Tropenfrucht oder Rinderschnitzel?

KuhDas Kreuz mit der bewussten Ernährung. Und was man alles bedenken kann – besonders beim Fleisch.

Was ist denn nun die bösere Wahl? Das Rinderschnitzel aus heimischer Zucht vom frisch geschlachteten glücklichen Jungstier oder der höchst vegetarische, aber dafür umso exotischere Obstsalat mit frischer brasilianischer Mango und Weintrauben aus Südafrika eingeflogen?

Die Problembereiche im Themenfeld Ernährung sind dank globalisierter Nahrungsmittelindustrie, Verkehrsproblematik, Umweltbelastung sowie mo­rali­scher Bedenklichkeiten und gesund­heitlicher Gefahren so unübersehbar, dass eine rücksichtsvolle, schmackhafte, abwechs­lungs­reiche und gesunde Tafel nahezu unmöglich erscheint.
Der Jungstier frisst bis zu seiner wundersamen Verwandlung ein Vielfaches dessen, was letztendlich in Schnitzelform übrig bleibt. Ganze Landstriche in Afrika könnte man von dem – natürlich genmanipulierten – Soja ernähren, das in frisch gerodeten, von Ureinwohnern bereinigten Tropengebieten in Brasilien dafür angebaut wird. Statt nach Afrika wandert die Ernte aber zusammen mit den Obstsalatbestandteilen ­– falls diese nicht den noch schädlicheren Weg per Flugzeug genommen haben – nach Europa, um sich dort über den Umweg Tier in klimaschädigendes Methangas, die Böden vergiftende Gülle und Übergewicht erzeugende Fleischberge zu transformieren. Was bleibt da einem „guten“ Menschen anderes übrig als trostlos und vegan der sicheren Weltvernichtung durch die eigene Spezies zuzuschauen?
Nun gut, der Reihe nach.

Das Futter

Die Sojabohne ist zunächst einmal eine großartige Pflanze: Mit ungefähr 20 % Öl und 40 %. Eiweiß ist sie ein hervorragender Nahrungs- und Futterlieferant. Aufgrund spezieller Inhaltsstoffe wird sie mit dem geringen Auftreten von Tumor-, Gefäß- und Herzerkrankungen in Ostasien, wo sie seit Jahrtausenden eine Kulturpflanze ist, in Verbindung gebracht. Der aus ihrem Öl gewonnene Biodiesel ist zudem ein wirtschaftlicher Hoffungsträger, da er fast das Doppelte der Energie erzeugt, die zu seiner Herstellung notwendig ist und sehr niedrige Emissionen verursacht. Nicht zuletzt spielt Sojaöl im Zeitungsdruck eine wichtige Rolle: In den USA sind 75 % der verwendeten Druckfarben auf Sojaölbasis produziert.
Für das Öl gibt es also zahlreiche Verwendungszwecke, der eiweißreiche Rest – das bei der Ölherstellung gewonnene Sojaschrot – hingegen landet zum Großteil im Tierfutter, und hierbei vor allem in der Geflügel-, Schweine- und Rinderzucht.
Brasilien, Argentinien und Paraguay sind neben den USA und China die bedeutendsten Soja-Produzenten der Welt und hier zeigen sich die Schattenseiten der Pflanze. In jedem der drei Länder sind in den letzten Jahrzehnten gewaltige Flächen, darunter große Regenwaldgebiete in sogenannte grüne Wüsten verwandelt worden. Die Sojabohne ist eine cash crop, die sich hervorragend auf großen Plantagen in Monokultur kultivieren lässt, nachdem mau die ansässige Bevölkerung vertrieben oder ein Stück Regenwald beseitigt hat. Noch besser funktioniert das, wenn mau die Pflanze per Genmanipulation gegen ein gewisses Unkrautvernichtungsmittel resistent macht und dieses auf den betreffenden Flächen großzügig verspritzt. Der berüchtigte Biotechnologiekonzern Monsanto hat diese Methode entwickelt, diese patentiert und inzwischen beispielsweise in Argentinien nahezu die gesamte Anbaufläche mit seiner Sorte (Round­up Ready Soybeans) beglückt. Gleichzeitig wird herkömmliches Saatgut vom Markt verdrängt und auf den Feldern verwandeln sich alte Pflanzensorten durch Auskreuzung mit manipulierten Sojabohnen in solche, über die Monsanto das Patent hat …
Während sich die Plantagen ausdehnen, wird die ursprüngliche Bevölkerung verdrängt, sorgt in den Städten für soziale Konflikte oder zieht sich weiter in den Regenwald zurück und fördert dort seine Zerstörung. Gleichzeitig wird die traditionelle Landwirtschaft nachhaltig zerstört und die betroffenen Landstriche und Staaten verlieren ihre Fähigkeit zur Selbstversorgung und damit einen Teil ihrer Unabhängigkeit. Nebenbei fördern die Monokulturen die Erosion und den langfristigen Verlust der Anbaufläche.
Auch wenn mau also dem Klimawandel kritisch gegenübersteht und die CO2-Produktion durch die Abholzung nicht berücksichtigt, bleibt hier eine Vielzahl an Problemfeldern.

