"Vorerst gescheitert"

„Vorerst gescheitert“: Karl Theodor zu Guttenbergs Interview mit Giovanni di Lorenzo, erschienen im Herder Verlag, 2011

Die Wellen schlagen hoch wenn die Rede auf den früheren deutschen Verteidigungsminister zu Guttenberg kommt. Sein Interviewbuch löste nicht nur bei der Leserschaft der „Zeit“ Empörung aus – dort aber besonders viel. Denn sein Interviewpartner war Zeitchefredakteur Giovanni di Lorenzo, der einen Vorabdruck in der Hamburger Wochenzeitung veröffentlichte und hier auf wenigen Seiten das „best of KT“ präsentierte. Dem akademischen Publikum der Zeit missfiel das Rampenlicht, das dem aus allen Ämtern ausgeschiedenen Expolitiker zuteil wurde. Man vermutet in Lorenzo einen Steigbügel-Halter für Guttenbergs politisches Comeback.

„Mein ungeheuerlicher Fehler“ titelte das Blatt richtig zitierend mit gesetzten Anführungszeichen – eine Technik, die der smarte Freiherr nicht immer beherrscht. Oder fast nie, wenn man der Internet-Plattform „GuttenPlag Wiki“ Glauben schenkt: mehr denn tausend Plagiatsfragmente aus über hundert nicht kenntlich gemachten Quellen auf über 370 Seiten der 393 Seiten starken Dissertation. Etwas seltsam mutet es da dann an, wenn die EU ausgerechnet Guttenberg als Berater verpflichtet, der sich mit der Rolle des Internets für die (arabische) Opposition beschäftigen soll. Zynische Pressevertreter fragten sich und ihn, ob er hierfür die nötige Kenntnis besitzt: eine ausgewiesene Kompetenz läge bislang lediglich für die „copy and paste“ - Funktion vor. Freilich ist dies nur ein genüsslicher rhetorischer Schuss auf den durchaus qualifizierten Expolitiker, der im Außenausschuss und in der Funktion als Verteidigungsminister Wissen über diese und andere Sachverhalte erwerben konnte. Eher wäre die EU zu befragen gewesen, ob sie mit jener Berufung nicht ein falsches Signal setzt. Denn Guttenberg nach weniger denn einem Jahr politischem Exil in den USA durch diese Position quasi zu rehabilitieren ist ein bemerkenswerter Schritt.

Ein Schritt, den Guttenberg mit seinem Buch, das nach dem Ende des juristischen Nachspiels (die Betonung muss wohl auf Spiel liegen – 20 000 Euro genügten um das Landgericht Hof zu saturieren, vorbestraft ist Guttenberg wegen seines Plagiats nicht), zum Glück selbst untergräbt. Denn der Freiherr strotzt in diesem seinem Buche nur so vor Selbstgefälligkeit und misst auf ungeheuerliche Weise mit zweierlei Maß. Auf Lorenzos Frage ob Guttenberg nachempfinden könne, dass sich viele junge Wissenschaftler, die oft unter großen Qualen an ihrer Doktorarbeit säßen sich vom Exminister verletzt gefühlt haben gibt dieser freimütig zu: „Dieser wichtige Gedanke ist mir tatsächlich erst relativ spät gekommen. Aber der Vergleich ist auch schwierig: ich habe ungeheuren Respekt vor jedem jungen Wissenschaftler, der sich dieser Arbeit unterzieht; aber bei den allermeisten ist es natürlich so, dass sie nebenbei kein politisches Mandat haben. Ich kann verstehen, wenn sich mancher gekränkt gefühlt hat, aber man muss auch faire Maßstäbe gelten lassen. Die Ausgangssituation bei meiner Doktorarbeit war anders als bei vielen anderen.“ Auch der Bewertung des (dem Doktorvater Guttenbergs nachfolgenden Lehrstuhlinhabers) Professor Lepsius wonach Guttenberg entweder lüge oder meschugge sei wenn er trotz der offenkundigen Plagiate gegenteilige öffentliche Statements abgebe trotzt er mit kühnen Angriffen: „Er hat sich mehrfach sehr krass ausgedrückt, und er hat auch davon gesprochen man sei einem Betrüger aufgesessen. Ich kann mir nicht erklären, warum er als Jurist mit solchen Begriffen um sich wirft, außer, er will Aufmerksamkeit erregen. Das ist ihm fraglos gelungen. Es gibt böse Zungen, die sagen, das macht man, um Bundesverfassungsrichter zu werden und dabei von einer politischen Seite unterstützt zu werden.“

