Von menschenfressenden Maschinen

Der Beziehung zwischen Mensch und Maschine wird in Charles Chaplins Film „Modern Times“ (USA 1936) kein sehr gutes Zeugnis ausgestellt. Stattdessen zeigt Chaplin, wofür zu leben es sich wirklich lohnt.

Charlie Chaplin Der Einzug der „großen“ Maschinen in die Arbeitswelt hat längst seine Aufregung verloren. Nicht so zu Zeiten der industriellen Revolution. Arbeitslosigkeit, Streiks, Armut stehen in Zusammenhang mit dem beginnenden Industriezeitalter und damit der voranschreitenden Automatisierung von Arbeitsvorgängen. In seinem Film „Modern Times“ setzt sich Charles Chaplin mit den gesellschaftlichen und vor allem den individuell-menschlichen Entwicklungen und Verlusten rund um die Industrialisierung auseinander:

Es gibt Personen, die das Unglück magnetisch anziehen. Die Hauptfigur im Film, gespielt von Charles Chaplin, gehört zu eben dieser Kategorie. Meist völlig schuldlos tappt er von einer unglückseligen Situation in die nächste. Ihren Anfang nimmt die Geschichte des bemühten Tollpatschs in einer Stahlfabrik. Am Fließband stehend führt er Stunde für Stunde den gleichen Handgriff aus – der Arbeitsteilung sei Dank: Mit zwei Schraubschlüsseln in den Händen gilt es die Schrauben von viereckigen Metallplatten fest anzudrehen. Die Fabrik selbst ist ausgestattet mit unterschiedlichsten, teils skurrilen, Maschinen, Fließbändern, riesigen Schaltzentralen voller Hebeln und Drehkreuze, überdimensionalen Bildschirmen, mit deren Hilfe der Puzzle-spielende Chef von seinem Bürostuhl aus bequem jede einzelne Betriebshalle inkl. WC-Raum observieren kann. „Band 5 schneller“, heißt es mehrmals und Chaplin, der ebendort arbeitet, startet einen absurden Geschwindigkeitskampf mit dem Fließband. Wen wundert es, dass seine Hände selbst in der Mittagspause, zum Leidwesen seiner Arbeitskollegen, nicht aufhören können die gleichen Handbewegungen auszuführen.

Essmaschine statt Mittagspause

Der Chef bekommt derweil in seinem Büro vom „automatischen Verkäufer“ die neueste Errungenschaft in Sachen „Zeitersparnis = Geldersparnis“ vorgeführt: die „Ernährungsmaschine“. Sie macht jede Mittagspause überflüssig. Der Arbeiter kann, eingeklemmt in die Essmaschine, „ungestört“ weiterarbeiten und bekommt gleichzeitig völlig automatisiert allerlei Essbares in seinen Mund geschoben. Ein Ungetüm, das leider noch nicht so richtig funktioniert – wie Chaplin, der als Versuchskaninchen herhalten muss, am eigenen Leib erfährt. Die Suppe landet auf der Brust, die Nachspeise mitten im Gesicht und die automatische Maiskolbendrehvorrichtung mit eigenem Getriebe scheint tödliche Absichten gegen ihn zu verfolgen. Kurzum, nach beendeter Mittagspause ist für Chaplin von Erholung keine Rede. Die wieder aufgenommene eintönige und stressige Fließbandarbeit tut ihr Übriges und so genügt ein kurzer Moment der Unachtsamkeit und Chaplin landet selbst auf dem Fließband, um von der Maschine regelrecht geschluckt zu werden. In der folgenden eindrücklichen Filmszene ist Chaplin im Inneren der Maschine zu sehen, sein Körper schlängelt sich von einem riesigen Zahnrad zum nächsten. Als die Kollegen ihn dann doch noch aus der Maschine retten können, folgt der gänzliche Zusammenbruch: Chaplin tanzt durch die Fabrikhallen, bedient nach Lust und Laune Hebel und Drehkreuze, spritzt den Arbeitskollegen Öl ins Gesicht und läuft mit seinen Schraubschlüsseln vollkommen besessen einer beleibten Frau hinterher, die unglücklicherweise auf Brusthöhe ihres Kostüms zwei Zierknöpfe in Form von Schrauben trägt. Chaplin hat einen Nervenzusammenbruch.

