Vom Vertuschen

Über das wahre Grundübel der Welt und wie man es ein für alle Mal aus der Welt schaffen könnte – eine Hetz­schrift.

Vielleicht wäre es besser für Sie, wenn Sie diese Zeitschrift nicht lesen würden. Ihnen fehlt es ja im Leben an nichts (sonst hätten Sie wohl kaum zwei Euro für den Bagger ausgegeben), und warum sollten Sie sich dann durch auf­ge­bausch­te Storys über irgendwelche krummen Machenschaften der Mächtigen aus der Ruhe bringen lassen? Na eben. Mein Vorschlag wäre, Sie schlagen den Bagger unverzüglich wieder zu und werfen ihn ungespitzt in den Mülleimer.

Schmeißen Sie überhaupt gleich alle Zeitungen im Haus weg (Erotikmagazine aus­ge­nom­men) und verweigern Sie den Kon­sum von nerven­auf­reibendem Nach­richten­fern­sehen zugunsten von Musikan­tenstadl und Rosamunde Pilcher (etwas tiefer gehende Erotik ist natürlich auch in Ordnung). Na, worauf warten Sie? Im Annehmen von Ratschlägen scheinen Sie ja nicht unbedingt WeltmeisterIn zu sein. Seien Sie jedenfalls gewarnt – Weiterlesen könnte unangenehm werden …

Die Wahrheit tut weh

Seit sich unsere demokratische Gesellschaft mit der Errungenschaft namens Pressefreiheit schmückt, darf sich bekanntlich jedermann und jedefrau ungestraft der Lebensaufgabe verschreiben, dem Bösen in der Welt auf die Schliche zu kommen, um die Allgemeinheit davon in Kenntnis zu setzen. Wir wissen dadurch alles darüber, wer aller am Vortag von (mit Sicherheit illegalen) Zuwanderern brutal überfallen wurde, was am sonntäglichen Schweinebraten alles ungesund und unmoralisch ist, und in welchen störanfälligen Kernkraftwerken unlängst wieder ein paar Glühbirnen kaputt geworden sind. Dabei mögen Medien zwar einen Zapfhahn für den menschlichen Wissensdurst darstellen, sie bringen uns aber auch allerhand Nachteile. Zum einen schafft mediale Berichterstattung oftmals eine Atmosphäre der Angst: Menschen, denen noch nie irgendwas geklaut wurde, kaufen sich sündteure Alarmanlagen; Berichte über EHEC, Schweinegrippe und Co führen dazu, dass nicht die Pharmaindustrie auf ihren Medikamenten, sondern die Agrarindustrie auf ihren Gurken sitzen bleibt; und die Panikmache während diverser Umweltkatastrophen hat zur Folge, dass die Welt manchen bis dato völlig sicheren Technologien den Laufpass geben möchte. Andererseits macht uns Aufklärung über moralisches Fehlverhalten auch wütend: Entweder sind wir erbost darüber, was andere so anstellen, oder (noch schlimmer!) ärgern uns, weil wir selbst zu Bösewichten ernannt werden (Sie wissen schon: Klimawandel, dritte Welt und so). Finden Sie es etwa nicht unangenehm, wenn Sie indirekt dafür gerügt werden, dass Sie gerne Fleisch essen, billig einkaufen oder keine Lust dazu haben, Müll zu trennen und die hundert Meter zum Beisl zu Fuß zurückzulegen? Die eifrige Arbeit von JournalistInnen hat also durchaus unangenehme Folgen, weil sie in der Gesellschaft Angst verbreitet und Menschen dazu zwingt, sich für den gewohnten Tagesablauf plötzlich rechtfertigen zu müssen. Weshalb auch immer ein mediales Tamtam gemacht wird: Man muss es ja nicht gleich übertreiben! Und machen denn diese selbsternannten Moralapostel, die ohnehin mehr zwecks Eigendarstellung denn zum Wohle der Gemeinschaft agieren, alles richtig?

