Wenn die Zivilisation am Beifahrersitz hockt …

Wolfgang Panzers poetischer „Straßenfilm“ „Broken Silence“ (CH 1995) zeigt, dass Roadmovies auch ohne Harley-Geschwindigkeitsrausch und Born to be wild-Romantik auskommen können.

„Unsere Probleme beginnen damit, dass wir nicht zuhause bleiben“ (Blaise Pascal) –
Der Kartäusermönch Fried Adelphi blieb ganze 25 Jahre zuhause, ehe er seine ihm so vertraute Klosterumgebung gegen die Welt außerhalb eintauscht. Gezwungenermaßen, denn der 100-jährige Pachtvertrag des Schweizer Klosters läuft aus und zu allem Übel befindet sich dessen Besitzerin weit weg, irgendwo in einer Vulkangegend mitten in East-Java. So sitzt Fried im Flugzeug Richtung Indonesien, ausgestattet mit Tropenhelm und Leinengewand, Geld und Kreditkarte. Das Leben kann beginnen – und mit ihm die Probleme.

Statt wie geplant in Jakarta, landet er im 2000 Meilen entfernten Delhi, verliert seine Brieftasche und bekommt Schwierigkeiten mit dem ansässigen Visabeamten. Per Zufall trifft Fried am Flughafen auf die afro-amerikanische Ashaela – im Flugzeug seine Sitznachbarin und, ohne sein Wissen, die neue Besitzerin seiner Brieftasche. Es beginnt eine gemeinsame Reise quer durch Indien, später Indonesien. Ashaela zahlt, ihr Gewissen drückt. Gänzlich unverständlich sind ihr Frieds 14 tägliche Gebetsrituale, die hitzeuntaugliche Klosterunterwäsche und sein vom Glauben geprägter Zugang zur Welt: „How do you know that you are doing the right thing? Is it possible that 800 million Hindus are totally wrong?“

Fried beginnt sich nach und nach auf ein Leben abseits klösterlicher Verhaltensregeln und Schweigegelübde einzulassen, mit all seinen Zufällen, chaotischen Ereignissen und zwischenmenschlichen Reibereien. Scheinbar Alltägliches, Unbedeutendes, wird bei Fried durch seine weltfremde, naive Umgangsweise zu etwas Besonderem: fast kindlich freut er sich über seinen angekommenen Schmäh.

Am Ende der Reise steht Selbsterkenntnis. Viel mehr aber zählt der Weg bis zum Erkennen: das vertrauende Sich-aufeinander-Einlassen ermöglicht zwischen dem ungleichen Paar eine Freundschaft, die sämtliche – kulturelle, sexuelle, altersbedingte, religiöse – Differenzen und Vorurteile mühelos überwindet.

Roadmovies verhandeln meist große Werte, wie Freiheit und Unabhängigkeit. Die Reise wird zur Flucht vor vorgegebenen Ordnungen und gesellschaftlichen Vorstellungen. Oft werden die Helden der Roadmovies zu gejagten Gesetzlosen, zur Bedrohung für das Gesellschaftssystem. Die in den Filmen verhandelten Schwarz-weiß-Gegensätze – gut/böse, Freiheit/Ordnung, Wildnis/Zivilisation – erinnern an ein vergangenes Genre, den Western.

Tatsächlich sind Roadmovies und Western durch einige Parallelen gekennzeichnet: Auch Western sind geprägt durch eine Reise, nur dass es damals noch kaum Straßen gab, die Zivilisation an ihrem Anfang stand. Das Ziel galt dem Westen. Der Western-Held, ein Mittler zwischen Wildnis und Zivilisation, war ebenso der Freiheit verbunden.

Im Roadmovie wird das unwegsame Wüstengelände mit Planwagen und Pferdegespann ersetzt durch Asphaltstraße und motorisiertes Fahrzeug in all seinen Variationen, ob Motorrad, Auto oder Truck. Roadmovies handeln von der Sehnsucht nach einer einfachen Welt ohne Regeln. Einer Welt, die man allein bewohnt. Das Auto passt gut zu dieser Lebenssicht, wird es doch meist ebenfalls alleine gefahren. „Broken Silence“ widerspricht dieser Genrekonvention: Gereist wird zwar in allen möglichen Vehikeln, Rikscha, Flugzeug, Kleinbus, Schiff, aber niemals allein.

Peter Lau bringt in seiner kleinen Abhandlung über Roadmovies den Unterschied auf den Punkt:
„Die düsteren Ahnungen der Road-Movie-Helden waren also richtig. Lässt man die Autotür lange genug auf, sitzen früher oder später andere Menschen und mit ihnen das komplizierte Geflecht Zivilisation auf dem Beifahrersitz. Was sie nicht wussten: Das ist das Beste, was einem passieren kann.“ Der Film „Broken Silence“ ist ein guter Beweis dafür.

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