Unterwegs mit Nils Koppruch

Nils Koppruch hat mit seiner Band Fink, die sich nach mehreren Umbesetzungen 2005 endgültig aufgelöst hat, ein paar der für mich prägendsten Alben der deutschsprachigen Musiklandschaft geschrieben. Mit ihrer Mischung aus Folk, Rock und Country haben sie dabei einen Liederberg erarbeitet, der sowohl textlich als auch musikalisch für mich alles überstrahlt, was die Hamburger Schule jemals hervorgebracht hat. Anfang Oktober hatten ich und Hans (das trojanische pferd) die Ehre mit ihm auf eine kleine Tour zu gehen. „Hier & Jetzt“ ist diesmal also ein kleiner Erlebnisaufsatz aus der Perspektive eines Menschen, der vom Fan zum Kollegen wurde.

Aber Vorsicht: Der Artikel ist sehr, sehr subjektiv ausgefallen und liest sich eher wie ein Tourtagebuch, und man erfährt fast mehr über den Autor als über den, um den es eigentlich gehen sollte. Mir ist nämlich beim Schreiben des Artikels bewußt geworden, daß ich den Inhalt privater Gespräche nicht ohne weiteres abdrucken kann, und daher habe ich mich umso mehr auf meine eigene Wahrnehmung berufen. Egozentrisch also. Um das ganze trotzdem lesenswert zu machen, hab ich immerhin versucht einigermaßen selbstkritisch zu sein …
Ich habe Fink zwei Mal live gesehen. Das erste Mal am 20.5.2001 im B72. Ich war damals 18 und wollte Nils im Anschluß ans Konzert unbedingt anquatschen. Im Zuge dessen hab ich mir das damals gerade erschienene rote Album signieren lassen und damit die Begegnung nicht gleich wieder abreißt, hab ich ihn was gefragt. Das ist mir heute noch peinlich, aber gerade deshalb möchte ich es erwähnen. Ich habe ihn damals allen Ernstes gefragt, ob er Dirk von Tocotronic (dessen „Sie wollen uns erzählen“ er auf dem unerreichten „Loch in der Welt“ Album gecovert hat) auch wirklich persönlich kennt … Uiuiui. Es gibt wohl nur wenig Blöderes, als sich bei jemandem nach einem sehr guten Konzert über dessen super-coolen Label-Kollegen zu erkundigen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß die Tocos zu genau jener Zeit bei Lado auch finanziell groß abgegangen sind, während andere Bands des Roosters vom ­Label eher stiefmütterlich behandelt wurden, ist die Frage doppelt bescheuert und außerdem kennt in Musikerkreisen ohnehin jeder jeden. Das alles war mir damals nicht bewußt. Ein zweites Mal habe ich Fink am 27.9.2001 im Linzer Posthof gesehen und dort klugerweise meinen Mund gehalten. Vorband waren damals übrigens die blutjungen Popserver, deren Sänger Rene Mühlberger heute bei Velojet spielt und mit mir in einer WG wohnt, was sich ohne dieses Konzert wahrscheinlich nicht ergeben hätte. So schließt sich der Kreis. Zurück zu Nils Koppruch:
Er landet am 1.10.2009 sehr früh morgens in Schwechat und daher ist Zeit für eine Wienführung. Bis ihm die Füße bluten. Wirklich. Das Fußbett des Schuhs hatte sich gelöst, und ein paar kleine Nägel hatten sich in seine Ferse gebohrt. Er borgt sich Schuhe von einem Mitbewohner, und wir machen uns auf den Weg in Richtung Augarten zu einem Interview auf Radio Orange. Im Anschluß Schuhkauf. Dann ins Gasthaus Vorstadt. Die Konzerte waren ziemlich gut, glaub ich. Jedenfalls ist uns das Publikum wohlgesonnen. Eddie Cooney und sein Bruder waren extra für den Abend aus London angereist, und drum war es uns an dem Abend besonders wichtig, nicht an die Wand zu fahren. Hat also gepaßt. Am Abend ist Hans glaub ich gefahren, und ich hab mich etwas gehen lassen. Naja.
