Unsere Erde schützen … eh die anderen!

KlimawandelWind-, Wasser- und Solarstrom aus der Steckdose, das hätten wir doch alle gern, andererseits wollen wir alle kein Wind-, Wasser- oder Solarkraftwerk vor der Haustür. Ein paar Gedanken zum politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimaschutz.

Man muss schon ziemlich grünes Blut haben, um heute beim Thema Klima­schutz nicht genervt die Augen zu verdrehen, derart abgelutscht ist die Sache mittlerweile. Die medialen Auf- und Bearbeitungsmöglichkeiten unserer Zeit sind Segen und Fluch zugleich.

Einerseits besteht die Möglichkeit die ganze Welt innerhalb von Sekunden über eine wichtige Problematik zu informieren, gleichzeitig hat die Art und Weise, wie wir mit einem Thema konfrontiert werden, einen wesentlichen Einfluss auf unseren Umgang mit selbigem. Verschiedenste Interessengruppen färben das gelieferte Paket mit ihren eigenen Intentionen. Eine öffentliche Diskussion entflammt, man versucht sie zu verfolgen, verschafft sich einen Überblick, liest, hört, sieht, vergleicht … und steigt irgendwann aus.

Die Welt geht unter, aber wen interessiert’s?

Die (Massen-)Medien lieben Schwarz-Weiß-Malerei. Mit komplexen Problematiken, die man aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten und diskutieren kann, tun sie sich tendenziell schwer. Über einen Banküberfall schreibt es sich relativ leicht, Räuber böse, Polizei gut. Über Krebs, die Geißel der Menschheit, auch. Krebs böse, Patient gut. Beim Klimawandel wird es deutlich komplizierter. Mensch böse, Erde gut? Das wäre zwar nicht schön, aber schön einfach.
Das Klima unseres Planeten ist ein hochkomplexes System, dessen Erforschung seitens der Wissenschaft noch lange nicht abgeschlossen ist. Das liegt vor allem auch daran, dass Klima nicht Wetter ist. Klima braucht Zeit, und auch die Erforschung braucht Zeit. Einen wissenschaftlichen Tenor zur Schuldfrage gibt es nicht wirklich. Das Klima ändert sich, das tut es immer schon, der Mensch nimmt Einfluss, aber wie stark? Diese Frage ist nicht eindeutig geklärt. Interessanterweise hat sich die europäische Politik darauf geeinigt, dass Klimaschutz eine wichtige Sache ist, obwohl die Wissenschaft sich noch fleißig streitet. Mit der Klärung des Standpunktes der Politiker ist die Erfolgsgeschichte dann aber auch schon wieder zu Ende. Die durchgesetzten Maßnahmen sind minimal. Und international verläuft sich die Diskussion im wirtschaftlichen Sumpf. Am 29. November beginnt in Cancún/Mexiko ein weiterer Weltklimagipfel. Ziel ist die Einigung auf ein Nachfolgeabkommen für die erste Phase des Kyoto-Protokolls, die Ende 2012 ausläuft. Bereits im Vorhinein ist aber klar, dass eine rechtlich bindende Vereinbarung der 177 Teilnehmer nahezu unmöglich ist, weil der Schutz der eigenen Wirtschaft weit über dem Ziel des allgemeinen Klimaschutzes steht.

„Klimaerwärmung? Wir haben zwei Monate Winter und zwei Monate Herbst im Jahr!“

Die Politik hat, ebenso wie die Gesellschaft im Allgemeinen, mit einem grundsätzlichen Wahrnehmungsproblem zu kämpfen: Man spürt den Klimawandel in der Regel nicht am eigenen Leib. Man spürt aber die Klimaschutzmaßnahmen! Die müssen sich ja sinnvollerweise auf die ganze Weltbevölkerung verteilen, denn das Problem ist nur zu lösen, wenn möglichst viele Menschen ihren Lebenswandel entsprechend anpassen. So wie beim CO2-Ausstoß die Menge das Gift macht, bringt umgekehrt beim Klimaschutz die Menge an Maßnahmen einen Heileffekt.
„Ich halte die Windkraftwerke für eine gute Sache, aber hinter meinem Haus will ich so ein Ding nicht stehen haben!“
Diesen Satz hört man immer öfter in diversen Variationen. Nützen tut dieses vermeintliche und oberflächliche Ja zum Umweltschutz niemandem. Hätte Karlheinz Böhm zwar öffentlich erklärt, man müsse den Menschen in Äthiopien helfen, sich selbst aber sonst nicht weiter für diese Hilfe eingesetzt, wäre genau gar nichts passiert. Persönliche Betroffenheit ist verständlicherweise eine wesentliche Anregung Handlungen zu setzen. Diese Betroffenheit ist aber bei einer Gefahr, die weit über die Länge politischer Legislaturperioden oder sogar die Lebenszeit menschlicher Generationen hinausgeht, nur sehr bedingt vorhanden.
Hätte man ein Atomkraftwerk in Sichtweite, würde man dieses wohl gern durch eine Windkraftanlage ersetzen. Und wer einmal sein Haus im Boot verlassen musste, hat nichts gegen einen Hochwasserschutzwall vor dem Küchenfenster. Es muss halt immer erst was passieren, damit was passiert. Prophylaxe ist nicht unbedingt die Spezialität unserer Spezies.