Vorbeugemaßnahmen

Sensationsgeilheit und Schaulust dürften als Triebquellen ähnliche Konsequenzen wie konventionelle Suchtmittel hervorrufen: Zunächst werden sie durch den medialen Super-GAU schlag(zeilen)artig befriedigt, um anschließend einen gehörigen Kater nach sich zu ziehen (dank Fukushima wissen wir nun wieder besser über die Entfernung zu Temelin Bescheid). Tja, wenn die Versuchung bloß nicht so groß wäre! Aber da wären auch noch andere Möglichkeiten: Wem die Wirkung von Alkohol ein böhmisches Dorf ist, wird nicht gleich nach Schnaps fragen – und wer von einem gut versteckten Schnapslager nichts weiß, schon gar nicht. So kehrte man etwa geistesgegenwärtig kirchliche Missbrauchsfälle sorgsam unter den Teppich und gönnte beispielsweise auch den BewohnerInnen von Prypjat nach der Tschernobyl-Katastrophe noch einige Tage lang ein sorgenfreies Leben. Davon kann man allerdings in „freien“ Gesellschaften, wo sich der gnadenlose Enthüllungsjournalismus keinen Deut um die Volksgesundheit schert, nur träumen. Wer denkt etwa bei Affären rund um BAWAG und BUWOG an unseren Blutdruck? Und Herrgott noch mal, muss man das mit dem Doping gleich an die große Glocke hängen, wenn mal einer den sportlich leidgeprüften Nationalstolz hochleben lässt wie ein Bernhard Kohl?

Erst die Diagnose macht den Schmerz

Wer sich des Öfteren das Mundwerk kontrollieren lässt, weiß: Man geht nicht selten ohne Schmerzen hin, kehrt aber entweder durchbohrt und/oder mit einem Ziehtermin wieder zurück. Dabei stellt sich die Frage, ob die Probleme nicht überhaupt erst dadurch zustande kommen, indem man die empfohlenen Kontrolltermine wahrnimmt. Apropos: In einer ähnlich radikalen Weise formulierte der Philosoph George Berkeley eine umstrittene Theorie der Erkenntnis. Ob er gesunde Beißerchen hatte, ist so weit zwar nicht bekannt, wohl aber, dass für ihn die Existenz eines Dinges gleichbedeutend damit war, dass es von jemandem wahrgenommen wird („esse est percipi“) – oder einfacher gesagt, es gibt nur diejenigen Dinge, von denen man etwas mitbekommt. Etwas „Objektives“, also von der Wahrnehmung Unabhängiges (das „Ding an sich“, wie es Immanuel Kant später nannte), lehnt Berkeley ab. Was man nicht wahrnimmt, soll es also demnach gar nicht geben. Sie meinen, das wäre Schwachsinn? Na dann beweisen Sie doch mal das Gegenteil! Aber beißen Sie sich dabei nicht (wie Kant) die Zähne aus … Womit wir wieder beim Thema wären, dass Probleme erst dadurch zustande kommen, dass uns jemand auf sie aufmerksam macht. Das wahre Böse auf der Welt ist also keineswegs in Politik oder Wirtschaft zu finden, sondern im „investigativen Journalismus“, der Missstände nicht aufdeckt, sondern erst in die Welt bringt – und obendrein noch Angst und Ärger damit verbreitet! Der Journalismus birgt also eine Kraft, die stets das Gute will, und stets das Böse schafft!

Alternative Heilmethoden

Es stellt sich schließlich die Frage, wie schön denn die Welt nicht wäre, wenn die Medien sie nicht zur Hölle machen würden. Das Beruhigende daran ist, dass es einfache Lösungen für das Problem gibt. Entweder zieht man dieselbe Konsequenz wie George W. Bush, der keine Zeitungen las, um sich nicht vom „klaren Blick auf die Dinge“ abbringen zu lassen. Das erfordert zwar wenig Engagement, wäre dadurch aber nicht ausreichend. Wenn man nur daran denkt, was alles bislang nach fehlgeschlagenen Vertuschungsversuchen zutage kam – nicht auszudenken, welcher Schaden dann erst durch erfolgreiche Vertuschung abgewendet wurde! Beispiele dafür gibt es genug: die Invasion Außerirdischer, die Kontrolle der Weltpolitik durch Geheimgesellschaften und nicht zuletzt Massenvernichtungswaffen im Irak! Helfen Sie also am besten aktiv mit und setzen Sie sich tatkräftig dafür ein, dass vertuscht und zensiert wird, bis sich die Balken biegen. Schmieden Sie Komplotte und legen Sie sich einen Schmutzkübel für unermüdliche AufdeckerInnen zu. Eine schöne heile Welt sollte es Ihnen auf jeden Fall wert sein!

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Wenn Sie sich nun tatsächlich mit Inbrunst der organisatorischen Vertuschung hingeben möchten, dann gehören Sie ab sofort – no na – zum Kreis der wahren Mächtigen der Welt. Damit geben Sie aber Ihr altes naives Leben auf und sollten in ein großes Geheimnis eingeweiht werden. Es ist nämlich so, dass ████████████████████
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Angelehnt an Sokrates bleibt hier nur mehr eins zu sagen: Selig sind diejenigen, die wissen, dass sie von dem Ganzen nichts wissen.

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