Von Belustigungsorten mit Irrwegen

Zwischen „Stormy Sunday“ und „Spectacolo“, gleich hinterm „Boomerang“, wird das eigene Spiegelbild dem Gelächter ausgesetzt. Es kann schon sehr lustig sein, im Wiener Prater.

Wenn Monika T. über ihr „1. Original Wiener Lachspiegelkabinett“ mitten im Wurstelprater spricht, kommt ihr dabei kein Lacher aus. Die rund 40-jährige Frau mit kurzem Haar sitzt in der kleinen Kassakabine, hinter ihr gibt ein Fenster den Blick ins Innere des Irrgartens frei. So kann sie den Besuchern beim Verirren zusehen.

Viel zu verirren gibt es dabei nicht – der Irrgarten mit seinen zahlreichen Glaswänden in mintgrüner Einfassung ist schnell durchwandert. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass jemand nicht mehr hinaus findet und von der Besitzerin gerettet werden muss: zum Beispiel dann, wenn eine Mutter ihr vierjähriges Mädchen alleine durch das Glaslabyrinth schickt, während sie sich draußen gemütlich eine anraucht – und das, obwohl laut einem handbeschriebenen Kartonschild an der Kassa „Kinder nur in Begleitung Erwachsener“ ins Innere dürfen. Rücksichtslose Eltern können Monika T. maßlos ärgern.
Dabei hätte sicher auch so mancher Elternteil seine Freude an dem Lachspiegelkabinett – dann nämlich, wenn es um den „Lachteil“ des Kabinetts geht, denn dem gläsernen Irrgarten vorgelagert ist ein Raum mit unterschiedlichsten Zerrspiegeln. Nichts für NarzisstInnen – in Spiegelbilder, die einen als klein und fett zeigen oder mit ewig langen, dürren Beinen und einem Mini-Brachiosaurier-Kopf, kann man sich wohl nicht so schnell verlieben. Lustig anzusehen sind sie aber allemal. Ob die Besitzerin nicht doch auch manchmal lachen muss, wenn sie, gerade einen Zerrspiegel putzend, sich darin spiegelt und nur noch aus Hals zu bestehen scheint?
Seit rund 80 Jahren gibt es das „Original Lachspiegelkabinett“ nun schon, die vergangenen 20 davon wurden sie von Monika T. geführt. Es ist eine der ältesten Attraktionen im Prater – neben u.a. der „Prater Marina“ zwei Parzellen weiter – einem maritimen Karussell mit Haifischwagerln – und der Grottenbahn „Silberbergwerk“ schräg gegenüber. Seit Beginn des ältesten Vergnügungsparks der Welt im Jahr 1766 hat der Wiener Prater sein Antlitz stark verändert. Als das ehemals streng bewachte und umzäunte kaiserliche Jagdgebiet für das „gemeine Volk“ als „allgemeiner Belustigungsort“ erstmals geöffnet wurde, begannen sich auch allmählich Kaffeesieder und Wirte anzusiedeln. „Das Ballon schlagen, Kegelschieben und andere erlaubte Unterhaltungen“ wurden vorerst nur „geduldet“, zusätzlich entstanden erste Spielhöllen: „Maschinen, allwo man Kügerl hineinwerfen kann und die sich ohne große Unkosten in einen kleinen Glückshafen verwandeln“ – hieß es auf Werbezetteln von anno dazumal.
Heute versprechen „Ejektion Seat“, „Extasy“ oder das welthöchste Kettenkarussell „Praterturm“ Adrenalin pur. Gelockt wird mit schwindelerregenden Höhen und schnellen Umdrehungen, die direkt in die Magengrube fahren. Auch die laute Beschallung à la DJ Ötzi schafft das. Bei Monika T. tönen leise Schlagerklänge aus den Boxen ihres Spiegelkabinetts.
Rund 240 Buden, Standeln und Werkeln gibt es im Wiener Prater. Vor zwei Jahren, mit der Umgestaltung des „Wurstelprater-Entrees“ direkt beim Riesenrad, sind einige Attraktionen dazu gekommen, die den Prater leider alles andere als attraktiver machen: Vielmehr hat Wien nun mit den Pappendeckel-Kulissen im Stile Schönbrunns seine eigene Parndorf-City. Und genauso billig, wie das Designer-Outlet in seinen Preisen verglichen mit „echten“ Hugo Boss- und Gucci-Shops ist, wirkt der neu gestaltete Eingang zum Pratergelände. Aufschriften als Verzierung auf einigen „Häusern“ machen die Sache nicht besser, geschweige denn lustiger: „Schimt, Kliele, Schokoschka Malercompagnie“ ist auf einem zu lesen. Ein Humor wie „Extasy“ – der direkt in die Magengrube fährt. Nur gut, dass man das Spiegelkabinett mit Irrgarten auch mit einem kleinen Umweg über die Prater Hauptallee erreichen kann.
Spiegelkabinett

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