Unter der Alm

ZwergenfürstenAufzeichnungen darüber, wie Österreich von unten regiert wird.

Eigentlich hatte die Wanze ja beschlossen, Belauschung und Spionage für eine Weile an den Nagel zu hängen und sich einen aus­führlichen Winterschlaf zu gönnen. Zu diesem Zweck zog sie sich also auf eine abgeschiedene Alm zurück und begann, sich ein behagliches Löchlein zu graben. Wie sie nun aber mit der Tiefe schon fast zufrieden war, da brach ihr plötzlich der Boden unter den Füßen weg. Und eh sie sich versah, fand sie sich in einer reich geschmückten unterirdischen Halle wieder: Sie war ganz unabsichtlich (und auch ganz unbemerkt) in den Palast des Zwergenkönigs Dörfli eingebrochen, der gerade dem Fürsten Vovis, dem Herrscher über das benachbarte Reich, eine Audienz gewährte.

Da fiel nun unserer Wanze potzblitz alle Müdigkeit ab und ganz ihrem Naturell entsprechend, begann sie eifrig zu lauschen.


König Dörfli (stolz auf seinem aus in lange zurückliegenden Kriegen erbeuteten zweisprachigen Ortstafeln errichteten Thron thronend): Na, da sind wir wenigstens einmal einig, dass zum Wohle unserer beider Fürstentümer eine unterirdische Verbindung ganz unerlässlich ist, nicht wahr?
Fürst Vovis (prächtig in roten Ornat gehüllt): Schon, schon. Da fährt die Eisenbahn drüber. Aber die Herrschaften zu Wien und erst recht die in St. Pröllten, die wolln’s uns nicht so recht gönnen.
Dörfli: Die zahlen schon, jetzt haben’s uns ja die Garantie gegeben …
Vovis: Aber wenn sie jetzt wegen der schlechten Zeiten doch noch umdenken? Unter dem Semmering, wo ich auch gern flink durchfahren können würd, halten’s mich auch schon seit Jahren hin.
Dörfli: Die schlechten Zeiten? Also ich kann nicht klagen. Letztens ist zwar mein Alpen-Schatzhaus abgebrannt und den Vorsteher haben’s gleich einsperren müssen, weil er es so schlecht versorgt hat, aber wenn’s knapp wird, dann schicken die Wiener schon wieder ein paar Golddukaten. Da werden halt ein bissl mehr Steuern eingehoben und an uns Fürsten verteilt, schon rennt das Werkl wieder. Und wegen dem Tunnel brauchst dir gar keine Gedanken machen. Hat doch der ehemalige Herr Minister für Verkehrswesen selbst angefordert, dass er unbedingt gebaut werden muss. Immerhin können wir dann bald von der Adria bis an die Ostsee fahrn. Das wird die wichtigste Verbindung in Europa überhaupt.
Vovis: Ja theoretisch. Aber wennst heutzutag von Villach mit der Eisenbahn nach Udine fahrn willst – das sind grad einmal 130 Kilometer –, bist mindestens sechs Stunden unterwegs (wennst nicht um fünf in der Früh fahrn magst – da geht’s schneller …). Wer soll denn bei dem Tempo bis an die Ostsee woll’n?
Dörfli: Nur weil die Katzlmacher nicht mehr rüberfahrn zu uns. Das wird schon noch, spätestens in 100 Jahr machen wir dann Wochenendausflüge nach Ostpreu… Danzig mein ich. Hätten’s die Semmeringbahn damals nicht baut, wir würden hierzuland noch immer auf den Bäumen leben. Da muss man halt ein bissl in die Zukunft investieren.
Vovis: Ja eben die Zukunft … während wir da Stollen graben, reichen die Finanzen für unsere Familien und die Universitäten nicht mehr aus. Wenn wir demnächst unsere Bergbau-Universität in Leoben zusperren müssen, dann wissen wir in 100 Jahr nicht mehr, wie man so einen Stollen überhaupt anlegt …
Dörfli: Du lasst dich aber auch leicht anstecken von deinen rotmützigen Verwandten in der Kaiserstadt … Wir Kärntner warn immer noch gscheit genug, um die Wiener über’s Ohr zu haun, während sie sich nach wie vor für was Besseres halten. Dazu brauchen wir keine Universitäten nicht. Und solang da einmal ein paar Hunderter Teuerungsausgleich, dort ein Führerscheintausender drin ist, oder das Müttergeld! Solang werden auch die Kärntner Familien nicht Not leiden. Und wenn’s einmal knapp worden ist, mit’m Geld, haben die Bonzen in der Hauptstadt immer noch was rüberwachsen lassen. Die können uns ja auch nicht untergehn lassen. Sonst würden wir sie ja unweigerlich mit in den Abgrund reißen.
Vovis: Ja, solang meine Haberer da an den Schalthebeln sitzen, hab ich auch keine Angst. Aber ob das ewig so bleibt? Drüben, in Deutschland zum Beispiel, da wollen’s ja einen unterirdischen Bahnhof bauen, mit allem drum und dran, und was passiert? Das Volk rebelliert! Und die Grünmützen, die offenbar allesamt Bergbaufeinde sind, werden auf Händen getragen. Da kann man nur hoffen, dass unsere Grünmützen weiter so unfähig und die Untertanen so brav bleiben.
Dörfli: In meinem Land brauch ich mir da keine Sorgen machen! Aber hast schon recht. Wir sollten drauf schaun, dass wir von den Wienern nicht so abhängig sind. Reden wir doch noch einmal mit dem St. Prölltner, der is doch auch der Onkel vom Staatsschatzkanzler – der soll ein bisserl drauf schaun, dass wir Landesfürsten da nichts zu befürchten haben. Ein paar Garantien auf Lebenszeit, ein bissl mehr Autorität … damit da auch in Zukunft nichts schief gehen kann. Das ist ja auch in seinem Interesse.
Vovis: Da schaut er schon drauf, da kannst dir sicher sein. Aber ein anderes Problem hab ich mit dem: Der will mir nämlich den Semmeringtunnel nicht gönnen, weil er Angst hat, dass mein Reich dann durch die bessere Anbindung seines überflügelt und in den Schatten stellt … Deswegen behauptet er jetzt, der Bau würd’ seiner Bevölkerung das Wasser abgraben. Dabei steht ihnen das ja ohnhin jedes zweite Jahr beim Hochwasser bis zum Hals.
Dörfli: Na, schaut’s doch, dass ihr das friedlich löst. Vielleicht kannst du ja was für ihn tun, damit er dir auch gern einen Gefallen macht. Hat der nicht auch ein bisserl Turbulenzen mit seinem Landesschatzhaus? Vielleicht kannst ihn da ja moralisch ein bisserl unterstützen, ihm den Rücken stärken. Du hast ja doch noch eine relativ weiße Weste … Wir Landesfürsten müssen halt zamhalten, damit nicht alles drunter und drüber geht.

Eingelullt durch die Kleingeistigkeit des Gesprächs fiel unsere Wanze an dieser Stelle doch in ihren wohlverdienten Winterschlaf. Hoffen wir, dass sie rechtzeitig zur nächsten Ausgabe wieder erwacht und den Weg zur Erdoberfläche findet, um sich mit frischem Elan neuen Lauschangriffen zu widmen.

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