Vorsicht, Sprachstufe!

Sie möchten wissen, wie man Lügen auf die Schliche kommt? Dann lassen Sie sich mal so richtig anlügen.

„Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist“, stellte schon Friedrich Nietzsche seinerzeit fest. So nehmen wir uns das zum Vorsatz, um die Urgründe des Seienden zu erforschen, und lügen mal so richtig drauf los. Für einen kleinen Crashkurs sollten wir uns ein Vorbild an Leuten nehmen, die demnach eindeutig wissen, wo der Hammer hängt: etwa an Bernhard Kohl („Doping ist Betrug, bei mir war die Versuchung nie da“), Bill Clinton („I did not have sexual relations with that women, Miss Lewinsky“) oder Wolfgang Schüssel („Wenn wir Dritter werden, gehen wir in Opposition“).

Wenngleich man Letzteren vielleicht doch in Schutz nehmen muss, nicht nur, weil die Lüge angeblich zum Geschäft gehört, sondern weil Lügen über das Faktische doch drastischer einzustufen sind als eine Lüge über einen Tatbestand, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht eingetreten ist. Wir wollen aber an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, ob man gebrochene Versprechungen als Lüge klassifizieren sollte – vielmehr soll ganz einfach knallhart gelogen werden. Aber auch das ist nicht so einfach, wie man sich das gemeinhin vorstellen mag.

Lügen – aber wie?

Man hört immer wieder, dass wir am Tag ca. 200-mal lügen. Abgesehen davon, dass das gelogen ist, kommt es darauf an, was man unter einer Lüge versteht. Unsinn verzapft jeder gerne hin und wieder, ohne ein Bewusstsein über die Unwahrheit der getätigten Aussagen handelt es sich aber eben um Irrtum – und nicht um Lügen. Bei solchen geht es vordergründig gar nicht um („objektive“) Wahr- oder Falschheit von Aussagen, die ohnehin bis zu einem gewissen Grad Dehnbarkeit aufweisen, was die Interpretation anbelangt. Dagegen handelt es sich genau genommen erst dann um eine Lüge, wenn man anderen eine Information zukommen lässt, die den Zweck einer bewussten Täuschung verfolgt. ­­­
Ein_e­ Lügner_in will, dass jemand etwas glaubt, was er_sie jedoch selbst für falsch hält. Damit scheint es, als wenn wir in einem kleinen Dilemma stecken würden: Wie soll ich Sie jetzt anlügen (bzw. täuschen), wo Sie doch Bescheid wissen, dass Sie angelogen werden? Eine Möglichkeit wäre: Ich lüge Sie gar nicht an – damit ließe ich Sie im Glauben, angelogen zu werden, und hätte eben damit gelogen, dass ich gerade nicht gelogen hätte. Klingt paradox? Ist es auch. Abgesehen davon scheint es jedenfalls so, als ob ich Sie gar nicht mehr belügen könnte. Aber keine Angst, so leicht gebe ich mich nicht geschlagen.

Paradoxe Logik

Seit geraumer Zeit wird nicht nur wie gedruckt gelogen, sondern auch über Möglichkeiten nachgedacht, wie man solche Lügen entlarven kann. Zu Feldforschungszwecken dürfte sich die Insel Kreta eignen, deren Bewohner angeblich die Kunst einwandfrei beherrschen, mit Verlogenheit Balken zu verbiegen. „Alle Kreter lügen“ soll der Kreter Epimenides gesagt haben, zumindest wenn man denjenigen Glauben schenkt, die ihm diese Aussage zugeschrieben haben – und ­immerhin lässt sich das aus dem Buch der Wahrheit schlechthin, namentlich der Bibel, erschließen. Im Brief Paulus’ an Titus (NT Titus 1,12) steht geschrieben: „Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche.“ Wie Sie wahrscheinlich bereits bemerkt haben, gibt es da eine kleine Ungereimtheit: Wenn jetzt der Kreter Epimenides gesagt haben soll, dass alle Kreter lügen, dann lügt ja auch er mit dieser Aussage. Ist sie jetzt gelogen oder nicht? Über keine Lüge zerbrach man sich in der Geschichte der Philosophie so den Kopf wie über dieses sogenannte „Lügner-Paradoxon“. Und so komisch es klingen mag, gerade diese Lüge (oder was auch immer es war) hat in der Formallogik entscheidend zu Theorien darüber beigetragen, wie man den Wahrheitsgehalt von Aussagen prinzipiell überprüfen kann.

