Ton aus!

Und für alle, die nicht lesen können, ist das Handy durchgestrichen.

Ich bin richtig entspannt. Seit langem fühle ich mich wieder ausgeglichen. Dabei hat sich meine Work Life Balance dramatisch von Life, hin zu Work verschoben, was sich äußerst unangenehm auf meine Frustrationsresistenz auszuwirken scheint. Doch das perfekte Rezept, seinem Ärger freien Lauf zu lassen, ist so einfach wie unglaublich: Speed Hating.

Ruhe auf den billigen Plätzen!

Die Geschichte begann heute Morgen, als mir ein Bekannter anbot, mich auf die Gästeliste einer Vortragsreihe über israelische Dokumentarphotographie zu setzen. Er selbst sei kurzfristig verhindert, meinte er, hätte aber sofort an mich gedacht.

Alle nötigen Vorkehrungen seien bereits getroffen, alle Telefonate getätigt, ich müsse nur in den Zug steigen.
Ich ließ mich nicht lange bitten und nahm das Angebot an. Einige Stunden später stand ich am Bahnsteig. Der Zug fuhr ein und durch Zufall ergatterte ich einen Platz in einem jener raren Abteile, die durch eine Abbildung eines Zeigefingers vor geschlossenen Lippen als Ruheareale gekennzeichnet sind. Ich konnte mich also in Sicherheit wiegen und machte es mir sofort in meinem Sitz bequem, zog die Zeitung aus der Tasche und schlug sie auf meinen Knien auf, bereit, die nächsten Stunden mit dem Auffrischen internationaler Aktualitäten zu verbringen.
Ich hatte keine Spalte gelesen, da ließ mich ein penetrantes Läuten aufschrecken. Eine Frauenstimme machte dem Geklingel den Garaus. Ohne sich auch nur im Geringsten um meine wohlverdiente Ruhe zu kümmern, legte sie mit spitzer Stimme ein „Hallo Schatz“ in den Raum. Sogleich stieg die Galle bitter in mir hoch, doch ich versuchte mich zu beruhigen, indem ich mir vergegenwärtigte, dass nur ein absoluter Notfall eine brave Bürgerin dazu veranlassen konnte, die Ruhegebote der Bundesbahn zu missachten. Sogleich musste ich jedoch an meiner Menschenkenntnis zweifeln, denn das Gespräch entpuppte sich als Lappalie der Sorte Orts- und Zieldurchsage mit anschließendem privatem Eklat. Schatzi schien beleidigt aufgelegt zu haben, und ich konnte meinen Ärger gerade noch herunterschlucken und die Zähne zusammenbeißen, um allfällig hochkommenden Gemeinheiten den Weg nach außen zu versperren. So drang der Unmut, zu undefinierbaren Tonfolgen gedämpft, zwischen zusammengepressten Lippen aus mir heraus.
© Origi Nalkoie Ich widmete mich also wieder meiner Lektüre und kam auch ganz gut voran. Dann hielt der Zug und neue Reisende stiegen ein. Ich versuchte mich zu konzentrieren, mich geistig abzuschirmen von all dem, was um mich geschah. Ohne Erfolg. Ein Mann, der auf der Suche nach dem perfekten Sitzplatz mehrmals mit quietschendem Schuhwerk das Abteil durchschritt, nahm für einen Moment meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ein Augenblick reichte aus, um mich gedanklich einige Jahre zurück zu katapultieren und mich an ein Erlebnis meiner Schulzeit zu erinnern.

Von Folterknechten, Rotznasen und Ruhestörern

Ich hatte damals einen Physiklehrer, der sich eines Tages einer der hinterlistigsten Gemeinheiten seines Repertoires besann. Justament an jenen Prüfungstagen, denen schlaflose Nächte vorhergingen, in denen die Schülerschaft sich darin versuchte, das Hirn notdürftig mit Ableitungen verschiedener physikalischer Formeln zu füllen, setzten beim Lehrer plötzlich furchtbare Rückenschmerzen ein, weswegen er sich gezwungen sah, einen Schuh zu tragen, der ihm durch die spezielle Fertigung unter Berücksichtigung orthopädischer Paradigmen Erleichterung brachte. Die Schmerzfreiheit genoss er sichtlich, denn er trabte mit dem neuen Schuhwerk gutgelaunt durch das Klassenzimmer und frohlockte innerlich aufgrund des quietschenden Geräusches, welches er den Sohlen kunstvoll bei jeder Berührung mit dem Fußboden entlockte. Unter diesen widrigen Umständen erkannte ich bald die Ausweglosigkeit, in der ich mich befand, konnte ich mich doch des hastig gelernten Prüfungsstoffes nicht mehr entsinnen und stellte, um die Zeit totzuschlagen, eine eigene Formel auf, die mir zwar die Sympathie meiner Mitschüler sichern sollte, jedoch auch den Zorn des Lehrers auf mich zog.

© Origi NalkoieAls ich nun im Zug erneut dem quietschenden Schuhwerk ausgesetzt war, fühlte ich mich wieder zurück in den Physiksaal versetzt. Sogar die Nervosität war dieselbe wie vor vielen Jahren, und der Schweiß stand mir kalt und nass auf der Stirn, als ich mich nun der Formel erinnern wollte, um sie aus aktuellem Anlass zu überprüfen. Ich weiß noch, dass sie im Grunde auf dem Gedanken basierte, dass aus der Anzahl der schutzlos Ausgelieferten und dem Rauminhalt die Folterdichte zu berechnen sei, aus der ich in weiterer Folge, mit Hilfe der Frohlockungen des Folterknechtes und der Klagelaute der Gefolterten, den Grad sadistischer Veranlagung des erwähnten Lehrers berechnen konnte.
Ich grübelte also heftig, als mich plötzlich ein energisches Läuten aus meinen Tagträumen hochschrecken ließ. Im ersten Moment musste ich mich unwillkürlich an die Schulglocke erinnern, doch sogleich bemerkte ich den Störenfried von vorhin, der nun gegenüber Platz genommen hatte und dessen Telefon mich gerade der Erinnerung enthoben und in die unerfreuliche Realität fremder Privatunterhaltungen versetzt hatte.