KlimawandelDer persönliche Nutzen

Das Wissen, etwas Sinnvolles oder Ehrenhaftes getan zu haben, ist oft nicht genug Anreiz Menschen zu einer Handlung zu motivieren. Spürbarer persönlicher Nutzen hilft da deutlich mehr. Nicht immer sind Vorteile einer Handlung auf den ersten Blick zu erkennen. Es müsste also Aufgabe der Politik sein, die Gesellschaft auf jene positiven Aspekte des Klimaschutzes besonders hinzuweisen, die auch für den Einzelnen kurzfristig und direkt relevant sind. Das „Unsere Kinder werden es uns danken“-Argument ist in der Praxis leider einfach zu wenig.
Auf wirtschaftlicher Seite hat man Umwelt- und Klimaschutz bereits über das Konzept von Spar- bzw. Gewinnmöglichkeiten durch „saubere“ Technologien beworben und mittels Subventionen forciert. Die mittlerweile umgesetzte Idee des Handels mit Emissionszertifikaten (also dem Recht eine gewisse Menge CO2 auszustoßen) basiert auf dem Gedanken, Reduktionen des CO2-Ausstoßes dort zu erreichen, wo es am wirtschaftlich günstigsten ist. Allerdings ist dieses System ein rein marktwirtschaftlicher Zugang zum Klimaschutz und erreicht immer nur eine Mindestreduktion von Emissionen. Umweltschutztechnisch sollten wir aber eine Maximalreduktion anstreben.
Worum es hier aber eigentlich geht, ist die Frage nach der Motivation des Einzelnen. Plakativ gefragt: Wie bringt die Politik Herrn und Frau Erdenbürger dazu, das Windrad hinterm Haus zu akzeptieren oder sogar zu begrüßen? Nun, bei Windrädern ist es schwierig direkten persönlichen Nutzen zu finden. Wem die Tatsache, dass der „saubere“ Strom der Anlage ins Netz gespeist wird, nicht genügt, der wird sich schnell gegen das stählerne Ungetüm entscheiden. Entscheidend ist der Faktor Bewusstseinsbildung. Es muss grundsätzlich klar sein, dass Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt. Der direkte Nutzen einer Windkraftanlage ist also schlicht die Tatsache, dass ich abends mein Licht aufdrehen kann. Bei anderen CO2-Emittern, wie Autos, ist die Argumentation des persönlichen Nutzens schon leichter. Wer ein sparsameres Fahrzeug kauft bzw. öfter auf Öffis, Fahrrad oder Beine umsteigt, hat dadurch geringere Treibstoffkosten, reduziert die Feinstaubbelastung und den Verkehrslärm, spart Zeit und Nerven, die man sonst in Staus oder dichtem Verkehr verliert, bzw. kann die Reisezeit im Zug oder Bus für andere Tätigkeiten nutzen. Es geht also bei der Motivation zum Klimaschutz um eine Koppelung von allgemeinen Vorteilen für die Umwelt und persönlichem direktem Nutzen.
Da öffentliches Bewusstmachen bei der älteren Bevölkerung tendenziell schwieriger wird, ist es notwendig die Aufmerksamkeit schon möglichst früh auf das Thema zu lenken. Wenn unsere Kinder mit dem Bewusstsein über die Notwendigkeit von Umwelt- und Klimaschutz aufwachsen, sind die Chancen auf breitenwirksame Umsetzung größer. Und wenn sich das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung durchsetzt, hält diese Denkweise praktisch von selbst auch in die Wirtschaft Einzug und kann dort vielleicht dem beinharten Kapitalismus im Sinne der Nachhaltigkeit etwas entgegenwirken. Und um auch den Klimawandel-Zweiflern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Sparsamkeit zahlt sich auch ohne Klimawandel aus. Wahre Größe zeigt sich nämlich nicht durch den Besitz des neuesten SUVs!

Außerdem:

Für Interessierte gibt es weiterführende Literatur zum Thema, verfasst vom Autor dieses Artikels. Das Büchlein „Der globale Klimawandel im Geographie und Wirtschaftskunde Unterricht“ von Matthias Ledwinka (VDM Verlag, 2010) befasst sich mit der Frage, was wir unserem Nachwuchs zur Problematik an Informationen, Anregungen und möglichen Blickwinkeln auf den Weg geben sollen, und ist möglicherweise nicht nur für Lehrer und Lehrerinnen von Interesse.

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