Die Flucht aus der Maschinenwelt

Es folgen der Rausschmiss aus der Firma und die Einlieferung in eine Nervenheilanstalt. Kaum von dieser entlassen, landet er unschuldig im Gefängnis. Und gerade, als er es sich dort so richtig schön gemütlich gemacht hat, wird er wegen guter Führung entlassen. So gelangt der Unglücksrabe von einem Abenteuer ins nächste. Parallel zu dieser Haupthandlung wird ein zweiter Handlungsstrang gezeigt, der eine junge Frau und ihren Kampf ums Überleben zum Thema hat. Zu einer Überschneidung beider Erzählschienen kommt es, als Chaplin zufälligerweise Zeuge eines Brotdiebstahls wird und, da er möglichst schnell wieder in seine heimelige Zelle zurück will, sich als Dieb ausgibt. Die eigentliche Diebin, die junge Frau, wird vorerst freigelassen. Kurze Zeit später treffen beide in einem Polizeiwagen aufeinander, brechen aus und schlagen sich ab diesem Zeitpunkt gemeinsam durchs Leben. Die unglücklichen Situationen nehmen zwar deswegen weder für sie noch für ihn ein Ende, aber Chaplin lehrt der jungen Frau etwas Wesentliches, nämlich trotz widrigster Umstände nicht aufzugeben und vor allem eines nicht zu vergessen – das Lachen. Am Ende befinden sich beide fernab von jeglichen Maschinen: jenen der Stadt – der Hektik, den Autos, den Presslufthammern – und weit weg von jenen der Fabrik.
Chaplins Film „Modern Times“ ist eine Satire auf die Neuerungen der Industrialisierung. Der Fabrikarbeiter verliert an der Maschine, am Fließband, seine Individualität, wird stattdessen selbst zu einem automatisch funktionierenden Objekt, zu einer Maschine. Der Mensch ist damit beliebig auswechselbar. Arbeitslosigkeit, Hunger und Streik sind allgegenwärtig in Chaplins Film und verweisen auf die Kehrseite der fortschreitenden Mechanisierung. Maschinen ersetzen Arbeitskräfte. Übrig bleiben Tätigkeiten, die gemäß der Arbeitsteilung auf wenige Handgriffe heruntergebrochen werden. Unzählige Wiederholungen des immer gleichen Handgriffs möglichst schnell ausgeführt lassen die Figur im Film verrückt werden. Eine eindeutige Aussage.

Der Mensch als Maschine im Film

Besonders in den 1920er und 1930er Jahren findet die Beschäftigung mit dem Thema Mensch-Maschine vermehrt Einzug in die Filmbranche. Neben Charles Chaplins Film „Modern Times“ gilt Fritz Langs Film „Metropolis“ (1926) als einer der bekanntesten Vertreter. Auch Fritz Lang steht einer blinden Fortschrittsgläubigkeit, gepaart mit zunehmender Verdrängung traditioneller Arbeitsstrukturen durch Maschinen, kritisch gegenüber. Heide Schönemann bringt dies in ihrem Buch über Fritz Lang mit folgenden Worten auf den Punkt: „Mit zunehmender Industrialisierung hört die Maschine auf, bloßes Werkzeug zu sein, beginnt ein Eigenleben, zwingt dem Menschen ihren Rhythmus auf. Er bewegt sich, sie bedienend, mechanisch, wird zum Teil der Maschine.“

Im Film „Modern Times“ wird die Hauptfigur regelrecht hineingezogen in die Maschine. Erst durch das Zurückdrehen der Räder kann Charles Chaplin aus den Fängen der Maschine befreit werden. Die dargestellte Maschine erinnert in ihrem Aussehen stark an ein Uhrwerk – durch das Zurückdrehen der Zeit könnte der Mensch aus den Fängen der Maschine gerettet werden, so eine Interpretationsmöglichkeit. Ironischerweise wäre dazu abermals eine Maschine nötig. Es muss sie nur noch jemand erfinden: die Zeitmaschine.

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