Velosophische Betrachtungen

Velosophie Im Jahr 1973 war die Welt noch in Ordnung. Die kalten KriegerInnen waren einigermaßen entspannt, Michaela Dorfmeister, später zweifache Olympiasiegerin und Weltmeisterin, erblickte im März dieses Jahres das Licht der Welt, mehr als eine Milliarde Menschen verfolgten das erste weltweit via Satellit ausgestrahlte Live-Konzert, und zwar nicht irgendeines, sondern Elvis‘ Aloha from Hawaii, der Heilige Stuhl brachte ein Konkordat mit Rheinland-Pfalz unter Dach und Fach. Österreich machte laut Wikipedia nicht weiter von sich reden, dafür jedoch Francis Ford Coppola, der für den ersten Teil von Der Pate sowohl den Golden Globe für bestes Drama und beste Regie als auch den Oskar für den besten Film erhielt. Außerdem wurde das World Trade Center eröffnet. Alles hätte so schön sein können.

Doch dann sollte es anders kommen: Mit dem Jom-Kippur-Krieg brach im Oktober 1973 auch die erste Ölkrise los, der wir nicht nur die Energieferien (heute: Semesterferien) und die vorübergehende Einführung von autofreien Tagen (heute: undenkbar) zu verdanken hatten, sondern auch eine veritable Rezession und die Erkenntnis, dass die praktisch ausschließliche Abhängigkeit von fossiler Energie aus mehrerlei Gründen nicht nur positive Aspekte mit sich bringt. Nun, diese Erkenntnis wurde im Laufe der letzten 37 Jahre um einige Facetten erweitert und vertieft und hatte theoretisch ebenso viele Jahre Zeit, in unser – wenn sich auch widerborstig dagegen sträubendes – gesellschaftliches Bewusstsein durchzusickern. Womit eine denkbare Langversion der Vorgeschichte des diesmal im Brennpunkt unseres Interesses stehenden Magazins auch schon grob umrissen wäre: der Velosophie. (Zugegeben: Nicht nur elegante Einleitungen, sondern auch leichtfüßige Überleitungen sehen anders aus. Ganz. Anders.)
Eine denkbare Kurzversion könnte demgegenüber etwa so lauten: Nicht erst seit 1973, sondern eigentlich seit immer schon ist Radfahren eine gesunde, intelligente und umweltfreundliche Fortbewegungsmethode, vor allem in der Stadt. Nur dass es mittlerweile auch noch den „Style-Faktor“ auf seiner Seite hat. Und daran ist das mit einer Auflage zwischen 80.000 und 100.000 Stück dreimal jährlich erscheinende Magazin für Fahrradkultur – so der Titelzusatz – wohl nicht ganz unbeteiligt, propagiert es doch seit seiner Gründung im Jahr 2008 die stil- und lustvolle Fahrradoffensive von und für Jederfrau im Alltag. Hervorgegangen ist Velosophie aus dem Umfeld der mittlerweile nicht mehr existierenden Mountainbike Revue, deren Geschäftsführer Wolfgang Rafetseder nun als Herausgeber der Velosophie fungiert.
Für die Lektüre am stillen Ort empfiehlt sich diese durchaus (sofern man das jeweils jüngste Exemplar des Baggers schon zum x-ten Mal – mit von Lektüre zu Lektüre tendenziell noch gesteigertem Lesevergnügen – verschlungen hat): Berichte über tatsächliche oder potentielle Hotspots einer zunehmend um sich greifenden Fahrradkultur (etwa Kopenhagen und München in Ausgabe 2-2010), Portraits von passionierten RadlerInnen und/oder KünstlerInnen, die sich mit dem edlen Draht-Streitross auseinandersetzen, sowie allerhand praktische Hinweise ergeben ein abgerundetes Bild (und viele schöne Bilder) von den unzähligen Möglichkeiten und aktuellen Entwicklungen in Sachen Veloziped. Somit stellt Velosophie eine wohlverdiente Image-Korrektur für das noch vor wenigen Jahren zu Unrecht als etwas umständlich und wenig alltagstauglich geltende, eher als fernab der Zivilisation zu benutzendes Sportgerät wahrgenommene Fahrrad dar. Finanziert wird das gratis erhältliche Magazin über Anzeigenverkauf – ein Umstand, dem sich allerdings auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Werbe- und Promotionseiten schuldet.
Große Unternehmen preisen ihre neuesten Produkte – derzeit das allseits gehypte E-Bike – an, Lebensminister und Verkehrsstadträte lächeln um die Wette, während sie ihre allerbesten Absichten beteuern. Nun gut, soll sein. Solange das Motto lautet: „Ride Against Global Warming – Mehr Fahrrad, weniger CO2.“ Noch eine dieser seit 1973 reiflich gereiften Erkenntnisse.

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