Verprügelt, mißbraucht, einbalsamiert

Die Absicht dieses Artikels ist es, das „Denk-Mal Marpe Lanefesch“ im Hof 6 des AAKH einer Funktionsanalyse zu unterziehen: Mit welcher Absicht wurde aus einem aufgelassenen Trafo ein Gebäude, das - in der einfachsten Interpretation seines Namens – Denkmal und Aufforderung zum „denk mal!“ in einem ist, gemacht? Und erfüllt es diesen Zweck? Und sind wir mit diesem Zweck einverstanden?

bethausDer Betpavillon im Hof 6 des AAKH ist in der letzten gezeit (5, S. 18f.) von Minna Antova sehr gut beschrieben und erklärt worden. Es ist eine gute Idee, dort alles nachzulesen, was in diesem Artikel an Hintergrund fehlt.
Ursprünglich hing nur ein Schild an dem Bau, das informierte, daß in der Reichskristallnacht die Synagoge „geschändet“ worden war (Wortlaut laut (1)). 1953 wurde sie dann in ein Trafohäuschen umgewidmet, was in architektonischer Hinsicht die Folgen der Schändung in der Reichs­kristallnacht nur noch verdeutlichte, da der Bau ungefähr in den 70ern (2) oder Anfang der 50er (5, S. 18) ziemlich gründlich umgebaut wurde: „Dabei werden die Dachkonstruktion, der Eingangs- sowie der Torahschreinvorbau zerstört.“(1)
Es läßt sich also sagen, daß das Bethaus geprügelt, mißbraucht und dann einbalsamiert wurde. Wir könnten auch sagen, es wurde verprügelt, dann verloren, vergessen oder weggeworfen, anschließend hat sich wer wiederer­innert und es in neuen, aber deutlich anderen Würden eingesetzt.

Ansichtssache 1: der Zweck des „Denk-Mal Marpe Lanefesch“

bethausIn Anbetracht der Ignoranz des Verfassers dieses Artikels betreffs der meisten nicht begrifflich vermittelten Sachverhalte ist es wohl am einfachsten und naheliegendsten, die Bedeutung der Sache zunächst aus der Bedeutung ihres Namens abzuleiten zu versuchen: also aus „Denk-Mal“ und aus „Marpe Lanefesch“ und aus deren gemeinsamen Auftreten.
„Denk-Mal“ läßt sich ohne viel Nachdenken in drei Weisen lesen: als das herkömmliche Denkmal: ein Mal, das zum Denken oder Gedenken anregen soll, aber falsch geschrieben. Die ­nächste Idee, die sich aufdrängt, ist die Aufforderung „denk mal!“, was dem Verfasser ja wahrscheinlich die ganzen Schwierigkeiten hier beschert hat. Ebenfalls ziemlich unvermittelt ist das Verständnis von „Denk-Mal“ als ein Mal, das vom Denken kommt: ähnlich wie ein Muttermal oder ein Wundmal, also eine Narbe. Diese Verständnismöglichkeiten sind eigentlich so offensichtlich, daß sie fast sicher richtig sind.
„Marpe Lanefesch“ ist hebräisch (ich kann kein hebräisch) und heißt Heilung der Seele. Es ist unklar, wessen Seele geheilt wird, und es sagt nicht, wie die Heilung eigentlich aussieht, und es sagt vor allem nicht, was der Seele eigentlich fehlt. Aber vermutlich ist eine gut abgeheilte Seele in jedem Falle wünschenswert, selbst wenn sie ursprünglich nicht verletzt oder krank war. Es ist also von einer unbestimmt beschädigten Seele auszugehen, der Heilung zuteil wird. Heilung selbst kann hier durch sich selbst (eine Wunde heilt) oder mittels äußerem Agens (die Ärztin heilt) vonstatten gehen, das läßt sich aus dem Kontext aber nicht ohne weiteres sagen. Auch die passive Wendung ist gebräuchlich (etwas wird geheilt). Weiters ist oft noch ein Mittel oder Agens in anderem Sinne in der Heilung involviert, z.B. eine Medizin oder eine Massage.
Als vorgreifende Interpretation auf die Agen­ten läßt sich sagen, daß es wohl Personen sein müßten. Diesbezüglich ist die mittlere Glas­platte im Boden zu bemerken, die mit dem Inhalt des folgenden Dokuments bedruckt ist: „Schreiben der Wiener Staatspolizei vom 10.11.1938, enthält alle Synagogen Wiens, durchgestrichen, mit den Namen der dafür Verantwortlichen [...].“ (5, S. 18)
Aus dem Zusammenhang ist ziemlich klar, daß die Verantwortlichen Verantwortliche für die Zerstörung der Synagogen sind. (Wenn diese Annahme aber falsch ist, und ich kann sie auf­grund meiner sehr mangelhaften Recherchetätigkeit nicht besser untermauern, dann sind alle auf ihr beruhenden Schlußfolgerungen zwar hoffentlich trotzdem folgerichtig, aber leider nicht sachlich.) Da für diese Gruppe von Verantwortlichen nur schwer seelenheilende Wirkung konstatiert werden können wird, werden sie nicht als direkte Agenten der Heilung zu nennen sein. Generell also läßt sich nicht gleich sagen, ob überhaupt wer, und – wenn ja – wer heilt, oder wovon die Seele geheilt wird.