Wahr, falsch und mehr

Die Frage, um die es geht, ist: Kann ich überhaupt Lügen mit Aussagen verbreiten, in denen ich genau das behaupte – dass also gerade gelogen wird? Pointierter ausgedrückt: Kann etwa der Satz „Diese Aussage ist gelogen“ gelogen sein? Wenn die Aussage wirklich gelogen ist, dann ist sie also falsch und deshalb – entgegen der ursprünglichen Behauptung – eben nicht gelogen. Wenn sie jetzt aber wahr ist, dann ist sie gemäß der Behauptung wiederum gelogen! Auweia, was denn nun? Man kann zumindest den klügsten Köpfen der Logik nichts vorwerfen – sie haben sich redlich darum bemüht, Licht ins Dunkel dieses Widerspruchs zu bringen. So besagen etwa Wahrheitswertlückentheorien, dass die obige Aussage weder wahr noch falsch sei, sondern einen Wert dazwischen annimmt (z.B. „unbestimmt“). Ein netter Versuch, der uns aber ungefähr so weit bringt, wie eine in der Donau schwimmende Knackwurst. Parakonsistente Logiken sitzen im selben Boot, indem sie neben den Werten „wahr“ und „falsch“ noch „wahr und falsch zugleich“ bzw. „weder wahr noch falsch“ annehmen – wovon Letzterer für unser Problem in Frage kommen soll. Danke für den Vorschlag – leider abgelehnt. Dann wären da noch Theorien mit instabilen Wahrheitswerten, die es zwar bei den bekannten zwei Werten belassen, allerdings für paradoxe Aussagen wie „Diese Aussage ist gelogen“ die (Schein-)Lösung angeben, der Wert würde zwischen „wahr“ und „falsch“ hin und her springen. Ich kenne da jedenfalls bessere Lösungsansätze – und die stammen von meinem Teddybär.

Die Lösung …

In der klassischen Logik, nach der Aussagen hinsichtlich ihrer Stimmigkeit untersucht werden, gilt das Prinzip „ex falso quodlibet“ – sobald in einer Argumentationsstruktur Aussagen vorkommen, die einander widersprechen, kann man Beliebiges daraus schlussfolgern (also scheinbar auch Widersprüchliches und Sinnloses). Zum Beispiel können wir aus dem Widerspruch, den wir zuvor behandelt haben, folgern, dass ­nichtexistente Raben grün sind. Wir wollen uns aber hier eher mit lebensweltlicheren Problemen wie dem Lügner-Paradoxon befassen, und dafür hat der polnische Mathematiker und Logiker Alfred Tarski mit seiner Sprachstufentheorie Abhilfe geschaffen. Aus dieser Theorie folgt, dass Aussagen, die sich in irgendeiner Form auf sich selbst beziehen, generell zu vermeiden sind – nach dem Motto: Keine Lösung ist auch eine Lösung (das ist übrigens ein Widerspruch, woraus folgt, dass … ach, egal). Das bedeutet aber, dass ich jetzt nicht befugt bin, über die Wahrheit dieses Artikels zu urteilen – denn wenn ich das täte, würde sich eine ebensolche Aussage (die sich ja hier in diesem Artikel befinden würde) auf sich selbst beziehen. Ob in diesem Artikel gelogen wird, kann ich also nicht sagen. Falls Sie es doch herausfinden wollen, hilft uns Logik anscheinend nicht weiter – aber wer braucht die schon?

… ist das Problem

Nicht nur rechte Reck_innen und orange Derivate berufen sich lieber auf das „gesunde Volksempfinden“, als auf Regeln und Gesetze, wie sie etwa auch die Logik bereitstellt. Viele meinen, ein bestimmtes Gefühl oder Gespür dafür zu haben, um Lügner_innen zu entlarven. Dagegen zeigen allerdings sozialpsychologische Untersuchungen, dass die Trefferquote lediglich bei etwa 50 % liegt, wenn es darum geht, gelogene Aussagen als solche zu erkennen. Keine reife Leistung, wenn man bedenkt, dass eben dieses Ergebnis auch bei zufälligem Raten zustande kommen würde. Auch wenn man besonderes Augenmerk auf bestimmte Verhaltensweisen legt, die man mit Lügen in Verbindung bringt (etwa Nervosität, Schwitzen etc.), erhöht sich die Detektionswahrscheinlichkeit nicht merklich. Und interessanterweise klassifizieren Expert_innen wie Ermittlungsbeamte, Psychiater_innen oder Zollbeamte im Vergleich mit Laien ebenso wenige Lügen richtig (ungeklärte Ausnahme: Geheimagenten). Es scheint also so, als wenn weder logische Regeln noch ein sinnliches Gespür dabei helfen würden, Lügen dingfest zu machen. Lügen, die ich womöglich ohnehin nicht mehr verbreiten kann, wie bereits erläutert wurde. Also: Flinte ins Korn und Kopf in den Sand – das eingangs so hochmotiviert angegangene Projekt wird auf ganzer Linie zum Scheitern verurteilt. Aber Sie wissen ja: Ehrlich währt ohnehin am längsten. Nachsatz: Was bleibt uns anderes übrig?

Quellen und Weiterführendes:

Wer sich über psychologische Merkmale und Hintergründe von Lügen informieren möchte, dem_der sei die Homepage von Prof. Jeannette Schmid empfohlen (http://user.uni-frankfurt.de/~jschmid/luegen.html)

Und für Logik-Freaks gibt es eine etwas deftigere Kost zum Lügner-Paradoxon: „Die Wahrheit über den Lügner. Eine philosophisch-logische Analyse der Antinomie des Lügners“ von Elke Brendel, erschienen bei de Gruyter (1992).

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