Es stellt sich die Frage, warum sich eigentlich der politisch voll ausgelastete Guttenberg selbst ans Promovieren gemacht hat – hier beginnt im Buch der Blick hinter die Kulissen, in die adelige Welt der zu Guttenbergs und streift das Anspruchsdenken, das diese Herkunft mit sich bringen kann. Dieser Adelsethos habe ihn maßgebend geprägt und sei von väterlicher Seite stark eingefordert worden. Guttenberg versucht sich ferner als ganz normaler Zeitgenosse, dem sein Status nicht zu Kopf gestiegen sei zu präsentieren. Er teile mit vielen anderen das Schicksal Scheidungskind, Rebell in der Schule und später von der Bundeswehr Eingezogener. Guttenberg entschied sich für die Gebirgsjäger, war dort aus Liebe zur Tätigkeit länger als es der Grundwehrdienst erforderte tätig, schlug eine Unteroffizierslaufbahn ein. Und demonstrierte so Pragmatismus und Bescheidenheit zugleich. Letztlich brachte er es ja dennoch bis zum Verteidigungsminister, der bei den Soldaten trotz seiner Bundeswehrreformpläne sehr populär gewesen ist. Dies läge sicher auch an seiner geschickten medialen Selbstinszenierung im Dienste der Sache via Bild und „Wetten dass…“. Guttenberg zeigt sich im Interview stolz auf seine einleitenden Reformschritte und verteidigte seine problematische Personalpolitik im Afghanistankonflikt. In dieser Fragenabteilung schenkt der Leser dem ehemaligen Minister durchaus Glauben – hier wirkt Guttenberg aufrichtig besorgt nicht zuletzt um die Belange der Auslandsoldaten und deren öffentliche Wahrnehmung.

Schwerer zu ertragen sind Guttenbergs Schelten an die Adressen der im Amt stehenden Kollegen, denen er mangelnde Kompetenz und den fehlenden Weitblick vorwirft. Man ist geneigt KT das lateinische Sprichwort „Quod licet Jovi, non licet bovi“ (Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt.) entgegen zu werfen. Wohin hat ihn denn sein ureigen visionär gelebter Weltzugang gebracht? Guttenberg hätte mit mehr Redlichkeit, ohne Plagiatskandal und ohne Trotz nach dem bekannt Werden desselben eine außergewöhnliche Rolle in der deutschen Politiklandschaft einnehmen können. Das Wiederbeleben des antiken Ideal des freigeistigen Politiktreibenden, der nicht auf ökonomische Eigeninteressen abzielt (so wie es jetzt z B Bundespräsident Wulff wieder einmal unschön präsentiert: Urlaubsreisen und Privatkredite dank politischer Kontakte), sondern der aus einer Position der unabhängigen Stärke heraus große und brisante Themen ansprechen kann. Und so auch einen Großteil  der Wähler erreicht, die sich ja letztlich alle nach Glaubwürdigkeit sehnen und der billigen Wahlversprechen und Ankündigungen müde sind. Ein mehrfach geschwächter KT jedoch mag poltern was er will – es verhallt. Auch seine „Drohung“ (an die CSU), „die keine sein müsse“, gefragt geworden zu sein, eine neue konservative Partei mitzubegründen löst in München nur wenig Schrecken aus. Hans-Peter Friedrich gibt verklausuliert – „Ich fürchte dass Karl Theodor mit seinem Interviewbuch Wunden geschlagen hat, die so schnell nicht verheilen werden“ – zu verstehen: Guttenberg ist (in seiner Partei – und bei der interessierten Leserschaft) nun endgültig gescheitert.

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