Nils Koppruch Am zweiten Tag haben wir die weiteste Strecke vor uns: von Wien nach Wörgl. Ein sehr charmanter fast noch spätsommerlicher Tag. Die sich verfärbenden Blätter ziehen an uns vorbei, wir hören und diskutieren die neuen Alben von Element of Crime (Sven Regener spielt auf einigen Fink-Stücken Trompete) und Ja, Panik. Außerdem die erste Platte von Konstatin Wecker, Sky Valley von Kyuss, die Roughmixe des kommenden Velojet Albums „Heavy Gold“, bei dem Hans und ich ein bisserl mitgebastelt haben, und die ewige Nr. 1 in Sachen trojanischer Toursoundtrack: „Mach et einfach“ von Icke & Er. Nils liest auf der Rückbank den Spiegel. Wir kommen trotz Trödlerei einigermaßen pünktlich zum Soundcheck. Dabei aber streiken ein Kabel und ein Effektgerät, und außerdem hat die Buchse meiner akustischen Gitarre schon seit längerer Zeit einen Wackelkontakt. Ich bin ziemlich scheiße drauf, finde keine gute Einstellung für meine Gitarren und Nils und Hans geben mir zu verstehen, daß mein nervöses Herumnesteln äußerst unprofessionell ist. Ist es auch. Ich hab in meinem Leben insgesamt vielleicht 50 Gigs gespielt, Hans ein Vielfaches und Nils ein Vielfaches Vielfaches. Diese Kluft zwischen den erfahrenen Musikern und mir als Spätberufenem wird mir schmerzlich bewußt. Das Catering ist dann sehr gut, und meine Laune bessert sich einigermaßen. Unser Konzert wird dann mittelmäßig. Hans ist im Anschluß genervt, weil ich beim Konzert teilweise unnachvollziehbar den Rahmen der Lieder verlassen und rumgeschrieen hab. Das mach ich immer, wenn ich nicht weiß, ob das Publikum versteht, was wir machen. Trotz. Grundsätzlich aber ist die Sito-Bar sehr in Ordnung und ganz besonders der Veranstalter. Um die Spannungen des Abends einzuebnen, reizen wir das Freibierkontingent gründlich aus und geben uns am Hotelzimmer den Rest. Vieles von dem, was wir an diesem Abend von uns geben, kann hier nicht abgedruckt werden, und an den Rest kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern.
Am dritten Tag bin ich ziemlich fertig und froh, daß Hans fährt. In Salzburg werden wir ebenfalls sehr gut bekocht. Es gab in der Arge getrennte Backstageräume für die beiden Säle, in denen das „Hausfest 4“ ausgetragen wird. Die Konzerte sind ganz gut gewesen, glaub ich. Jemand spricht mich ganz begeistert an und meint in einem Nebensatz, er hätte unser Album bereits vielen Freunden kopiert. Ich denk mir: „Fick dich!“, sag es aber nicht, weil ich weiß, daß ich beispielsweise schon mehr als eine Kopie von „Loch in der Welt“ in Umlauf gebracht habe. Das Bier wird knapp, und ich hole Nachschub vom anderen Backstageraum, wo die Mediengruppe Telekommander einen auf super-cool macht (live waren sie trotzdem sehr gut, muß ich sagen). Wir trinken noch ein paar Bier mit den sehr freundlichen Schweden von Boy Omega, deren Konzert ich anfangs mau und gegen Ende dann sehr gut fand. Hans und Nils sind am Weg ins Hotel von ein paar Salzburgern aufgehalten worden und noch versumpft. Ich bin ins Bett, weil ich am nächsten Tag zum Nach-Hause-Fahren eingeteilt war.
Am vierten Tag haben wir Nils noch schnell zum Bahnhof gebracht (er ist dann von München zurückgeflogen), und ich bin beim Fahren auf der A1 kurz eingenickt, ein-zwei Sekunden später aufgeschrocken, und mein Herz hat sich überschlagen. Zum Glück nicht der Wagen.

P.S.: Hans hat neulich bei drei Stücken von Nils’ kommendem Album (Arbeitstitel: „Caruso“) Cello-Spuren eingespielt. Das gute Stück wird im Sommer 2010 erscheinen. Ein paar der neuen Songs hat Nils auf der Tour schon gespielt, und ich fand sie allesamt großartig. Seine durchgetretenen Stiefel stehen übrigens immer noch im Gang, seh ich grad. Morgen räum ich auf.

Kommentare

unterwegs mit ...

Hallo Hubert! Sehr ehrlicher und anschaulicher Bericht, danke für die kleinen Einblicke ;-)
aber bevor du die Stiefel wegwirfst, meld dich - bitte ...
LG, admine vom Koppruch Support

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