Unliebsame Nachbarn

kairoWie mit ihnen umzugehen ist und wie sie zu Fall kommen. Mit Empfehlungen aus Kautalyas Arthaśastra.

Wir kennen das ja aus dem Alltag. Immer wieder kommt es vor: Da zieht in die Wohnung nebenan ein neuer Mieter ein und vom ersten Tag an haben wir eine böse Vorahnung, die mit jeder Begegnung mehr und mehr zur sicheren Gewiss­heit wird. Es fängt damit an, dass er seinen Mist vor der Türe stehen lässt, dubiose Gestalten gehen bei ihm ein und aus und zu den unheiligsten Stunden dringen belästigende oder gar beunruhigende Geräusche durch die Wände, komische Gerüche durch die Türen und un­heimliche Vermutungen durch die Gehirn­windungen. Gar nicht auszudenken, was der Kerl so in seinem Keller­abteil lagert … Da bleibt nur eines – wir gehen zum Gegen­angriff über: Aus-dem-Weg-Gehen, Nicht-Grüßen, Be­schwer­de­briefe an die Haus­ver­waltung, nächtliche Gegen-Beschallung mit ausgewählten Kost­bar­keiten aus der 70er-Jahre-Platten­sammlung, bei zum Lüften geöffneter Wohnungs­türe Kuttel­suppe kochen …


Nun, diesen zermürbenden Kleinkrieg gibt es nicht nur in unserer kleinen Welt, damit muss sich auch die große Politik herumschlagen. Und seit die Welt ein Dorf ist, hat jeder Staatshaushalt mit 200 Nachbarn auszukommen. (Ganz zu schweigen von zwielichtigen UntermieterInnen, über die mau wenn überhaupt etwas, nur Schlimmes zu berichten weiß.) Und wenn es schon auch manchmal vorkommt, dass Nachbarn ganz nett sind (auch verdächtig!), mit Leichen im Keller gibt mau sich auf dem politischen Parkett gleich gar nicht ab. Massenvernichtungswaffen sind da eigentlich noch der kleinste Posten in der prall gefüllten Vorratskammer der bösen Verdachtsmomente. Und weil dem eben so ist, gibt es eine ganze Menge Theorien, wie mit solchen Nachbarn umzugehen ist.

Lehrwerke

Manche denken nun wohl an Niccolò Machiavelli und sein Büchlein Il Principe, in dem er die Möglichkeiten, Aufgaben und Probleme verschiedener Typen von Herrschern analysiert und gute Ratschläge gibt, die für das christliche Umfeld, in dem das Werk situiert ist – nach Aufklärung und Französischer Revolution im Italien der Renaissance –, manchmal ein wenig gar unhumanistisch klingen mögen. Nun, es liegt nahe, dass Machiavelli sich gänzlich falsch verstanden fühlt und dieses zu unverhofften Ehren gekommene Schriftstück posthum verwünscht: War er doch durch und durch Republikaner, übte selbst offizielle Ämter in der Republik Florenz aus und verfasste auch andere Werke, die sich der Republik widmeten und ihm selbst wesentlich mehr am Herzen lagen. Il Principe hingegen scheint entweder ein sehr zynischer Text gewesen zu sein, in dem er implizit die Nachteile der Monarchie satirisch zerpflückt, oder ein letzter verzweifelter Versuch, sich damit bei italienischen Fürsten als fähiger politischer Berater vorzustellen. Wahrscheinlich ist es sogar beides zugleich.
Deshalb wollen wir den armen, missverstandenen Befürworter der Republik ruhen lassen und lieber einen von christlicher oder gar aufklärerischer Humanität ganz unverdorbenen Autor zu Rate ziehen.
kairoUngefähr 1800 Jahre vor Machiavelli verfass­te nämlich ein indischer Gelehrter namens Kautalya (auch Kautilya genannt) ein Lehrwerk über die Staatskunst. Eurozentristische Geister neigen dazu, diesem Machiavellismus zu unterstellen; schon rein chronologisch, aber auch weil Kautalyas Geisteshaltung wohl ehrlicher ma­chia­vellisch war als die des Namenspatrons des Wortes, sollte mau besser den Begriff Kautalyaismus prägen und verbreiten. Wie dem auch sei, hier finden sich jedenfalls herrlich moralfreie Ratschläge zum Umgang mit den Nach­barn, denen wir uns nun ein wenig widmen wollen.

