons­trieren bis zum heutigen Tag jeden Donnerstag vor der Casa Rosita. Doch vor anderen Müttern machte das Regime nicht halt: Bei ihrer Verhaftung schwangere Frauen wurden wie die anderen mit Elektroschocks gefoltert und bald nach der Geburt der Kinder getötet. Die Neugeborenen kamen zu Familien von Militärs oder deren Freunden, wo sie durch eine „ordentliche“ Erziehung von ihrer genetischen Anlage zur Subversivität befreit werden sollten. Andere Berichte von Müttern, die gemeinsam mit ihren Kleinkindern entführt wurden, sprechen von Folterungen des Kindes vor den Augen der Mutter. In diesen klandestinen Zentren hatte das Grauen keine Grenzen mehr, alle Ebenen des Lebens wurden systematisch entgrenzt. Die Folter war die Vorbereitung für die Annihilation durch die Praktik des buchstäblichen Verschwindenlassens auch der sterblichen Überreste. Wo keine Leiche, da kein Beweis. Als „Fischfutter“ bezeichneten die Militärs jene, die betäubt über dem Rio de la Plata oder dem Atlantik abgeworfen wurden. Die Todesflüge etablierten sich, als die Erschießungskommandos mit anschließender Verbrennung der Leichen den steigenden Zahlen an inhaftierten Personen nicht mehr beikommen konnten.

Nachbeben

Doch auch mit der Beseitigung jeglicher Evidenz, angefangen bei der Bemächtigung des materiellen Besitzes über die Schleifung des individuellen Bewusstseins durch psychische und physische Folter bis hin zur buchstäblichen Ausradierung des Körpers, setzt sich der grausame Wille der Extinktion nicht durch, weil am Ende „das Vergessen der Vernichtung Teil der Vernichtung selbst ist“. All diese Verschwundenen haben eine Lücke hinterlassen, doch die Zeugnisse der Überlebenden und die Erinnerungen der Hinterbliebenen definieren diese Lücke, umranden sie, grenzen sie ein, sodass aus dem Rahmen, den die vielstimmige Geschichte formt, der blinde Fleck ersichtlich wird. Es ist eine Geschichte des Schmerzes. Und sie wird nicht vergessen.

Literatur:
Marguerite Feitlowitz: A Lexicon of Terror. Argentina and the Legacies of Torture. Oxford University Press, New York 1998.

Filme zum Thema: In Sachen Junta

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