Tausendjähriges Ei

EierPro Portion 1 frisches Entenei schamlos der Ente unterm Bürzel wegziehen – wenn sie sich wehrt, endet sie als Pekingente. Wegen der langen Zubereitungsdauer empfiehlt es sich, gleich 80–100 Enten auf einmal zu berauben. In einer gut abgedichteten Holzkiste einen Brei aus frischer Holzasche, gebranntem Kalk, Kochsalz und Pferdeharn anrühren und die Eier so darin einlegen, daß sie von allen Seiten lückenlos umhüllt sind. Deckel auf die Kiste, im Garten vergraben. Tausend Jahre warten.
Anschließend ausgraben, schälen, mit einem (der zähen Konsistenz wegen am besten sehr scharfen) Eierschneider in feine Spalten schneiden und geschmackvoll auf Porzellantellerchen anrichten.

Die Konfuzianer legten stets Wert auf Familientradition und lückenlos dokumentierte Ahnentafeln. So erhielt sich in China das Wissen, wo die Enteneier der Nördlichen Song-Dynastie (960–1126) begraben liegen, über mehrere Dynastiewechsel hinweg und überdauerte sogar Maos Kulturrevolution. (Wenn Sie hier im Westen welche einlegen wollen, vererben Sie Ihren Nachfahren im Jahr 3011 am besten nach Piratenart eine Landkarte mit Kreuzchen. Aus Pergament, mit Siegel – dann haben die gleich noch eine wertvolle Antiquität.) Also, wenn Sie nicht auf Ihre eigenen warten können, kriegen Sie die Eier auch im Chinaladen. Aber hüten Sie sich vor Fälschungen. Angeblich kursieren in China Eier, die höchstens hundert oder zweihundert Jahre alt sind, oder gar nur einige Monate. Auch wird zum Einlegen nicht immer die originale Mischung benutzt – manche ersetzen den Pferdeharn glatt durch Tee. Und schließlich nennt man in China (liegt sicher wieder mal an der Kulturrevolution) die Eier gar nicht qianniandan („Tausend-Jahr-Ei“), sondern songhuadan („Kiefernblüten-Ei“, wohl weil der Dotter so ein seltsames blumenkohlartig strukturiertes Graugrün annimmt), „Farbenpracht-Ei“ (caidan, weil so schön bunt innen) oder schlicht pidan „Leder-Ei“ (kein Kommentar).
Chinesischen Medizinern zufolge schützt der Verzehr von täglich 2–3 Tausendjahr-Eiern vor Bluthochdruck, senkt den Cholesterinspiegel, erhöht Appetit und Sehschärfe und ist gut für die Leber. Was könnte uns da noch abhalten?
Na ja. Der Geschmack vielleicht.

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