Freund und Feind

Eine wichtige Grundlage der altindischen Außenpolitik ist die These, dass Freund- und Feindschaften in konzentrischen Kreisen aufgebaut sind: Direkte Nachbarn sind stets als Widersacher zu sehen, während deren Nachbarn wiederum die natürlichen eigenen Freunde sind. Zur Veranschaulichung wollen wir das auf die eigenen vier Wände übertragen: Der oben erwähnte zwielichtige Inhaber des benachbarten Appartements ist schon aufgrund seines Wohnorts höchst suspekt. Was erdreistet er sich überhaupt, seine Exis­tenz vor die meine zu pflanzen und so mein bisher lichtes Leben zu verdüstern! Wie kann mau einen mögen, der schon alleine durch seine aufdringliche Nähe die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten beeinträchtigt? Ganz anders verhält es sich hingegen mit entfernteren Nachbarn und Gassenbekanntschaften – die grüßen einen freundlich auf der Straße, ohne einem ansonsten in die Quere zu kommen. Und bei Bedarf eignen sie sich hervorragend, um den neuesten Klatsch über die Absonderlichkeiten des neuen Mieters aus dem Hochparterre auszutauschen. So kann mau sie auch gleich ganz diskret auf seine Seite ziehen und hat bei einer allfälligen zum Ausbruch kommenden Nachbarschaftsfehde treue Verbündete auf seiner Seite.
Was nun im Kleinen gut funktioniert, erscheint im Großen auf den ersten Blick anders: Würde sich nämlich beispielsweise Israel an diese hübsche Kreistheorie halten, wäre es mit Ägypten und Jordanien im Clinch. Nun war aber Ägypten bisher ein wichtiger Verbündeter Israels und wird dank des gemeinsamen Friedensabkommens als bester Garant für die Stabilität im nahen Osten gehandelt. Und als Belohnung bekam die ägyptische Führung vom Freund des Freundes – den USA – auch noch über Jahrzehnte große „Entwicklungshilfe“-Beträge, mit deren Hilfe sich die ägyptische Armee zu einer der bestgerüsteten der Region entwickelte. Das Problem dabei: Die USA und wohl auch Israel hängen einer anderen Theorie an und glauben, die Welt lässt sich mit einem einfachen „Der Feind meines Feindes, mein Freund“ verstehen. In saloppem US-amerikanischen Slang wird das dann zu „He may be a bastard, but he’s our bastard“. Also wenn’s irgendwo nicht so passt, setzen wir unseren Bastard drauf, sichern ihm seine Notstands-Verordnungs-Demokratie mit einer starken Armee, die von unserer Militärhilfe abhängig und somit kontrollierbar ist, und die Sache hat sich. Ein hübscher Plan, der auch dreißig Jahre lang funktioniert hat.
kairoDass aber Kautalyas Kreistheorie nicht ganz von der Hand zu weisen ist, das zeigt das derzeitige Unbehagen Israels mit der fortschreitenden Demokratisierung Ägyptens. Was, wenn nun eine vom Volk gewählte Regierung aus dem Vasallenstaat unseres Bastards einen Staat macht, der seine eigenen Interessen wahrnimmt? Verständlich, dass da manche nervös wurden – immerhin stehen da noch einige andere Bastarde in der Gegend herum, die man ungern verlieren würde. Und so sprach mau mit Vorliebe über die Wichtigkeit der Stabilität, hielt sich mit Kritik am Bastard zurück und hätte am liebsten seinen Geheimdienstchef und Foltermeister Omar Suleiman als Nachfolger gehabt. Und während mau so öffentlich nichts anbrennen ließ, hielt mau die BotschafterInnen in verbündeten Ländern dazu an, die jeweiligen Regierungen zu überzeugen, den Bastard doch weiterhin zu stützen.