Wie ist nun der Bezug der beiden Begriffe „Denk-Mal“ und „Marpe Lanefesch“ aufeinander festzulegen? Neben der eher verwegenen Theorie einer rein zufälligen Aneinanderreihung der ­beiden, ist ein Kausalverhältnis oder zumindest ein örtlicher Zusammenhang zwischen ersterem und letzterem zu vermuten: ein Denkmal, wodurch – oder eben zumindest wo – Heilung der Seele stattfindet. Eine andere Variante ist es, das Wort Denkmal in seiner üblichsten Verweisstruktur zu sehen, und die beiden als „Denkmal für die Heilung der Seele“ zu verstehen.

„Denk-Mal für“ oder „Denk-Mal wo“ oder „Denk-Mal wodurch“

bethausWelche Bedeutungen der beiden sind für diese Varianten am besten geeignet? Ein Denkmal im eigentlichen Sinn des Wortes und wie es in Denkmalschutz verwendet wird, ist sicherlich eine gute Grundlage für den örtlichen Bezug zwischen den beiden: Ein Denkmal ist ein Gegenstand und hat so seinen Ort, und wo ein Ort ist, kann formal etwas geschehen, in diesem Fall Heilung. Aber es wird sich der Ort, und vor allem dieser Ort hier, nicht oder nur schlecht von seiner Geschichte lösen lassen, vor allem wenn versucht wird zu begründen, warum ein Denkmal ein besonderer Ort sein kann oder sollte, und dieser Ort eben ein denkmalwürdiger ist, im Unterschied zum Baum daneben. Also wird über die rein örtliche Be­ziehung der beiden auch noch ein kausales Verhältnis anzunehmen sein: Weil dieses Denk-Mal dieses Denk-Mal ist, kommt es zur Heilung der Seele. Der Ort selbst, als nicht besonderer, scheint mir (in diesem Fall) immun gegen seine Geschichte.
Was diesen Ort von einem sonnenflüchtigen Mondkrater unterscheidet, ist, daß es am ersten Ort Leute gibt, die dort sind und sich was über diesen Ort denken: So wird aus einem Ort ein besonderer Ort. Und wenn sie sich denken, was dort passiert ist, z.B. weil sie etwas lesen, das wer auf ein Schild dort hingeschrieben hat, sich also irgendwie erinnern, dann ist der Ort nicht mehr immun gegen seine Geschichte. Und wenn sie dann auch noch über das bloße Erinnern hin­aus dazu kommen, sich etwas beim Erinnern zu denken, dann könnte von Gedenken die Rede sein.
Damit wäre also der „Denk-Mal“ Begriff ganz gut vereinbar: Das „Denk-Mal“ ist ein Denkmal als Ort, es ist eine Aufforderung zum Denken, da ein Schild dranhängt. Und nicht nur ein Schild – das Gebäude, in seiner neuen Form, hat eini­ge Facetten mehr als eine bloße Gedenktafel: Reichlicher Einsatz von Glas soll eine Befindlichkeit erzeugen, die auf Verwundbarkeit hinweist, berichtet (4): ­„’Durch die Transparenz des Ergänzungsmaterial [sic] ergibt sich ein Innenraum mit besonderer Körperwahrnehmung: ein Raum, der keinen Schutz bietet, der sich auf die Dauer ungemütlich auf die Körperwahrnehmung auswirkt‘, schildert Antova und hofft auf die sensibilisierende Wahrnehmung dieses Effekts.“
Wo kommt dann das Moment der Heilung hinzu? Dieser Ort, der bedrückt, anstachelt und erzählt, und dadurch seine verschiedenen Funktionen als Denk-Mal erfüllen soll, soll auch irgendwie eine Heilung der Seele in seinem Namen recht­fertigen können. Es wird wohl nichts überbleiben, als nach dem Grund für die Notwendigkeit einer Heilung der Seele zu fragen, denn wo sollte sich sonst dieser Widerspruch auflösen, daß ein so häßlicher Ort eine Genesung bewirkt? Welche eigen­artige Verletzung verlangt so eine eigen­tümliche Heilung?

