Von den Manipulatoren

Manipulierte Kilometerzähler? Manipulierte Wahlergebnisse? Manipulierte Medien? Genug davon – das ist Blasphemie. Manipulation ist eine hochkarätige Kunstform.

Manipulation (englisch „sleight of hand“, französisch „leger-de-main“) ist die Kunst, magische Effekte zu erzeugen, und zwar ohne Maschinerie, bloß mit Hilfe geschickter Hände. Manipulatoren – so heißen die Künstler – arbeiten mit Spielkarten, die sie bündelweise aus der leeren Luft fangen, Billardkugeln, die zwischen ihren Fingern erscheinen und zu rohen Eiern mutieren, überhaupt mit allem, was man leidlich bequem in der Hand halten kann: Spazierstöcke, brennende Kerzen, leuchtende Glühbirnen, weiße Tauben, Karnickel, Vogelkäfige mit lebenden Kakadus.

Siegfried und Roy manipulierten in ihrer Frühzeit mit Flamingos. Gute Manipulatoren trainieren gleich viel wie Leistungssportler, haben Finger wie Paganini, einen Datenspeicher im Hirn wie ein Stardirigent und die Kreativität eines Picasso.

Der US-Magier Teller (er hat tatsächlich, ganz offiziell, keinen Vornamen) betritt manchmal in Smoking und schickem Filzhut die Bühne, eine glimmende Zigarette im Mund. Man sieht ihn die Zigarette zu Boden werfen und austreten. Dann faßt er in die Westentasche, holt eine Zigarettenpackung heraus, entnimmt ihr einen frischen Glimmstengel, zückt ein Feuerzeug, zündet ihn an und raucht weiter. Eine beschämend normale Sequenz aus dem Alltag eines Kettenrauchers – oder etwa nicht?
Teller wiederholt dann die Sequenz ein paarmal, teilweise mit der anderen Körperseite zum Publikum. Dabei sieht man – und Tellers Partner Penn Jillette erklärt es einem wortgewaltig – daß er etwas völlig anderes tut. Er wirft die Zigarette nur scheinbar weg, in Wirklichkeit übergibt er sie in die andere Hand und klemmt sie sich ins linke Ohr. Die Zigarettenpackung existiert nicht: Teller täuscht sie nur durch die Handhaltung vor. Die vermeintlich neue Zigarette ist ein weißer Bleistift, das Feuerzeug eine Mini-Taschenlampe, deren kurz angeknipstes Licht die Flamme simuliert. Teller fährt mit der Hand durch die Luft, als verscheuche er eine Mücke – dabei pflückt er die ursprüngliche, einzig echte Zigarette wieder vom Ohr und vertauscht sie a tempo gegen den Stift. Auch nach vier Wiederholungen ist es immer noch dieselbe Zigarette, die scheinbar zum fünften Mal brennt.
Penn und Teller haben diese Nummer schon oft vorgeführt, und sie ist immer wieder zum Schreien komisch. Der Witz: Das Publikum glaubt, ihm würde erklärt, wie Zaubertricks funktionieren. Dabei würde kein Zauberer jemals so etwas tun: ein halbes Dutzend subtile und schwierige Trickmanöver, nur um die Zuschauer von der Wirklichkeit eines kläglich banalen Vorgangs zu überzeugen. Das einzig Magische: Teller läßt zum Schluß die glimmende Zigarette zwischen den bloßen Händen verschwinden, nur Rauch bleibt übrig. Wie er das macht, wird natürlich nicht erklärt. Nach dem Auftritt gehen P&T einen trinken: einen Apfelsaft oder ein Mineralwasser, denn beide verabscheuen Alkohol. Tabak übrigens auch – wenn Teller als qualmender Dandy überzeugend wirkt, ist das eine schauspielerische Großtat. Aber das ist halb so wichtig. Festzuhalten gilt es zwei Punkte: Die Zigarette geht bei der Sache drauf. Und das Publikum – bestens unterhalten, dazu noch im Glauben, es verstünde das meiste – lacht nicht nur, sondern zahlt auch. Wäre das Ganze aber ein Kunstwerk, wenn es nicht irgendwo einen Lebensbereich gäbe, mit dem es sich zur Deckung bringen läßt, oder den es wenigstens erklären hilft? Sehen wir uns um, ob wir irgendwo Manipulatoren Tellerschen Stils dingfest machen können.
Der Junkie, der seinen Nachbarn einen gutbürgerlichen Lebensstil vorspiegelt, während er sich in Wirklichkeit nur noch von einer Heroinspritze zur nächsten weiterhangelt, ist keiner. Auch nicht der Priester, der für Welt und Bischof das schwierige Kunststück „Zölibat“ ausführt, während er im Hintergrund zwei Geliebte hat, öfters Bordelle besucht und sich an Chorknaben vergeht. Solche Leute manipulieren längst nicht mehr, sondern werden manipuliert; höchstens dienen sie als Staffage zu einem größeren Manipulationsakt.
In alten Zeiten war es relativ leicht, Zauberer zu sein. Man ließ sich einen Rauschebart wachsen, schwang einen knorrigen Stab mit oder ohne Goldbeschläge, murmelte unverständliche Worte, nahm sich viel Zeit für sein Brimborium, und dann geschah eigentlich nichts Besonderes. Allenfalls verfinsterte sich die Sonne.
Oder es blitzte, oder ein Erdbeben kam. Oder der Schnee schmolz, und es wurde Frühling. Das Volk lag einem zu Füßen und schenkte einem Ziegen, Kokosnüsse und Süßkartoffeln; davon konnte man ganz gut leben. Wenn jemand nachfragte, wie der Trick funktionierte, konnte man sagen „Meine Macht kommt von den Göttern“, und die Leute glaubten das. Zauberer dieser Art halten sich heute noch manche Völker; vor knapp hundert Jahren hatten wir auch noch solche und nannten sie Monarchen.
Mit der Zeit kriegten immer mehr Menschen spitz, daß es Fruchtbarkeit und Mondaufgänge auch ohne den Zauberer gab, und verlangten konkretere Leistungen: wenigstens die Heilung eines Kranken, oder Wasser aus dem Felsen schlagen und anschließend in Wein verwandeln. All das ließ sich arrangieren. Schlimmer war, daß die Menschen dem Zauberer auch immer genauer auf die Finger schauen wollten, aber gut: Fünf Millionen Menschen können nicht gleichzeitig demselben Hexer über die Schulter schauen, darum erlaubt man ihnen, aus ihren Reihen ein Kollegium zu wählen, das sich ganz dicht um ihn herum setzt und ihn umso genauer prüft. Weiß der Himmel warum, aber irgendwie wurden diese Kollegien (meist „Parlamente“ genannt) immer ganz schnell durch die Kräfte des großen Zauberers korrumpiert und assistierten ihm nur noch: sie steckten ein, was er gerade verschwinden lassen wollte, und reichten ihm diskret die Handvoll Magnesiumpulver, um einen winzigen Blitz zu produzieren. Irgendwann zauberte dann die Truppe allein, und der Zauberer stand nur noch daneben und winkte. Oder er zog sich ganz ins Privatleben zurück und läßt jetzt nur noch ab und zu an einem Wirtshaustisch, knapp unter der Nase von ein, zwei Staunenden, ein Steinchen spurlos verschwinden. (Nehme ich jedenfalls an. Oder wo sind die wirklich machtvollen Menschen? Die sich vor der Öffentlichkeit als solche geben, haben alle nur noch ein Gesicht vom Maskenbildner und dahinter die Fiktion ihrer PR-Manager.)