Wie geht man denn mit solchen Mitmenschen um, die sich scheinbar schamlos über jegliche gute Konvention der gemeinsamen Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel hinweg­setzen? In diesem Fall versuchte ich es, damit die Gesprächsfetzen zu kommentieren. Ich kann nur sagen, die Taktik ging auf. Irritiert durch meine Bemerkungen verabschiedete sich der Mann hurtig von seinem Gesprächspartner und als er mir einen unverständlichen Blick zuwarf, deutete ich nur schelmisch grinsend auf das durchgestrichene Telefon.

Die Freude hielt aber nicht lang, denn der Mitreisende begann nun, im Zehnsekundentakt geräuschvoll seinen Naseninhalt Richtung Gehirn zu saugen. Nachdem ich ihm mitfühlend ein Taschentuch angeboten hatte, das er aber mit der Bemerkung ablehnte, es sei ungesund sich zu schnäuzen – der Arzt hätte behauptet, das Aufziehen sei dem Körper verträglicher und außerdem für ihn selbst auch weitaus bequemer, da er nicht ständig angeschnäuzte Rotzfetzen mit sich herführen möchte, die ihm womöglich noch das Innenfutter seiner Jackentaschen mit Nasenschleim verkleben – erwidere ich, er möge doch bitte mir zuliebe eine Ausnahme machen, weil ich ansonsten nicht dafür garantieren könne, meine Friedfertigkeit zu behalten, wovon er womöglich deutlich schwerere körperliche Folgeschäden erleiden würde, als wenn er nun mein friedliches Angebot, den Rotz in dieses Taschentuch zu blasen, annehme. Mit entsetztem Blick nahm er also das Taschentuch an sich und rang sich zu dem Kompromiss durch, die rinnenden Nasenexkremente damit aufzufangen, bevor sie ihm auf die Krawatte tropften. Ein kurzes Aufziehen, ein kleiner Fauxpas, der ihm wohl aus seiner gewohnten Praxis der Nasenhygiene passierte, quittierte ich mit einem scharfen Blick, worauf er sich dann mit ängstlichem Gesicht notdürftig hinter seinem Kleinformat zu verstecken versuchte.

Das Klingeln, das mich schaudern ließ

Ja ich gebe zu, wohl etwas überreagiert zu haben. Ich bin auch ganz der Meinung, dass die Androhung körperlicher Gewalt keine gute Lösung darstellt, aber wie ich anfangs schon erwähnte, war meine Frustrationsresistenz bemerkenswert niedrig und ganz ehrlich gesagt, verspürte ich nach dieser verbalen Ohrfeige eine gewisse Genugtuung. Aber es kommt noch besser.
Nach unzähligen weiteren akustischen Belästigungen war ich, wenn auch mit Verspätung, endlich angekommen, und als ich an der genannten Adresse eintrat, war da schon etwas im Gange, das ich nicht recht deuten konnte. Sämtliche Personen waren einander in Paaren zugeteilt, die sich gegenübersaßen und sich unterhielten. Kerzen erhellten den Raum und es gab Sekt. Was für eine seltsame Atmosphäre für einen Workshop zu israelischer Dokumentarfotografie. Die legere Stimmung soll wohl das gegenseitige Kennenlernen der Teilnehmer fördern. Ich bekam ein Platz gegenüber einer jungen Frau zugeteilt und wurde dazu angehalten, auf einem Blatt Papier Notizen über diese Person zu erstellen. Ich stellte mich vor und begann ganz ohne Belanglosigkeiten ein Gespräch über visuelle Repräsentationen von Krieg und Frieden im arabischen Raum. Doch meine Gesprächspartnerin schien davon keine Ahnung zu haben und wollte nur von mir wissen, ob ich Rollerskaten auch so toll finde wie sie, ob ich denn gerne trainieren würde und welche Musik mir so gefällt. Also notierte ich auf dem Blatt Papier, dass hier scheinbar kein gemeinsames Interesse an Dokumentarfotografie bestehe. Dann klingelte es plötzlich und ich wurde angehalten den Platz zu wechseln.
Sie können sich wohl vorstellen, was vorgefallen war. Mein Bekannter hatte mich heimtückisch und gegen meinen Willen in ein Speed-Dating-Event eingeschleust. Bevor sich das Missverständnis aufgelöst hat, bin ich allerdings schon so unangenehm aufgefallen, dass sich sowieso niemand der Anwesenden je wieder mit mir treffen wird. Macht aber nichts. Ich hab dafür einige Leute zur Sau gemacht und es hat mir richtig gut getan. Daher mein Vorschlag: Um sich Ausgleich vom Alltag zu verschaffen und aufgestauten Ärger im richtigen Rahmen abzureagieren, würde es sich anbieten, wütende Menschen in einem Raum zu versammeln und sie aufeinander loszulassen. Da darf dann geschrien, geschimpft und gejammert werden und meinetwegen auch telefoniert. Vielleicht ergeben sich dabei nicht zwingend die besten Freundschaften, aber abgrundtiefer unbegründeter Hass ist doch auch schon was.

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