Böse Gentechnik?

Wie bereits erwähnt, stammt ein guter Teil der südamerikanischen Sojabohnen aus genetisch manipuliertem Saatgut. In den USA, in Argentinien und in Paraguay sind das jeweils um die 90 % der Ernte. In Brasilien, wo genmanipuliertes Saatgut bis 2003 verboten war, kommt immerhin noch ein Viertel der Ernte aus konventionellem Anbau. Diese vier Länder stellen zusammen drei Viertel der globalen Sojaproduktion, der Rest kommt größtenteils aus China, wird aber von dort kaum exportiert, da die Nachfrage im eigenen Land groß ist.
Wenn genetisch manipuliertes Soja nach Europa transportiert wird, muss es entsprechend gekennzeichnet werden. Was davon direkt in den Lebensmittelbereich wandert – das ist vor allem das Öl – behält diese Kennzeichnung. 80 % der Bohne bleiben aber bei der Ölpressung als Schrot zurück. Dieses wiederum wandert zum größten Teil ins Tierfutter – zur Hälfte für Geflügel und der Rest vor allem für Rind und Schwein. Abgesehen von Bio-Fleisch, bei dessen Entstehung in Österreich kein genetisch verändertes Futter im Spiel sein darf, ist es also ziemlich illusorisch, davon auszugehen, dass das Tier bis zu seiner Schlachtung kein manipuliertes Gen gesehen hat. Davon kann mau ruhig ausgehen – zumindest solange es dafür keine klaren Kennzeichnungen gibt. Denn nach der Verfütterung endet derzeit die Kennzeichnungspflicht und es ist für KonsumentInnen nicht nachvollziehbar, wie das Tier gefüttert wurde.
Nun ist zwar die gesundheitliche Gefährdung durch solches Fleisch bisher keinesfalls erwiesen, aber wer nicht nur kurzsichtig auf den eigenen Körper schaut, sollte durch die zuvor ausgeführten Begleiterscheinungen, die diese Art der Fleisch-Produktion mit sich bringt, zumindest ins Grübeln kommen. Und das gilt im Übrigen genauso für alle Milchprodukte, Lederwaren, Eier usw. aus nicht biologisch nachhaltiger Produktion.

Das Tier

Neben fester Nahrung braucht das Nutztier auch Flüssiges. Ca. 15.000 Liter Wasser werden verbraucht, bis ein Kilo Rindfleisch am Tisch liegt. Für ein Kilo Brot bedarf es im Vergleich nur 1.500 Liter. Das ist in Europa und insbesondere in Österreich auf den ersten Blick nicht tragisch, da die Wasservorräte groß und die Versorgung gut ist. Wenn mau aber bedenkt, dass das Futter, für dessen Herstellung bereits ein guter Teil der erwähnten Flüssigkeit notwendig ist, aus Ländern stammt, die den Nahrungs-Bedarf ihrer eigenen Bevölkerung aus Wassermangel nicht decken können, aber Monokulturen in Großgrundbesitz fördern, sieht die Sache anders aus. Hinzu kommt noch, dass Europa große Mengen an Fleisch importiert – beispielsweise aus Argentinien. Insgesamt waren es beispielsweise im Jahr 2004 eineinhalb Millionen Tonnen.