Gruselig. Vor ein paar Jahrzehnten hatten wir noch politische Manipulatoren, die sich getrauten, Geld von nirgendsher zu holen und damit ihrem Volk tolle Dinge zu spendieren, fast wie Sai Baba. Wo sind sie hin? Die heutigen geben gleich von vornherein zu, daß nichts da ist, ziehen allen ganz offen alles aus der Tasche, und wenn ab und zu ein Journalist ihre Machenschaften aufdeckt (denn nicht jeder sieht jeden Griff von allen Seiten gleichzeitig), bleiben sie gleich ungerührt wie Teller, wenn Penn kommentiert, wie er sich die Zigarette ins Ohr steckt. Der ganze Sinn scheint zu sein, daß sie die Nummer hinter sich bringen und nachher einen trinken gehen können – um eine Kanzlerpension kann man sich mehrere Gläser sehr, sehr gutes Mineralwasser leisten. Nur: Bei dem Trick gehen jede Menge Ressourcen drauf, dazu auch so nebensächliche Requisiten wie Bildung und Soziales. Die Eintrittskarten sind teuer, und das Publikum, dem die großen Erwartungen nach dem achten oder zehnten derartigen Akt vergangen sind, murrt nur noch müde: „Hmpf, die waren aber nicht so gut. Warten wir auf die nächsten.“ Pfui Teufel.

Weiterführendes:
Das Video „Penn and Teller Explain Sleight of Hand“: http://www.youtube.com/watch?v=_qQX-jayixQ

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