Vom Büßen und Beichten

Eine Dorfgeschichte –Teil III

Nachdem eingangs die dubiosen Machenschaften des Heidenröser Bürgermeisters geschildert wurden, setzen wir im dritten Teil mit der Geschichte des Dorfpfarrers fort.

Noch aber blieb Pater Ambrosius’ kleine Landpfarre Heidenrös von größerem Unheil verschont. Hier fand man sich sonntagmorgens noch in der Kirche zur Heiligen Messe ein und nicht etwa bei Freunden zum Brunch, zwängte man sich anlässlich der Fronleichnamsprozession noch in die Krachlederne respektive ins Balkonett, hier musste man sich als Erstkommuniant während der Beichte noch Sünden ausdenken, damit man überhaupt etwas Gescheites zu beichten hatte – auf diese Weise lernte man schon einmal das Lügen; das Fürchten lernte man anschließend, wenn der alternde Ambrosius sich im staubigen Halbdunkel der Sakristei (der Beichtstuhl war seit Jahren wegen Restaurationsarbeiten außer Betrieb) über einen beugte und mit zitternder Stimme auf einen einredete, in einer unbekannten Sprache, ego te absolvo a peccatis tuis, während man selbst ängstlich zwischen den in Reih und Glied aufgehängten Kutten und Messgewändern und dem gestikulierenden Pfarrer hin und her schielte und einem in der muffigen Atmosphäre der Atem stockte.


Bei der Beichte lügen zu müssen, war zumeist keine angenehme Sache für neunjährige Landkinder, und so war sichergestellt, dass der Nachwuchs ein recht schlechtes Gewissen hatte und hernach auch richtig Buße tat. Die Kinder jener Städter, die sich in den von Wohnbaugenossenschaften rasch aus dem Boden gestampften Reihenhäusern und Wohnsiedlungen niederließen, hatten es da leichter – sie hatten in den städtischen Kindergärten einen rauheren Umgangston gelernt oder im anthroposophischen Kinderhort bereits Nietzsche gelesen und waren daher nicht so leicht zu beeindrucken. Manche hatten gar schon dem Tod ins Auge gesehen, aber das traf nur auf die zwei Tschetschenenkinder zu, die mit ihrer Tschetschenenmutter und deren Schwester in einer winzigen Gemeindewohnung in Heidenrös-Oed hausten. Zumindest waren sie dem Tode schon näher gewesen als die hiesigen Ministranten, die nur einmal während einer Begräbniszeremonie bei der größten Julihitze einen Hauch von Verwesungsgeruch erhaschten, den ein heißes Sommerlüftchen von dem mit großen grausigen Fliegen bedeckten Sarg zu ihnen hinübergeweht hatte.

In Heidenrös hatte jeder seine Geheimnisse, dem einen kamen schmutzige Gedanken beim Anblick seiner heranwachsenden Nichte, die andere hegte leidenschaftliche Gefühle für die Dorfpolizistin, der nächste litt an Fresssucht, die vierte hatte im Nachbardorf sturzbesoffen einen Mopedfahrer angefahren und Fahrerflucht begangen. Dementsprechend wurde in den Tischrunden, auf den Jungscharlagern, bei den Eheberatungen und Caritassammlungen und beim Adventkranzbinden ausgiebig gemunkelt und geflüstert und auch offen getrascht, während die Ehemänner derweil beim Bier saßen und Fußball oder der Wirtin aufs Hinterteil schauten.

Niemand aber ahnte das Geheimnis, welches von Pfarrer Pater Ambrosius seit Jahrzehnten sorgfältig gehütet wurde.
Ein Mann mit Sinn für das Gute und Schöne, hatte er in jungen Jahren nicht nur seine Leidenschaft für die Theologie, sondern auch für traditionell gebrautes Bier entdeckt; welche davon nun zu der verhängnisvollen Bekanntschaft mit Eva geführt hatte, ist aus heutiger Sicht unklar. Oder jener mit Martha oder Susanne, der Protestantin. Ach, er war ein junger, ungebundener Kaplan im kleinen Ort Dorfkirchen, und er liebte die Menschen, besonders aber die Frauen; und Gott natürlich.
Bis dieser ihm, so dünkte es, als es ihn wie ein Schlag traf, dem Pater Ambrosius, einen Streich spielte und die Pfarrersköchin seines Mentors und Beichtvaters, Pater Ignatius, Fräulein Hendel, ihm ein Kind anhängen wollte. In Dorfkirchen hatte man den jungen Kaplan schon längst im Verdacht gehabt, und obwohl die Pfarrersköchin unter der Dorfkirchner Einwohnerschaft insgeheim als Schlampe verschrien war, glaubte man ihr, weil der Kaplan dabei gesehen ward, wie er sich bei den Hofroasesn mit den jungen Dingern unterhalten hatte. Das Kind war aber gar nicht von ihm; bedauerlicherweise schenkte niemand ihm Glauben, was an sich einem angehenden Pfarrer durchaus sehr zu schaffen machen kann.