Einen Teil der Flüssigkeit sowie auch des Trockenfutters scheidet das liebe Vieh wieder aus. In adäquaten Mengen ist die Gülle durchaus als guter Dünger zu verwenden, wenn’s zu viel wird – und das ist nun endlich auch ein Problem, das uns auch direkt vor der Haustüre betrifft – schädigt ihr Nitrat- und Ammoniakgehalt die Böden und Gewässer, verunreinigt das Grundwasser und verursacht Waldsterben.
Als weitere Problemfelder könnte mau noch den Methanausstoß von Rindern oder für die zarter Besaiteten auch die mangelhaften Umstände in der Tierhaltung anführen, aber wir wollen die LeserInnenschaft nicht zu sehr strapazieren.

KuhArme-Leute-Essen

Ja, wenn mau ein besonders guter und konsequenter Mensch sein will, ist völliger Fleischverzicht auf den ersten Blick wohl die einzig richtige Lösung. Aber für viele ist das wohl ein (zu) harter Schritt. Zusätzlich ist nicht zu vergessen, dass viele der genannten Probleme auch alle anderen tierischen Produkte be­treffen, was eine konsequent rück­sichts­volle Ernährung mehr oder weniger auf einen vollkommenen Veganismus ein­schränkt.
Aber die Menschheit hat (zumindest in weiten Weltteilen) eine lange Tradition des Fleischverzehrs und dabei sind durchaus Modi entstanden, die sowohl sozial- als auch umweltverträglich wären, solange mau damit einverstanden ist, dass für die eigene Nahrung andere Lebewesen sterben.
Ein schwer zu bewältigendes Problem ist natürlich das weltweite Bevölkerungswachstum, das in Verbindung mit wachsendem Wohlstand global zu mehr Fleischkonsum führt. Auf unserem Kontinent und in Nordamerika hat sich Fleisch in den letzten Jahrzehnten vom Luxusgut zum Grundnahrungsmittel gewandelt. Allein in Europa hat sich der Pro-Kopf-Konsum in den letzten 50 Jahren verdoppelt. In Österreich wird ausgerechnet von den finanzschwächeren Gesellschaftsschichten am meisten Fleisch gegessen. Und obwohl Fleisch bei der Herstellung ein Vielfaches an Ressourcen verbraucht, kostet es kaum mehr als dieselbe Menge an Gemüse oder Getreideprodukten. Dies bedeutet, dass der Konsum von Fleisch- und Milchprodukten auf Kosten von Nahrungsmitteln, die in der Ernährung aus gesundheitlichen, ökologischen und moralischen Gründen weit stärker vertreten sein sollten, gefördert wird.

Leithammelkultur

Fatal ist diese Situation, weil das Verhalten der Menschen in der westlichen Hemisphäre nach wie vor eine Art Leitkultur mit Vorbildfunktion darstellt, die unser Konsumverhalten in alle Welt exportiert. Weiter angetrieben wird dieser Effekt durch gezielte Beeinflussung der Bevölkerungen: In der Werbung ist die Nahrungsmittelindustrie weltweit der am stärksten vertretene Wirtschaftssektor.
Um dieser Vorbildfunktion gerecht zu werden, wäre eine breite Bewusstwerdung und Fleischkonsumreduktion in allen Gesellschaftsschichten wesentlich hilfreicher, als eine Handvoll konsequente Tierproduktverweigerer. Dazu müssen Fleisch und Milchprodukte zugunsten anderer Nahrungsmittel im Preis und Wert steigen und unter besseren Umständen produziert werden. Gleichzeitig ist natürlich eine Ausweitung der Palette an alternativen, günstigen Lebensmitteln unumgänglich, was dank frei werdender Ressourcen im Futterbereich überhaupt kein Problem darstellen sollte. Solange Lebensmittelgeschäfte aber stolz ganze Regallängen Fleisch und Käse präsentieren und irgendwo im letzten Eck verschämt ein halbes Fach pflanzlicher Aufstriche verstecken, ist der Ernährungswandel selbst für Willige ziemlich schwierig.

Und der exotische Obstsalat? Den können Sie im Vergleich immer noch guten Gewissens genießen. Zumindest solange Sie die eingeflogenen Früchte nicht mit dem Auto aus dem Supermarkt holen. Motorisierter Individualverkehr ist nämlich angeblich bei weitem schlimmer fürs Klima als Massentransporte – sogar per Flugzeug.
Aber auch das eine oder andere Schnitzel ist durchaus drin. Wichtiger als schuldbewusste Selbstkasteiung ist die breite Bewusstwerdung der Problematik.

Intressant:

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