Unsichtbares Theater

Augusto Boal, im letzten Jahr leider verstorbener Theaterheiliger, hat in den 1960er Jahren das „Theater der Unterdrückten“ entdeckt, ausgehend von der sozialen Situation in Lateinamerika. So engagiert er selbst war, möchte auch diese Form des interaktiven Geschehens wirken, indem es aktuelle Problemstellungen behandelt und hierbei die Zusehenden vom Zustand einer passiven Masse zu selbstverantwortlich handelnden und somit in das Geschehen auf der „Bühne“ eingreifenden Individuen anstiften will. Alle sind SchauspielerInnen, alle sind ZuschauerInnen in dieser hippie-marxistischen Schose.

Eine Unterform jener Erziehungsmaßnahme mit den Mitteln des Schauspiels ist das sogenannte „Unsichtbare Theater“, das im öffentlichen Raum stattfindet und gesellschaftliche Missstände aufzeigen soll, indem es PassantInnen zu einem Eingreifen provozieren bzw. motivieren will. Es geht also um das im Land der großen Söhne eher pejorativ gebrauchte Wort Zivilcourage. Und Herr Boal hat’s ja wirklich gut gemeint. Aber im Bezug auf unser Österreich haben wir es dabei mit einem zweischneidigen Schwert zu tun. Wien als kunstsinnige Stadt veranstaltet naturgemäß überall und unentwegt Theater im öffentlichen Raum, was Herrn und Frau Steuerzahler immer wieder und immer mehr auf die Krone – Verzeihung – Palme bringt. Da mag ein Volk noch so sehr begnadet für das Schöne sein, aber wann soll man denn noch seine Ruhe haben, um über den neuesten Sloterdijk nachzudenken, wenn permanent in der U-Bahn Lehrstücke zum Thema Rassismus von als Neonazis (o.Ä.) verkleideten Darstellern und Darstellerinnen an diesen permanent spielwütigen MigrantInnen demonstriert werden. Wie soll das Wiener Publikum noch sein Gähnen unterdrücken, wenn wie zuletzt wieder ein Verrückter aus dem Performancesektor unter dem Titel „Irrer U-Bahnschubser“ künstlich versucht, die Tradition der körperbetonten Aktionskunst einer Marina Abramovi oder Valie Export aufrechtzuerhalten.
Es ist ja wohl des Dramas genug, wenn alle paar Wahlperioden wieder die Publikumspreise an einzelne Parteien vergeben werden, um festzustellen, wer die bessere Inszenierung, die absurderen Libretti und den gemütserhitzendsten Kasperl des Landes ihr Eigen nennt.
Steckt das Theater zurück in den Guckkasten, wo es hingehört, oder gleich zurück zu den Griechen, wo es herkommt. Die haben Unterhaltung im Moment nötiger als wir.

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