Modernisierungs-Nebenwirkungen

Wie es der Zufall aber so will, haben sich die Zeiten nun aber geändert. Sogar für wirklich versierte Bastarde ist es heutzutage äußerst schwierig, ihre Untertanen still zu halten. Da ist zum einen das Problem der unbedachten Ermächtigung der Massen durch vermeintlich harmlose Konsumgüter. Wer konnte schon ahnen, dass SMS statt harmlosem Nonsense auch Demonstrationsaufrufe enthalten können. Wer konnte voraussehen, dass Unterhaltungskanäle wie Facebook und Twitter nicht nur dazu dienen, der Wirtschaft die Konsumvorlieben ihrer KonsumentInnen frei ins Haus zu liefern, sondern plötzlich als Organisationsplattform für Wi­der­ständigkeiten genutzt werden könnten? Und am fatalsten: Wie hätte mau wissen sollen, dass das Internet – nicht wie das Fernsehen jeden revolutionären Geist einschläfernd berieselnd – nur eine Zeittotschlagmaschinerie ist, sondern sogar in demokratiepolitisch so angenehm zurückhaltend entwickelten Staaten wie den islamischen den Durst nach Freiheit und Mitbestimmung über das eigene Leben fördert? Und das Beängstigendste daran ist: Es braucht nicht einmal große Führungspersönlichkeiten, die mau im Falle des Falles leicht korrumpieren oder aus dem Weg räumen könnte. (Kautalya hätte da wertvolle Ideen!) Nein, solche Bewegungen entstehen plötzlich aus dem Nichts, organisieren sich äußerst unhierarchisch und sind zudem unangenehm unbestechlich.

kairoWankelmütiger Wandel

Das zweite große Dilemma der Bastarde ist, dass ihr bester Freund, ihr großer Förderer, plötzlich schizophren geworden ist: Während der öko­nomisch-militärische Komplex in den USA weiterhin sicher im Sattel sitzt, dem Kapitalismus huldigt und finanziell vielversprechende Konflikte fördert, sitzt im weißen Haus plötzlich ein ungesund humanistisch angehauchter Präsident, der mit kommunistischen Ideen wie Kranken­ver­sicherung und Ab­surdi­täten wie ethisch ambitionierter Außenpolitik Unruhe ins wohl geplante Spiel bringt. Und wenn auch sein Aktionsradius durch die globalen Umstände und die politische Situation daheim weitgehend eingeschränkt ist, so erschüttert er doch durch unzweckmäßige Aufrufe zum Wandel und brotlose Unterstützung lästiger Protest­be­wegungen ohne Not die Sicher­heit treuer Vasallen.

Nun ist also der Bastard gestürzt und ob ein neuer installiert werden kann, scheint fraglich. Natürlich kann Israel weiter für eine vertrauenswürdige Person wie Suleiman intrigieren, sollte aber nicht übersehen, dass die Taktik durchschaubar ist und zum Widerstand provoziert. Erst recht fatal wird es, wenn autoritär geführten Staaten sogar beim Aufblühen von Demokratiebewegungen die Fähigkeit zur Demokratie abgesprochen und der Islamisierungsteufel an die Wand gemalt wird. Solche Prophezeiungen erfüllen sich nur allzu gerne selbst.
Das ist ungefähr so, wie wenn Sie der ganzen Straße erzählen, Ihr neuer Nachbar, der mit dem großen dunklen Schnurrbart, der sei bestimmt ein Islamistenterrorist, so wie der schon aussieht. Dem gehe mau besser aus dem Weg … da wird’s nicht lange dauern und er wird sich ebenso cliché-schnurrbärtige Freunde suchen … kaum auszudenken, wo das hinführt!

Kautalya hätte übrigens einen guten Rat für Mubarak gehabt: Um sich vor einem Aufruhr zu schützen, „möge der Fürst die Macht des Schatzes und des Heeres ganz sich selber zu eigen machen.“ Beim Staatsschatz dürfte er schon kräftig zugelangt haben, aber das ägyptische Heer, das gehört leider anderen Fürsten …

Quellen und Weiterführendes:
Das altindische Buch vom Welt- und Staatsleben. Das Arthacastra des Kautilya. Aus dem Sanskrit übersetzt und mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Johann Jakob Meyer, Leipzig 1926.
Über Omar Suleiman: www.jadaliyya.com/pages/index/503
Der Fürst von Niccolò Machiavelli übersetzt von Gottlob Regis, 1842:
http://de.wikisource.org/wiki/Der_F%C3%BCrst

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