Aus dieser Zeit heraus, in welcher der Sommer noch nach frischgemähten Wiesen roch und im Herbst noch der Oberflächenreif knisterte, in welcher er sich noch eifrig im Denken übte und Gefühle aufkamen, die neue Bedeutung erlangten und doch so undeutlich blieben wie die Luft über einer in der frühsommerlichen Hitze flimmernden Landstraße, nahm Pfarrer Ambrosius viele Geheimnisse mit. Denn was ihm noch mehr als die gegen ihn gesponnene Intrige zum Nachteil gereichen sollte, war jener Umstand, der zutage kam, als sich die erste seiner Liebschaften, Eva, mehrere Monate nach ihrer kurzen Bekanntschaft bei ihm meldete: Sie sei in guter Hoffnung, und er, Ambrosius, ohne jeden Zweifel der Vater. Es war für ihn ein Abschied und ein Anfang zugleich. Er musste alles vertuschen und wurde nach Unteraunach strafversetzt, wo der Verzweifelte aber bald Trost in Elviras Armen fand, der Tochter des Organisten, welche der Herrgott mit blonden Locken und himmlischen Brüsten gesegnet hatte.

Sein Kind war noch kein Jahr alt, als Elvira ihm eröffnete, sie sei in anderen Umständen, und so musste er abermals fliehen, nach Kleinhausen, wo er den ganzen Pfarrverband seines verblichenen Vorgängers übernahm, samt Pfarrersköchin, die ihn nicht leiden konnte und ihm stets matschige Semmelknödel auftischte. Pater Ambrosius aber war scheinbar von seinen Verirrungen geheilt und leitete die Pfarre pflichtbewusst und ohne Vorkommnisse über ein halbes Jahrzehnt lang. Die Pfarrersköchin hatte aber ihrerseits eine Tochter, man munkelte, die habe ihr der selige Pfarrer selbst, requiescat in pace, an einem stürmischen Wallfahrtstag gemacht, als sich die Pilgerschaft angesichts eines jäh hereinbrechenden Regengusses mitsamt der Monstranz, die man unter Auferbietung aller Kräfte mitgeschleppt hatte, in allerlei Stadeln und Scheunen flüchten musste, wobei die beiden bis zum übernächsten Tag nicht mehr aufzufinden gewesen waren; das Mädel hatte es Ambrosius schließlich doch angetan, und so eroberte er die breithüftige Pfarrersköchinnentochter; ihre Gebärfreudigkeit äußerte sich aber nicht nur im Körperbau, und so stand der nächste Umzug ins Haus. Pater Ambrosius arrangierte aber, dass er mit seiner Angebeteten in wilder Ehe leben konnte, die Pfarrersköchin wurde ins Altersheim gesteckt, das Kind aber mussten sie auf Drängen der klerikalen Obrigkeit in die Obhut von Pflegeeltern übergeben.
Die Zeit verging, die Hüften nahmen immer mehr an Breite, die Semmelknödel an Matschigkeit zu, der Bastard erreichte das Schulalter, und schließlich suchte Pater Ambrosius um Versetzung an; der Wunsch wurde ihm prompt gewährt, und nach einem kürzeren Aufenthalt in Schweinsbach und einem längeren in Brunshausen landete er schließlich in Heidenrös. Hier kam er endlich zur Ruhe, gab die Schürzenjagd auf und widmete sich fortan der Seelsorge, ließ sich von Mütterrunden und Kaffeekränzchen einladen, besuchte das jährliche Apfelmost- sowie das obligate Feuerwehrfest und organisierte für seine 50+-Gruppe jährlich eine Reise nach Lourdes zum Zwecke der Wallfahrt.

Langsam aber begannen sich auch in Heidenrös die Zeiten zu ändern. Auf dem Apfelmostfest bestellte man Aperol statt Most, auf dem Feuerwehrfest wurde das Getöse der Blasmusik von DJ-Ötzi-Ucke-Mucke abgelöst, und statt auf Wallfahrt begab man sich lieber ins Wellnessressort. Städter, die Geld, aber wenig Manieren hatten, störten die ländliche Idylle, indem sie aufs Land, nach Heidenrös zogen, wobei sie aber weiterhin in der Stadt arbeiteten, sodass sie jeden Tag morgens mit dem Auto in diese hinein- und am Abend wieder aufs Land hinauspendeln mussten, und sie brachten ihre Patchworkfamilien und Zweitfrauen und unehelichen Töchter und die Söhne aus erster Ehe mit sowie ihre preisgekrönten Zuchtmöpse und Perserkatzen. Pater Ambrosius, der über die Jahre zu einem apodiktischen Moralapostel verdorrt war, raufte sich die wenigen verbliebenen Haare, während er diesem Treiben hilflos zusehen musste.

Pfarrer Ambrosius hasste die Städter, und er hasste sie noch mehr, als ihm klar wurde, welch großen Neid er empfand. Diese Leute trieben konsequenzlos, was sie wollten! Er verstand nicht mehr, warum er damals stets auf die Obrigkeit gehört hatte, und fühlte, dass er sich bald entscheiden musste – wollte er selbst in Lüge weiterleben oder wie die Städter allen Anstand über Bord werfen und so leben, wie es ihm gerade einfiel? Beides schien ihm im höchsten Maße unchristlich. Eine Lösung musste aber her, und so beschloss er, nach Rom zu reisen.

Die geneigte Leserschaft möge die Banalität des eben Erzählten verzeihen – d. Verf. hat neben einem runden Geburtstag auch den Einstieg ins bittere Erwachsenenleben sowie die üblichen damit verbundenen Hormonschwankungen und mittelschweren Nerven­zusammenbrüche hinter sich. Es wird daher empfohlen, Milde walten zu lassen, sich zurückzulehnen und der Dinge zu harren.

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