The Straights of San Francisco

Poker StraightsDire Straights? Straight jacket? Flache Wortwitze drängen sich auf. In Wirklichkeit grinse ich aber nur, weil ich so ein gutes Blatt habe.

Bei einer landesüblichen Partie Draw Poker gibt es 10 200 mögliche Straßen, neudeutsch: Straights. Nachdem die Gesamtzahl der möglichen Blätter 2 598 960 beträgt, hält man also nach dem Austeilen mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 0,00392 eine Straße in der Hand; das heißt, nicht ganz einmal in 254 Runden. Unnütze Information? Ja. Wem ein Stein auf den Kopf fällt, der rechnet nicht aus, wie wahrscheinlich das war; noch weniger, wem kein Stein auf den Kopf fällt.

Sollten Sie nur fast einen Straight haben (sagen wir, 3-4-5-6-X), ist die Wahrscheinlichkeit, daß durch Ziehen einer Karte einer draus wird, 1 zu 5,9 (wenn er in der Mitte offen ist, z. B. A-2-X-4-5, nur 1 zu 11,8). Fehlen zwei Karten auf einen Straight, hilft das Ziehen nur in einem von 68 Fällen. Und wenn Sie einen Straight haben, aber dazu drei Gegenspieler, hat immer noch in 1% der Fälle einer von denen etwas Besseres.
Um Straßen bemüht man sich also nicht, sie passieren eher. Eigentlich wären sie ja ein Grund zur Freude: Mehr als die Hälfte aller möglichen Pokerblätter sind überhaupt nichts Brauchbares („High card“ ist ein arger Euphemismus dafür), vom Rest ist noch weit über eine Million nichts Höheres als ein Paar. Langweilig. Alles, was besser ist als drei Gleiche, kommt am Pokertisch selten genug vor, um eine Sensation auszulösen: blasse Gesichter, verschüttete Getränke, am Nachbarsärmel ausgedämpfte Zigaretten. Aber die Straße ist eben nur gerade besser als ein Drilling. Wer schummelt, organisiert sich lieber gleich ein Full House.

Ihren leicht ambivalenten Charakter bekam die Straße nicht erst durch gewisse Auswüchse ihrer historischen Entwicklung, wie den Skip Straight alias Dutch bzw. Kangaroo Straight (so etwas wie 2-4-6-8-10 oder 3-5-7-9-B; Spielebücher des 19. Jh. behaupten steif und fest, so ein Unding wäre besser als zwei Paare). Nein, sie trägt ihn seit den dunklen Anfängen des Pokerspiels mit sich herum.
Heute spielen wir Poker mit dem, was unser Einheitskartenspiel geworden ist: 52 Blatt in 4 Farben. Ähnliche Spiele lassen sich in Ägypten und Syrien schon vor dem Jahr 1300 nachweisen; in Persien (und ab dem 16. Jh. in Indien) spielte man damit Ganjifā, das dem heutigen Bridge ähnelte. Etwa zur gleichen Zeit – wenn man stolzen Persern Glauben schenkt, schon tausend Jahre früher – entstand in derselben Gegend der Urahn des Poker, dessen Namen wir alle nennen, wenn wir „As“ sagen: das edle Ās Nās.
Ās Nās spielt man mit fünfmal soviel Karten wie Spielern: pro Spieler ein Set aus As (mit dem Bild eines Löwen), König, Königin, Soldat und Tanzmädchen (statt des letzteren wahlweise auch ein Jäger). Jeder kriegt zwei Karten und legt dann seinen Einsatz auf den Tisch – nach der dritten, vierten, fünften Karte kann er ihn steigern, oder auch nicht. Die Sitten bei Ās Nās waren wüst: Berichten zufolge wurde dabei eifrig in die Karten geschaut, der Gegner mit Gesten und Worten eingeschüchtert, sogar Einsatzgeld vom Tisch geklaut – mit ausdrücklicher Duldung, solang es keiner merkte. Wurde – denn das Spiel ist im Iran seit der Islamischen Revolution 1979 nicht mehr gesichtet worden. Trank man dabei Alkohol, wie beim entfernt verwandten Schnapsen? Verstießen die Karten gegen das Bilderverbot, oder war es war einfach nur zu lustig? In den 1940ern soll es noch viel gespielt worden sein, wenn auch mit westlichen Karten: Asse ganz ohne Löwen, und Zehnen statt Tanzmädchen.

