Tor! … äh, Matt, meinte ich

Baggers neue Schachecke

bild1Vor etwa achtzig Jahren, sagt die Anekdote, betrat der Großmeister S. Tartakower einen Londoner Schachclub und wettete, er habe eine Schachaufgabe parat, die niemand lösen könne: Position wie in Bild 1, Weiß zieht und setzt in einem Zug matt. – Geht nicht, oder? Nachdem alle bezahlt hatten, verriet er den Trick: Weiß zieht den Bauern auf b8 und verwandelt ihn in einen schwarzen Springer. Daß nämlich das Endprodukt einer Bauernverwandlung dieselbe Farbe haben muß wie der Bauer vorher, stand damals noch nicht in den Schachregeln. Anschließend wurde es (zweifellos von den beleidigten Clubkollegen) hineingeschrieben, um peinliche Momente bei Turnieren zu vermeiden; und das war bis dato die letzte Regeländerung in der Geschichte des Schachspiels.

Ein Schachspieler mit Zeitmaschine würde überhaupt seine blauen Wunder erleben, wenn er sich tollkühn irgendwo in den vergangenen 1400 Jahren an ein Brett setzte. Im 7. Jh. in Indien spielte man noch zu viert, und fallweise mit Würfeln. Im mittelalterlichen Persien durfte man mit der Dame nur ein Feld diagonal ziehen. Dafür gab es außer dem Pferd noch ein Kamel – das zog drei Felder geradeaus und dann eines links oder rechts (weil Kamele doch längere Schritte machen als Pferde). Damals galt ein Patt als Gewinn des letzten Spielers, der einen Zug machen konnte; noch etwas früher siegte man gar nicht durch Matt, sondern indem man dem Gegner alle Figuren abräumte. Rochiert wurde noch lange nicht, das erfand man erst in der europäischen Renaissance. Bis ins 19. Jh. gab es in italienischen Spielerkreisen die „freie Rochade“ – man durfte König und Turm nach der Rochade fast beliebig anordnen, zum Beispiel den König in die Ecke und den Turm unmittelbar daneben. Die feudalistisch anmutende Unsitte, Bauern en passant zu schlagen, ist keine 200 Jahre alt. Und so liebliche Bräuche, wie „Schech!“ zu rufen, wenn man die Dame des Gegners angreift, und gar „Schuch!“, wenn es dem Turm ans Leder geht, haben es zwar nie bis in die internationalen Turnierregeln geschafft, aber im privaten Spiel konnten sie sich mindestens bis zur Mitte des 20. Jh. halten – das soll man beherzigen, wenn man mit Opa oder Uroma Schach spielt.
Ist es nicht schön zu sehen, daß die Schachregeln, die vielen von uns seit der Kindheit monolithisch im Unterbewußtsein haften, unantastbar wie Naturgesetze und banal wie 1+1=2, auch nur das vorläufige Ergebnis einer dauernden Fluktuation sind, ähnlich wie die Rechtschreibung? Schach ist Calvinball, nur ein bißchen langsamer. (Wer das nicht verstanden hat, liest als Hausaufgabe drei Bände Calvin & Hobbes.) Und gerade deswegen ist es wirklich, wie Christian Morgenstern meinte, „des Geistes großer Stil“.

bild2Im 9. Jh. konnten die Springer noch nicht über andere Figuren springen (im chinesischen Schach haben sie es bis heute nicht gelernt), und die Bauern zogen beim ersten Zug noch nicht zwei Felder weit. Man begann sich bei der Eröffnung zu langweilen – es dauerte mehrere Züge bis zur Feindberührung, und die schlagkräftigeren Figuren staken eine halbe Ewigkeit fest. Damit das Gemetzel früher losging, erfanden vorderasiatische Schachtheoretiker neue Ausgangsstellungen, genannt tabiyāt („Tabijen“). Die meisten Tabijen beruhten einfach auf Symmetrie und mathematischen Überlegungen, aber manchmal wagte man auch Elemente der Außenwelt auf dem Brett abzubilden; wie hier bei der Tabiyā kurā ’l-qadam („Fußball-Tabije“, Bild 2) aus der „Blütenranke der 72 Tabijen“ eines anonymen arabischen Autors um 1020. Der König in einem Tor aus Türmen, Bauern und Springer als Verteidiger, die Dame (damals ja noch weniger beweglich als heute) als eine Art Libero zwischen den Mittelfeld-Bauern, die Läufer als Stürmer – ein wenig sieht es aus, als hätte man sich über den Lieblingssport der Franken lustig machen wollen; wie auch immer, man betrachte das Zentrum: das gibt ein Massaker! (Vor allem nach heutigen Regeln, damals zog der Läufer immer nur genau drei Felder weit.)
bild31797, im kolonialen Indien, kannte man den Doppelschritt des Bauern noch immer nicht oder mochte ihn nicht den Engländern abschauen; dafür kannte man das Fußballspiel besser, wußte zum Beispiel, daß die Torstangen normalerweise für die Dauer des Spiels am selben Ort bleiben und nicht mitspielen oder entfernt werden, und repräsentierte die 11 Spieler mit genau 11 Figuren. Verwöhnte Mughal-Granden legten als Tor vermutlich vier Edelsteine auf c1, f1, c8 und f8, andere wohl Münzen oder Betelnüsse; und so spielte man, wie der Orientalist Sir William Jones amused nach Europa meldete, die Tabiyat-e futbol („Football-Tabije“, Bild 3). Die Türme waren zu Innenverteidigern befördert worden, auch das Mittelfeld wurde personaltechnisch aufgewertet, dafür verschwendete man an vorderster Front lieber erst einmal die Bauern – nicht sehr sozial, aber pragmatisch gedacht. Fehlt nur noch Tee und Wasserpfeife, für den Anpfiff.

Im Europa des 18. Jh. galt es als feine Lebensart, ein Schachbrett in die Oper mitzunehmen – dann konnte man die langweilige Zeit bis zur nächsten Bravourarie damit überbrücken, sich elegante Züge auszudenken. Karten spielte derweil der Pöbel. Und wenn bei der Fußball-EM wieder einmal zwei Teams den Ball wie ein rohes Ei hin und her schubsen, die Nähe der Tore möglichst meidend, bis zum Elfmeterschießen – warum soll ein feinsinniger Fan nicht auch zum Schachbrett greifen? Wo ihm doch alle Möglichkeiten offenstehen, trotzdem mit den Gedanken auf dem Rasen zu bleiben. Andererseits, man kann natürlich auch gleich Schach spielen.

Kommentare

dazu ein passendes Zitat

das angeblich ein gewisser Lukas Podolski von sich gegeben hat:

"Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel"

den podolen war noch nie zu

den podolen war noch nie zu trauen.

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