Ansichtssache 2: Wie das Denk-Mal funktioniert

bethausHeilung soll also durch die Anleitung zur Er­innerung, also eine Erzählung, geleistet werden. Die Elemente, die die Erzählung „etwas heilt von etwas durch etwas“ tragen, sind zusammengefaßt folgende: Eine Seele erfährt Heilung (da sie nicht näher bezeichnet wird, bringt es am wenigsten in Verlegenheit, die Seele als Verletzte zu sehen, wenn auch nicht klar wird, was die Verletzung ist). Die Liste der Namen der Verantwortlichen muß mit dem Bau kontrastiert werden, und zwar am besten als ein Hinweis auf die Art der Ver­letzung. Denn das ist ja das Wesentliche, was noch zur Konstruktion der Geschichte fehlt: eine Handlung, die die Notwendigkeit dieses Denk-Mals begründet, nämlich warum das Denkmal eine Narbe ist und wie die Verletzung aussah. Und geheilt wird, indem der Aufforderung des Denk-Mals nachgekommen wird. Das Gebäude mit dieser glasklar dargestellten Geschichte ist so also ein Seelenheilmittel.
Die Therapie mittels dieses Gebäudes scheint nur noch in einer Hinsicht unterbe­stimmt oder zu allgemein gehalten zu sein: Was genau die Verletzung unserer kon­kreten Seelen ist. Ohne diese Bestimmung ist das Denk-Mal eine Intention, die leicht ins Leere läuft, indem nicht ge­sagt wird, ob wir, die vorbeigehenden Seelen, heilungsbedürf­tig sind, und was die Verletz­ung unserer Seelen sein könnte. Der große Fortschritt, in einem Denkmal die Liste der Verantwortlichen zu integrieren, ist eine durch­aus willkommene und kon­krete Anklage, verweist aber nicht direkt auf dasjenige, das die Narbe in den Seelen der Vorbeigehenden sein könnte.

Verweise:
1) http://de.wikipedia.org/wiki/Synagoge_im_alten_AKH_Wien
2) http://tinyurl.com/vz366 (www.dieuniversitaet-online.at)
3) http://minnaantova.com/raeume/raeume1_5.html
4) http://tinyurl.com/ylqcue (www.dieuniversitaet-online.at)
5) ÖH Uni Wien und andere: gezeit:geräumt. Zeitung der FV Gewi 06/2006

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