Wo bleibt bei all dem die Straße? Die anerkannten Kombinationen bei Ās Nās sind: ein Paar, zwei Paare, Full House, drei, vier oder (ab 5 Spielern) fünf Gleiche. Flushes gibt es nicht, mangels Farben. Und weil nicht mehr als fünf Werte im Spiel sind, ist ein Blatt mit lauter verschiedenen Karten automatisch eine Straße. Dabei kann man sich dann zweierlei denken. Entweder: da ist nicht mal ein Paar dabei, so ein Mist, haushoch verloren (Entsprechung zu „high card“). Oder es ist die Parallele zum Straßen-Sonderfall Straight Flush und schlägt alles andere! An der Wiege des Pokerspiels mußte man rätseln, ob die Straße das Beste oder das Schlechteste war, was einem Spieler passieren konnte, und es blieb bei zwei Antworten: Je nachdem, welchen Bericht man liest, gab es beim Ās Nās entweder gar keine Straße, oder sie war der Gipfel des Gewinnträchtigen. Sicher saßen manchmal Vertreter beider Auffassungen am selben Tisch. Das gab dann Streit – und der paßte herrlich zum Charakter des Spiels. Eine Straße ist eben etwas, was nicht nur zwei Enden, sondern auch zwei Seiten hat – warum nicht die Doppelbödigkeit in den Spaß integrieren?
(Später, im Amiland, versuchte man zumindest mit den zwei Enden aufzuräumen; man erfand den Straddle Straight, auch Round-the-Corner-Straight genannt, eine Art Kreisverkehr, bei dem es jenseits des Asses wieder mit 2 anfängt, z. B. D-K-A-2-3. Mir wollte ja schon mal ein bekiffter Pokerspieler so etwas als normale Straße andrehen, aber das geht nun mal nicht. Damit brächte man ja die ganzen mühsam errechneten Wahrscheinlichkeiten wortwörtlich um die Ecke.)

Als Hausaufgabe könnte der Leser versuchen, Ās Nās am nächstgelegenen Wohnzimmer- oder Kneipentisch wiederzubeleben. Immerhin erweist sich diese Art von Spiel als wunderbares Regulativ für Nationalcharaktere: Reservierte Orientalen, deren Privatleben sich hinter dem Vorhang abspielt, macht es zu einer Schar krakeelender Wüstenräuber, und aus dem lautmäuligen Amerikaner wird ein granitenes Pokerface. Oder wie wär’s damit, den Weg von Ās Nās im Iran bis zu Poker in den USA nachzuzeichnen? Vielleicht über das deutsche Poch und das französische Poque, so genau weiß das keiner. Aber wer über dergleichen Sachen nachdenkt, verliert ganz bestimmt die nächste Pokerpartie. Darum erzählen wir vorerst nur ein Geschichtchen aus dem wilden Westen.

Acht Männer saßen im Hinterzimmer des Saloons, mit nichts als einem Kartenspiel von 52 Blatt und ein paar Flaschen Whiskey. Sie spielten schon den ganzen Abend Draw Poker, als sich eine seltsame Runde ergab. Jeder hatte nach dem Austeilen einen Straight in der Hand; dennoch entschloß sich jeder, eine Karte abzulegen und eine neue zu ziehen. Danach hatte immer noch jeder einen Straight, sogar einen besseren als vorher.
Ein neunter gesellte sich dazu und spielte die nächste Runde mit. Diesmal behielt jeder sein ursprüngliches Blatt, niemand zog eine Karte. Beim Showdown zeigte sich, daß schon wieder jeder einzelne Spieler einen Straight hatte. Daraufhin schossen die acht den neunten nieder, weil er ein Falschspieler sei.
Haben sie ihn zu Recht oder zu Unrecht erschossen? Wer als erster eine gut begründete Antwort einsendet, gewinnt ein Päckchen Pokerkarten.
caru

Pokerbücher, meist über Texas Hold ’em, findet man heute sogar schon in Spielzeugläden. Wir empfehlen lieber den Klassiker: die Poker-Kapitel in Scarne on Cards von John Scarne (Erstdruck 1949, zahllose Neuauflagen).
Und hübsche Ās Nās-Karten gibt es auf http://playingcards.freewebpages.org/cards79.htm zu sehen.

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